home
  • english
  • polski
  • Espanol
  • japanisch
  • Francaise
  • russisch
  • rumnänisch
  • ungarisch
mob e.V. - Obdachlose machen mobil

Kehrseite II - Was ist was? – Die digitale Boheme

Quelle: bureau-comandantina.com
Quelle: bureau-comandantina.com
Wer denkt, dass der Begriff der Boheme nicht mehr zeitgemäß ist, der irrt. Heute selbstverständlich ist eine moderne Neudefinition des Begriffs nötig; man kann sich vorstellen, dass die romantisierte, in Literatur und Film verbreitete Darstellung der Boheme als arme, aber zufriedene Kulturschaffende nicht uneingeschränkt auf unsere heutige Gesellschaftsordnung passt.

Sascha Lobo und Holm Friebe setzen sich in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ mit dem Begriff der Boheme in der heutigen Welt auseinander. Darüber hinaus stellen sie verschiedene Arbeitsmodelle vor, die die Prinzipien von Boheme und der modernen Medien in sich vereinen.

Die digitale Boheme ist eine von Lobo und Friebe geprägte Wendung; sie ist eine Erweiterung des einfachen Boheme-Begriffs, welcher zusätzlich den technologischen Aspekt, der heute einen wichtigen Platz einnimmt, impliziert. Die digitale Boheme weist dennoch unübersehbare Ähnlichkeiten zum historischen Begriff der Boheme auf:

Der Begriff digitale Boheme umfasst Menschen, die ihre Leidenschaft zum „Beruf“ machen - „so arbeiten, wie man leben will“ – und mit dem Ertrag aus dieser Arbeit über die Runden kommen wollen. Der Zusatz digital soll verdeutlichen, dass ein wichtiges Arbeitsgerät das Internet und alles, was direkt und indirekt damit verbunden ist, darstellt.

Man kann sich gut vorstellen, dass digitale Bohemiens in einer Gesellschaft, die immer noch vom Angestelltentum beherrscht wird, eine prekäre Position innehaben. Sie tauschen eine Festanstellung mit gesichertem Gehalt gegen eine Eigenständigkeit ein, die nicht sonderlich gut bezahlt ist und deren Erfolg nicht absehbar ist. Ihre Projekte sind keine Geldmaschinen, vielmehr dienen sie der Verwirklichung eigener Ideen und bieten eine Plattform zur Auslebung von Kreativität.

Noch ist mit dieser Art der Arbeit kein großes Geld zu machen, wobei es auch hier schon Ausreißer gibt, die vom Kleinstprojekt zu einer etablierten Institution geworden sind. Einige soziale Netzwerke oder auch Blogs haben inzwischen diesen Status. Zunächst mit minimalem Kapital betrieben, können sie sich heute über Werbung und Ähnliches selbst finanzieren.

Auch die analoge Boheme, also all jene, die in ihren Ateliers und Proberäumen dafür sorgen, dass sich in Deutschland und insbesondere in Berlin eine so umfangreiche Mode-Kunst-Musik-Szene bildet, haben inzwischen das Internet und seine Möglichkeiten für sich entdeckt. Sie veröffentlichen, verkaufen und kündigen hier ihre Werke an und können sich so eine zweite Basis aufbauen, vielleicht sogar mit kommerziellem Erfolg.

Lobo und Friebe haben eines ihrer Kapitel mit „Die parallele Gesellschaft“ überschrieben. Sie gehen davon aus, dass sich die Verbindung von Leben und Arbeit weiter etablieren wird. Die neuen Technologien werden einen noch größeren Zulauf erhalten und immer mehr Menschen werden auf diese Art ihr Geld verdienen können. Kontakte, ob nun realer oder digitaler Natur werden immer wichtiger werden.

Lobo und Friebe geben absichtlich keinen umfassenden Ausblick auf die Zukunft. Vielmehr beschränken sie sich auf die Gegenwart und versuchen anhand von diversen Beispielen und Verweisen die digitale Boheme greifbar zu machen.

Besonders empfehlenswert ist die außerordentlich umfangreiche Literaturliste und das ständig aktualisierte Internetportal wirnennenesarbeit.de, auf dem man zusätzlich Links, aktuelle Veröffentlichungen, Blogs und weitere Projekte, die sich zur digitalen Boheme zählen lassen, findet.

Über den literarischen Wert des Buches lässt sich streiten, zumindest sind alle Informationen leserfreundlich aufbereitet. Auch über die Aktualität lässt sich debattieren. Im Einband liest man, dass dieses Buch hypermodern sei, nur wie lange? Im Zweifelsfall kann man das Internet bedienen, dort findet man ganz sicher einige Antworten.
Mandy
SSL Zertifikat