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mob e.V. - Obdachlose machen mobil

Und wann verkaufen Sie den Strassenfeger? (1998)

Was Sie schon immer über den Straßenzeitungsverkauf wissen wollten - und nie zu fragen wagten...

- Achtung: Dies ist ein Dokument aus dem Jahr 1998.  Einiges hat sich in den letzten Jahren verändert,  aber einiges ist nach wie vor zutreffend. Bitte lesen und selbst nachdenken. -

Kann auch ich den Strassenfeger verkaufen?


Aber sicher! Strassenfeger ist ein Straßenmagazin, jeder und jede kann ihn verkaufen. Wir haben keine Aufnahmeprüfung. Der Verkauf vom Strassenfeger ist eine Verdienstmöglichkeit für alle Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - Geld zum Lebensunterhalt brauchen.

Was muß ich tun, um den Strassenfeger zu verkaufen?

Komm zu unserem Vertriebsbus (blauer VW-Bus) in der Jebensstraße hinter dem Bahnhof Zoo. Bringe Deinen Personalausweis mit. Außerdem mußt Du unsere Verkäuferregeln durch Deine Unterschrift bestätigen. Zum Start erhältst Du insgesamt 10 Exemplare vom Straßenfeger umsonst. Alle weiteren Exemplare erhältst Du bei uns zum Preis von 1,-- DM und verkaufst Du weiter an Kunden zum Preis von DM 2,--. Nach ein paar Tagen bekommst Du von uns einen Verkäuferausweis mit Deiner Verkäufernummer.

Nehme ich damit nicht obdachlosen Verkäufern Ihre Verdienstmöglichkeit weg?

Überhaupt nicht! Berlin ist eine große Stadt, und insbesondere in den Außenbezirken sind wir bislang viel zu wenig vertreten. Überall in der Stadt gibt es noch belebte Plätze und Orte, wo man gut den Strassenfeger verkaufen kann und wo bisher noch kein Verkäufer gewesen ist. Zum Vergleich: Hamburg ist eine viel kleinere Stadt als Berlin, und dennoch werden dort im Monat über 100.000 Exemplare der Straßenzeitung "Hinz & Kunzt" verkauft. Wir können also noch sehr viel mehr Zeitungen in Berlin und Umgebung absetzen.

Ist es nicht peinlich, die Zeitung Strassenfeger zu verkaufen?

Die vielen Straßen- und Kneipenverkäufer vom Berliner Kurier, BZ, Bild, Morgenpost, taz, Tagesspiegel schämen sich ja schließlich auch nicht. Wir versuchen, eine gute Zeitung zu erstellen, die sicherlich soziale Themen im Vordergrund hat und die ihren Preis wert ist. Inzwischen kennt fast jeder in Berlin den Straßenfeger als Selbsthilfeprojekt. Diese Bekanntheit können auch Sie für sich nutzen, um Einkünfte zu erzielen.
Außerdem: Es gibt 1 Million Obdachlose und mehr als 8 Millionen Arbeitslose in Deutschland. Wer Zeitungen verkauft, zeigt, daß er bereit ist zu arbeiten und seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu sichern.

Wie werde ich die Zeitung am besten los?

Hier gibt es unterschiedliche Strategien. Unterhalte Dich einfach mit unseren Verkäufern. Eine Methode ist, sich einen Stammplatz aufzubauen. Das erfordert sicherlich einige Geduld. Du kannst die Passanten ansprechen, Du kannst Dich aber auch einfach nur hinstellen, und hoffen, daß Dir jemand eine Zeitung abkaufen möchte. Das hängt ganz von Dir ab.

Wie ist das mit dem Verkauf in öffentlichen Verkehrsmitteln (U- und S- Bahn)?

Wir haben keine Konzession, und unsere Verkäufer haben immer wieder Probleme. Auf der anderen Seite sind viele kommerzielle Unternehmen in den öffentlichen Verkehrmitteln präsent (Kioske, Lebensmittel, Werbung, Bahnhofsfeste usw.). Es ist nicht einzusehen, daß ausgerechnet ein Selbsthilfeprojekt wie der Strassenfeger diese Möglichkeiten nicht nutzen darf, schließlich tun wir einiges zur Überwindung von Armut und Elend. Unser Ziel ist, zu erreichen, daß Zeitungsverkäufer in den öffentlichen Verkehrsmitteln akzeptiert werden.

Gehe ich irgendwelche Verpflichtungen gegenüber dem Strassenfeger ein?

Nun, Du solltest unsere Verkäuferregeln akzeptieren (siehe Kasten auf dieser Seite). Alles andere ist Deine Angelegenheit: ob, wo, wann und wieviel Du verkaufen willst!

Welche Rechte habe ich als Verkäufer?

In der Regel einmal im Monat findet in unseren Redaktionsräumen eine Verkäuferversammlung statt. Der Termin wird rechtzeitig bekanntgegeben. Du selbst kannst die Themen vorschlagen, die auf der Verkäuferversammlung besprochen werden. Du kannst auch Mitglied im gemeinnützigen Verein »mob - obdachlose machen mobil e.V.&laqno; werden, der den Strassenfeger herausgibt. Dazu mußt Du einen Antrag stellen. Als Mitglied im Verein bist Du Miteigentümer und Mitherausgeber der Zeitung und entscheiden über alle finanziellen und inhaltlichen Angelegenheiten der Zeitung.

Was passiert mit der einen Mark für das Projekt?

Eine Zeitung herzustellen, kostet Geld. Wir bezahlen Druck, Belichtung, Gestaltung (Lay-Out), Redaktion. Darüberhinaus haben wir noch weitere Kosten: KfZ-Steuer und Versicherungen, Telefon und Strom, Mietkosten für die Redaktion und Kosten für unsere Notübernachtung und so weiter. Im Moment sind wir dabei, Rücklagen zu bilden, um das Zeitungsprojekt langfristig abzusichern. Unsere Satzung verpflichtet uns, alle Gelder nur im Rahmen unserer Vereinziele zu verwenden. Dies wird durch die Mitgliederversammlung und die Finanzämter streng kontrolliert. Außerdem veröffentlichen wir regelmäßig unsere Bilanz im Strassenfeger.
Sobald wir mit unserer Zeitung Überschüsse erwirtschaften, wollen wir Arbeits-, Wohn- und Kulturprojekte für arme und obdachlose Menschen eröffnen, spätestens zum Herbst hin.

Wie ist es mit der Mitarbeit in der Redaktion?

Jeden Donnerstag ist offene Schreibwerkstatt bzw. Redaktionssitzung in unsereren Räumen in der Kopernikusstr. 2. Jeder kann dort mit Themenvorschlägen und Artikeln vorbeikommen (wir geben auch journalistische Hilfestellung). Über die Texte und Themen wird demokratisch entschieden. Für veröffentlichte Texte zahlen wir Zeilenhonorar. Allerdings ist der Umfang unserer Zeitung begrenzt (z.Zt. auf 24 Seiten), und wir können nicht immer jeden Artikel berücksichtitgen.

Muß ich meine Einkünfte versteuern oder irgendwelchen Behörden angeben?

Grundsätzlich ja, aber das ist Deine Angelegenheit! Du bist uns gegenüber nicht weisungsgebunden und stehst auch in keinem Vertragsverhältnis, sondern Du bist als Verkäufer der Zeitung Strassenfeger selbstständiger Gewerbetreibender.

Gibt es Möglichkeiten, mich durch den Zeitungsverkauf rechtlich abzusichern (Sozial-, Renten- und Krankenversicherung)?

Aber sicher! Ein Teil der Einnahmen für unser Projekt wird genau für diese Sozialversicherungsleistungen verwendet. Das ist übrigens ein Beschluß der Verkäuferversammlung. Unterhalte Dich darüber einfach mit unserer Geschäftsführerin. Wir sind gerne bereit, entsprechende vertragliche Vereinbarungen mit Dir schriftlich abzuschließen.

Ich bin noch unentschlossen! Was kann ich tun?

Der Strassenfeger wurde bereits von Journalisten und Politikern probeweise verkauft. Sie alle haben berichtet, daß es zwar harte Arbeit ist, Zeitungen zu verkaufen, aber dennoch möglich. Komm einfach mal an unserem Vertriebsbus vorbei und rede mit unseren Leuten. Unsere Verkäufer sind gerne bereit, Dich einzuweisen und Dir die wichtigsten Tricks und Strategien des Zeitungsverkaufs beizubringen.

Und nicht zuletzt hängt es von Deiner Einstellung ab. Zeitungsverkauf ist keine Bettelei, sondern aktive Selbsthilfe. Teste es aus, probier es einfach mal! Jeder hat eine Chance - Du kannst sie nutzen!


Letzte Änderung: 09.11.98