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Das „begehbare Buch“ des Manuel Martínez

Feiern im „Coco Solo Social Club“ in Havanna

Manuel hat seine Familiengeschichte in einem „begehbaren Buch" dokumentiert. Die Wände und Decken seines Hauses in einem bescheidenen Viertel der kubanischen Hauptstadt Havanna sind fast vollständig mit schwarzen Lettern bedeckt. Besucher, die sich diese ungewöhnliche Ausstellung ansehen, stoßen auch auf Fotos und allerlei Objekte aus der Vergangenheit.

Kubanische Flaggen, die Kinderschuhe seiner Mutter, das Innere eines Klaviers, lose Seiten aus der kommunistischen Parteizeitung „Granma“ und Rockmusik-Alben: Martínez hat ein wahres Sammelsurium an Gegenständen zusammengetragen. Im Badezimmer des Hauses, das der Schriftsteller mit seiner Frau und seiner siebenjährigen Tochter bewohnt, erfährt man so manches über seinen Urgroßvater Juan Pérez, der im späten 19. Jahrhunderten gegen die spanischen Kolonialherren kämpfte.

Jeder Winkel des Gebäudes erzählt einen Teil der Geschichte, die nach Ansicht von Martínez nirgendwo sonst veröffentlicht worden wäre. Juan Pérez sei eines Tages in die Gegend gekommen, in der es noch keine Straßen, sondern nur ungepflasterte Wege gab. Der Urgroßvater ließ sich genau an dem Ort nieder, wo die Familie noch heute wohnt.

Die Abenteuer seiner Ahnen inspirierten Martínez zu seinem soziokulturellen Projekt „Coco Solo Social Club“, das nach seinem Wohnviertel benannt ist. Seit 2009 lädt der Theaterautor die Nachbarschaft zu Partys, Konzerten und Theateraufführungen ein und stärkt so den Zusammenhalt zwischen den Bewohnern von Coco Solo.

„Buena Vista Social Club“ stand Pate

Mit dem Namen der Initiative spielt Martínez auch auf den legendären „Buena Vista Social Club“ an, durch den 1996 betagte kubanische Musiker auf einen Schlag weltweit berühmt wurden. Wim Wenders hat den charismatischen Altstars und den bröckelnden Fassaden Havannas in seinem gleichnamigen Film ein Denkmal gesetzt.

In dem Innenhof, in dem die Familie Gemüse anbaut und exotische Pflanzen züchtet, treffen sich nun regelmäßig Leute aus dem Viertel. „Wir haben uns alle zusammengetan - Schauspieler ohne Engagement, Musiker, die nicht mehr komponierten und Magier, die zu zaubern aufgehört hatten", erinnert sich Martínez an die erste öffentliche Party in seinem Haus. Ihre Aufführungen zögen seitdem viele Neugierige an.

Bevor es losgeht, werden die Gäste mit einem typischen kubanischen Fleischeintopf bewirtet. Auch für die Unterhaltung von Kindern ist bei Martínez gesorgt. Seine Initiative schließt in dem Viertel eine große Lücke. Denn andere Freizeitaktivitäten spielen sich oft in weiter entfernten Teilen der Stadt ab.

Zum Start lud der Schriftsteller die Rockband „Magical Beat“ ein. Inzwischen wird er sogar von der Stadtverwaltung unterstützt. „Die Leute verstehen erst nicht, dass Gäste bei uns nichts zahlen müssen", sagt Martínez' Mutter Caridad Pérez. Die ganze Nachbarschaft identifiziere sich mittlerweile mit dem Projekt und beteilige sich aktiv daran.

Staatliche Kulturinstitutionen unter finanziellem Druck

In einer Zeit, in der Regierung von Raúl Castro wirtschaftliche Reformen vorantreibt, ist die Initiative besonders wichtig. Die Kulturinstitutionen des Karibikstaates, die dank Subventionen jahrzehntelang gratis Veranstaltungen anboten, stehen nun unter dem Druck, profitabel zu arbeiten. Der „Coco Solo Social Club“ ermöglicht Künstlern, die auf dem offiziellen Markt nicht unterkommen, ihre Kreativität auf anderen Wegen einzubringen.

In dem Projekt engagieren sich unter anderem die Künstlergruppe „Los Mataflores“ und die Theatertruppe „La Marea“, deren eigentliche Spielstätte baufällig geworden ist. Martínez' Frau Yamilda Velásquez gibt Kurse in Musiktheorie und bringt Kindern Klavierspielen bei. Gemeinsam drehen sie alle Amateurvideos, die digital weiterverbreitet werden.

www.streetnewsservice.org / IPS

Zuletzt aktualisiert: 18.10.2011 18:48

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