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Bilder spenden Licht - Märchen sprechen Bilder
Märchen malen Bilder in das innere Auge. Die Märchensprache gibt Bilder in die Vorstellung, in die Einbildung, die sich wie Licht einleuchtet, in innere, noch verhüllt verschwommene Seelenbilder einblenden. Die Erleuchtung entwickelt die Seelenbilder, die sich auf rätselhafte Weise dem Erinnerungsvermögen entziehen, dem die Märchensprache das Verschwundene zuträgt, welches das Gedächtnis empfängt. Das „sind die Augenblicke, in welchen die sozialen Leerräume um uns herum, in die wir gewöhnlich hineinsprechen, die Worte nicht mehr verschlingen, sondern wir selbst nur noch aufnehmen. Auf diese Weise für die Botschaften geöffnet, werden diese nicht als Objekt des rationalisierenden Verstandes auf Distanz geschoben und können sich nicht in die Logistik unseres Denkens verknoten.” (1)1)
Die Bilder besinnen. Die Botschaft „hat in uns etwas angerührt, das psychisch der Substanz des Bildes gleicht und seit langem in unserem Unbewußten existiert.” (2) Die Anrührung bringt Vergangenes im Gedächtnis der Aussprache nahe. „Wir erblicken, bevor wir bedacht haben. Was wir bedenken, das sucht nach den passenden Worten und will zur Sprache kommen.” (3)
Märchen sprechen Verstummtes an, das im Vergessen unbekannt Erstarrte, das von den Grübeleien eines Zerbrechens des Kopfes Unerhörte, das dem blindlings in den Gehirngängen Irrenden Verborgene. Die Märchenbilder finden das Verlorene, sie suchen es auf. Das Bild steht vor der Sprache: „Sobald es vor unseren Augen erscheint, geht es bereits zu den Sinnen. Es regt beim Anblick unsere Empfindungen an und fällt erst dann in das Denken ein.” (4)
Der Einfall ins Denken erleichtert und befreit den Denker von seinem abrechnenden Denken mit sich selbst, das ihn kontrolliert und das sich als Zweifel, der verwirft und verleugnet, in die Seele fraß und der sich als das Denken überhaupt auszumachen vorgibt, „nämlich als mißtrauische Wachsamkeit allem und jedem gegenüber”. (5) Der Einfall öffnet die Augen und die Ohren und das Herz und die Seele, denn die Märchenbilder brechen das verschlossene Abgesperrte auf, sie sind mächtig, sonst müsste das Eröffnete schon offen gewesen sein. Der Einfall befreit die Wachsamkeit von ihrer Schlaflosigkeit. Der schlaflose Zweifel lebt die Wache.
Der Einfall beruhigt, „so als ob der Körper, frei vom Grübeln und von Sorgen, leicht durch Zeit und Raum getragen wird” (6): „... der Ton setzte wieder ein, doch jetzt in einer anderen Sprache ... die Worte kamen nur noch, wenn er es wollte ... er konnte sie nach Belieben abstellen ... durch das Zurückfinden in diese Gegend hatte er das ganze Gebäude der Realität zum Einsturz gebracht, es war nur noch ein alter Film, den er mit einer Handbewegung an- und abstellen konnte.” (7)2) Der Einfall kehrt um, dass der Denker „in seinem Denken lebt” (8), damit das Denken sich mit Zeit beleibt, dass es wächst und abstirbt, dass es dem Augenblick gedeiht. Denn der schlaflose Gedanke kreist zeitlos ein. Ihm ist die Vergangenheit zukünftig und die Zukunft vergangen. Der Schlaflose wacht im Käfig des Immer und Nie, dem Jetzt, das ist der Film abgelaufener Bilder. „... die Pest frißt sich durch die Leiber, sie waren schon lange tot und wurden nur noch als Lebende simuliert in einem Film, auf Zelluloid, und wer sich damit ansteckt, wird wahnsinnig ... Du stellst fest, daß du nur ein Gefühl der Freiheit hast, solange du allein in deinem Zimmer bist und schweigen kannst. Wenn du es verläßt, mußt du unweigerlich reden. Versuch mal, in meinem Film bis zur nächsten Ecke zu kommen, ohne dir den Weg dorthin mit Worten bahnen zu müssen.” (9)
Die Sprache verfilmt die Welt und sie schiebt sich vor die Bilder, dass die Welt der Sprache scheinbar nachläuft. „Du siehst eine Coca-Cola-Reklame, und prompt sagst du: Coca-Cola. Du kommst mit deinem Film einem anderen ins Gehege, und sofort nimmt der in seinem Film dein Gemurmel auf und sieht alles mit anderen Augen.” (10) Die Sprache ist ein Film abfolgender Bilder, die Ihr Leben in die Vergangenheit spulen. „Es sollte inzwischen klar geworden sein, daß das, was ihr Realität nennt, nur dadurch zustande kommt, daß alle eure Handlungen vorprogrammiert und damit vorhersehbar sind.” (11) Für den Psychoanalytiker ist das Jetzt eine selbstauferlegte Wiederholung, die der Geschichte des Selbst entfallen ist. Märchen verdrehen die Augen und verbinden Blicke. „Als er herabfiel (von der Wand), war er kein Frosch.” Holger
1) 1-6 und 8: Winfried Münch, „Märchenbilder und ihre Geheimnisse“. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt 2001. Siehe: „Die Bildersprache im Märchen“ (103-107) und: „Der Lauf der Dinge: Begegnungen zwischen Sein und Grund“ (116-152). 2) 7 und 9-11: William S. Burroughs, „Die alten Filme“. Maro Verlag, Augsburg 1995
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