 Auf Sand gebaute Utopie: National Congress, Brasilia (Architekt: Oskar Niemeyer); Quelle: wikimedia.org
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BestärkungEs ist doch insgesamt ernüchternd schnell und einfach auf den Punkt gebracht: In einer hungernden Welt wird ein klar denkender und anständiger Mensch immer die Partei der Hungernden ergreifen und die unsäglichen Verhältnisse, die dieses schreiende Unrecht hervorbringen, ablehnen. Er muss sie hassen.
Sofort drängt sich die Frage auf, was dieser traurige, verlassene Einzelne überhaupt tun und hoffen kann? Doch die kommt eben zu schnell um die Ecke. Denn warum ihn dort vereinsamen lassen, ohne noch eins draufzusetzen? Das Problem des Sisyphos ist nicht der Stein, sondern der Berg. Wer die Stecknadel sucht, hat es mit dem Heuhaufen zu tun. Wenn irgendwo zu zweifeln begonnen wird, kommt sofort alles auf dem Tisch, denn immer verbirgt sich hinter dem ersten unerträglichen Zustand gleich der nächste, der dritte und so fort. Es ist gar nicht auszudenken. Tatsächlich nicht. Und genau deshalb entstehen die sozialen Utopien: die Nirgendwoländer. Sie sind sogar unbedingt erforderlich. Denn zwar sagen wir uns: „Alles wird besser, nichts wird gut.“ Trotz alledem wünschen wir uns aber jeder jedem alles Gute. Und meinen es meist auch so. Die Hoffnung ist ein Grundtrieb unseres Überlebenswillens.
EinhegungIch kann ja nicht meinen oder Deinen oder seinen Hunger hassen, ich kann keine tiefe Abscheu vor meinem Mangel an Geld kultivieren, wenn ich darüber im Bilde bin, mit welcher Unverfrorenheit sich gleichzeitig andere Leute die Taschen füllen. Die Tatsachen sind mit Händen zu greifen, sie sind unfassbar offensichtlich! Und meine Nerven liegen blank, wenn ich wissen muss, dass die da ganz unten immer mehr werden. Denn natürlich erkenne ich den Zusammenhang: Im Jahre 1996 lag der Anteil der Menschen, die mehr als 200 Prozent des Durchschnittseinkommens bezogen, bei 6,4 Prozent. Im Jahr 2006 waren es 9,6 Prozent. Vor zwölf Jahren hatten 7,3 Prozent der deutschen Bevölkerung weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens und galten deshalb als arm. Im Jahr 2006 waren es dann 11,4 Prozent (www.diw.de). – Genau! Zuerst muss zugegeben werden, dass diese hassenswerten Verhältnisse sich tatsächlich empirisch konstatieren lassen und mit Fakten ausdrücken lassen. Erst danach können sie verfälscht werden. Bis sie schließlich als Ausdrücke eines Aufschwungs, einer sehr notwendigen Entwicklung, eines globalen Zusammenhangs und so weiter hingenommen werden. Was natürlich grober Unfug ist.
KlärungBleibt zu hoffen, dass die Aufrechten nicht aufgeben oder aussterben. Oder nicht an die ATTAC verloren gehen. Oder hat irgendwer jemals etwas Dümmeres gehört als „eine andere Welt ist möglich“? Auf dem Mars vielleicht? – Sie WOLLEN ja. Als würden wir es mit einer Krabbelgruppe zu tun haben. Nennt es doch: „Die gerechte Welt ist nötig!“ Aber das klingt vielleicht zu deutlich, zu sehr vor, zu emanzipatorisch? Weil das Sendungsbewusstsein da außen vorbliebe?
Und die sind noch die Guten. Wehe, wenn unser beherzter Mann an die Gewerkschafter fiele, unter die Sozialdemokraten, gar an die Christen! – Diese formelhafte Heuchlerei stellte Carl Schmitt klar: „... die geistige Resonanz der großen Rhetorik kommt aus dem Glauben an die Repräsentation, die der Redner beansprucht.“ (Römischer Katholizismus und politische Form, München 1925, S.33) Sobald ich mir den Repräsentanten als den Heuchler, der er ist und sogar sein muss (seine Rolle spielend), entlarve, verliert er Allmacht und Schrecken. Dann steht er da: als Kaiser in seinen neuen Kleidern. So schnell kann sein Schick flöten gehen.
Was bleibt? Die „industriegesellschaftlich hochentwickelte Diktatur“ (HABERMAS, 1961), unter der wir wie hineingeboren leben. Und hier zeigt sich schlagend, wie sehr Luxemburg sich mit ihrer „Freiheit der Andersdenkenden“ irrt: Mit der Phrase zu vorgestellten Rechten mündiger Bürger (Rede, Presse, Versammlung) werden die allein schon durch die Unmenge an Boulevardmeldungen wie totgeschlagenen konkurrierenden Auffassungen nicht errettet. Sämtliche Gegenentwürfe werden zu gleichsam unterdrückten Varianten. Der alternative Ansatz wird von einer Meute unfreier Leute, die immer im Sinne der Werbekunden ihrer Chefs zu schreiben haben, entmenschlicht, sinnentleert, peinlich dreist heruntergebracht, als historisch überlebt dargestellt, für insgesamt stalinistisch erklärt, mit unsinnigen Vergleichsversuchen traktiert und schließlich zu Tode gehetzt.
Modelle alternativer Staats- und Gesellschaftsordnungen sind immer Idealsetzungen. Sie bieten Antworten an, wenn nach humanen und gerechten Lebensverhältnissen gefragt wird. Dass sie politische und soziale Gleichheit vorstellen, macht sie notwendig. Denn sie retten den zutiefst logischen Ansatz, dass Menschen sich nur voneinander unterscheiden können, wenn sie zuerst einmal gleich sind.
scharmann