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mob e.V. - Obdachlose machen mobil

Zu hungrig zum Denken

Zwei junge Rumänen sehen in ihrem Heimatland keine Zukunft für sich

Dana (links) und Cátálin; Foto: Rolf Zöllner
Dana (links) und Cátálin; Foto: Rolf Zöllner
Dana und Cátálin sind zur Zeit Gäste in der Notübernachtung in der Prenzlauer Allee. Sie stammen aus Bacau, einer größeren Stadt im Nordosten von Rumänien. Zunächst sind sie nach Italien gegangen, seit fünf Monaten sind sie nun in Berlin. Zutiefst ernüchtert von den Lebensbedingungen in ihrem Heimatland hoffen sie auf ein besseres Leben in Deutschland. Zur Zeit leben sie von den Einnahmen aus dem Verkauf des strassenfeger. Jutta H. sprach mit Dana und Cátálin.
 
strassenfeger: Wie klappt es mit dem Verkauf vom strassenfeger? Immerhin sprecht Ihr ja noch nicht so gut deutsch.

Cátálin: Die Leute wissen ja, worum es geht. Außerdem spreche ich inzwischen schon etwas deutsch. Es sind nicht so viele Zeitungen, die wir verkaufen. Wir bekommen von den Leuten vor allem kleine Spenden. Das reicht für etwas zu essen oder einen Kaffee. Und die Notübernachtung hier ist sehr billig. So kommen wir erstmal zurecht.

sf: Gibt es in Rumänien eine Straßenzeitung wie den strassenfeger?

Cátálin: Nein! Rumänien ist ein armes Land mit armen Leuten. Da gibt es nicht viel.

sf: Ist das der Grund dafür, warum Ihr aus Rumänien weggegangen seid?

Cátálin: Ja, aber der Hauptgrund war für mich die berufliche Perspektivlosigkeit. Ich habe viele Jahre fürs Radio gearbeitet, habe für Zeitungen geschrieben und eigene Bücher veröffentlicht. Außerdem hatte ich eine eigene Zeitung und habe eigene Ausstellungen gehabt. Aber meine Anstrengungen haben zu nichts geführt. Ich habe aufgegeben. Der Lebensstandard in Rumänien ist zu niedrig, als dass sich die Leute für Bücher oder Bilder interessieren würden. Ich habe versucht, für mein Land etwas zu tun, aber ich habe aufgegeben.

sf: Als was hast Du in Rumänien gearbeitet, Dana?

Dana: Oh, ich habe vieles gemacht! Früher habe ich mal in der chemischen Industrie gearbeitet. Dann bin ich in Bukarest ein Jahr aufs College gegangen, hatte dann aber kein Geld mehr, um das weiterzumachen. Die verschiedensten Jobs hatte ich danach. Ich habe als Verkäuferin, Kellnerin, Dolmetscherin, Sekretärin gearbeitet. Außerdem bin ich Mutter. Ich habe eine elfjährige Tochter.

sf: Wo ist sie jetzt?

Dana: Sie ist bei ihrem leiblichen Vater in Rumänien. Ich vermisse sie sehr. Sie soll irgendwann nachkommen.

sf: Was sind die Rumänen für Menschen?

Dana: Die Rumänen sind eigentlich liebenswerte, offene Leute. Aber es ist hart. Die Menschen sind sehr arm. Sie leben, aber sie sind nicht lebendig. Sie existieren nur. Die Leute haben keine Arbeit, und wenn sie eine haben, ist sie sehr schlecht bezahlt. Die Kinder gehen hungrig zur Schule, es gibt kein Geld für Kleidung. Aber die Menschen wehren sich nicht. Sie sind zu hungrig zum Denken.

Cátálin: Viele Menschen haben keinen Strom und kein heißes Wasser. Sie haben kein Geld dafür. Ich selber habe einmal ein Jahr lang in Bukarest ohne warmes Wasser gelebt!

sf: Habt Ihr keine Hoffnung, dass sich die Situation bessert?

Cátálin: Nein!! Die Politiker sind nicht an den Menschen im Land interessiert. Es geht ihnen nur um ihren eigenen Profit.

Dana: Vor vier Jahren hat Basescu, der Präsident von Rumänien, alle Hunde in Bukarest töten lassen! Einfach weil er meinte, es gäbe zu viele! Brigit Bardot, die ja engagierte Tierschützerin ist, ist gekommen und hat dagegen protestiert!

sf: Wie unterscheidet sich die Armut in Deutschland von der in Rumänien?

Dana: Hier gibt es keine armen Leute!

sf: Aber dieses hier ist ein Verein, der sich für arme Leute einsetzt!

Dana: Ja, ich weiß. Aber die armen Menschen hier in Berlin sind in Rumänien mittleres Wohlstandsniveau! Wir haben hier warmes Wasser, Licht, zu essen, wir haben hier alles!

sf: Und die Menschen hier bekommen Sozialhilfe.

Dana: Auch in Rumänien gibt es Sozialhilfe! Aber nur neun Monate lang, danach ist es deine Sache, wie du zurechtkommst!

sf: Welche Pläne habt Ihr?

Cátálin: Wir werden hier unser Leben aufbauen.Das Wichtigste wird sein, Wohnung und Arbeit zu finden. Erstmal verkaufen wir den strassenfeger weiter und lernen deutsch. Viele Menschen unterstützen uns hier, dafür sind wir sehr dankbar!