„Leben hat Gewicht – gemeinsam gegen den Schlankheitswahn“ – so heißt die Kampagne, mit der die Politik endlich auch in Deutschland gegen die Frauensucht Nr. 1 mobil macht. Endlich, muss man sagen, denn bisher war das größte Manko, dass sich die Politik in Deutschland dem Millionen Mädchen betreffenden Problem der Essstörungen und seinen tödlichen Folgen nicht offensiv angenommen hatte. Ganz anders in Ländern wie Spanien, Österreich und England, wo Frauen- und Gesundheitsministerinnen das Problem der Hungersucht längst zum Politikum erklärt haben.
Erster Akt: Im Dezember vergangenen Jahres fanden sich neben den Initiatorinnen auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer zu einem ersten Gespräch am runden Tisch zusammen. Unterstützt wird die Kampagne vom Familien- und Bildungsministerium, von der Mode- und Medienbranche (Jette Joop, Top-Model Marvy Rieder) bis hin zu Prominenten wie der Fußballerin Nadine Angerer. Auch aus dem Ausland kommt Hilfe: von der österreichischen Frauenministerin Andrea Kdolsky, die über ihre eigene Kampagne gegen den Diätwahn berichtet, bis hin zur internationalen Spitzenexpertin, Susi Orbach aus Großbritannien. Aber nicht nur Prominente, auch VertreterInnen zahlreicher Institutionen, die sich in Deutschland seit Jahren mit dem Thema Essstörung zu tun haben, sind mit dabei: vom Bundesverband Essstörungen über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bis hin zum Arbeitskreis Frauengesundheit, vom Deutschen Olympischen Sportbund über den Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen bis hin zur Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Wie eng der mediale Einfluss von (Vor)Bildern mit dem Körperbild junger Frauen und dem Problem des Schlankheitswahns verknüpft sind, schrieb 1979 die Therapeutin und Autorin des „Antidiätbuches“ Susi Orbach (Therapeutin der essgestörten Prinzessin Diana). In ihrem neuestes Buch „Beyond Stereotypes“ („Jenseits der Stereotype“) zeigt sich, dass der Druck auf die Mädchen und Frauen und ihr Körperbild durch die Medien nicht kleiner, sondern größer geworden ist. Zwei Drittel der befragten Mädchen finden es „schwierig, sich schön zu fühlen, wenn man mit dem heutigen Schönheitsideal konfrontiert ist“. Und jede achte Befragte gab an, unter Bulimie oder Magersucht zu leiden.
„Essstörungen wie Magersucht und Bulimie sind keine Bagatelle, sondern ernst zunehmendes Problem“, schlägt nicht nur die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, sondern auch das Robert-Koch-Institut (RKI) Alarm. Das RKI fand in seiner jüngsten Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit (KIGGS), für die 17.000 Jungen und Mädchen befragt wurden, heraus: Jedes dritte Mädchen in Deutschland zeigt ein „auffälliges Essverhalten“. Vom auffälligen Essverhalten spricht auch das Kasseler Zentrum für Essstörungen: Jedes zweite Mädchen zwischen elf und 13 Jahren hat Diäterfahrungen. Andere Institutionen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) sprechen von ähnlichen Zahlen und haben empirisch beglaubigt, was ExpertInnen an der Hungerfront schon lange diagnostiziert haben – eine Massenpsychose unter Mädchen und einen Anstieg des Problems bei Jungen.
Was besonders alarmierend ist: Die Betroffenen werden immer jünger. Vierjährige, die essgestört sind, Achtjährige, die bei den Notrufen um Hilfe suchen und Zehnjährige, die schon Klinikaufenthalte hinter sich haben. Besonders Mädchen aber auch zunehmend mehr Jungen werden stark von diesen anorektischen Vorbildern aus Werbung, Mode und Fernsehen beeinflusst. Deshalb fordern nicht nur der Leiter des Bundesfachverbandes Essstörungen, Andreas Schnabel, sondern auch die drei Ministerinnen ein Ende der „grausigen Vorbilder“. Neue Vorbilder müssen also her, denn „Magermodels gehören weder auf den Laufsteg noch in die Werbung“, wie es die Ministerin Ulla Schmidt auf dem Gipfel im Dezember ausführte und was ExpertInnen schon lange fordern.
Was andere Länder schon längst begonnen haben, den gemeinsamen Kampf von Politik, von ExpertInnen, von Mode und Medien, fängt hier jetzt erst an. Der erste Schritt ist getan, nun braucht es den zweiten.
Martyn R.Zum Weiterlesen: Susie Orbach: Antidiätbuch 1 und 2; Renate Göckerl: Tatort Kühlschrank; Brigitte Biermann: Engel haben keinen Hunger;www.bundesfachverbandessstoerungen.de; www.lebenshungrig.de; www.bzga-essstoerungen.de; www.s-o-ess.at; www.rki.de