 Quelle: Autorin
|
Menschen vom Land zieht es bisweilen und aus vielerlei Gründen in die Stadt. Der enge Horizont und die Gewissheit, dass man in der Dorfwirtschaft ewig nur den Schorschi und den Hias treffen wird, die Suche nach Abenteuer, der Wunsch nach Selbstverwirklichung oder etwas zu verändern treibt die Leute unter anderem in die Welt. Dank der Hitze im Schmelztiegel Berlin gilt der Neuzugang nach drei Monaten als assimiliert. Woanders dauert’s Generationen, wie die Oberstdorfer Redensart illustriert: Der ist net von do, dem sei’ Großvatter ist von Fischen kämma
2).
In den Kneipen und Caféhäusern der Weltstädte bilden häufig avantgardistische KünstlerInnen Zirkel und Kreise zur gegenseitigen Inspiration und allgemeinen Diskussion ...
Sperrstundenfreiheit und Atmosphäre ziehen die Kreativen zur Stunde nach Friedrichshain, wo die Klubdichte stadtweit am höchsten und Lebenshaltungskosten niedrig sind, weil, wer weniger Energie für sein Auskommen aufbringen muss, hat mehr frei für Anderes. Eine Mischung aus diesen Faktoren zeichnet verantwortlich für den Genius Loci, die Magie, wenn Ort und Zeit gerade stimmen und zu weltbewegenden Begegnungen führen.
Zu den realen Treffpunkten sind seit einiger Zeit die virtuellen hinzugekommen, die viel öffentlicheren und gleichzeitig privateren. Zur documenta IX, 1992, war es die Avantgarde-Künstlergruppe Ponton/Van Gogh TV, die mit dem temporären Kunstwerk „Piazza Virtuale“ erstmals mediale und teilweise inszenierte Interaktivität mit der damals verfügbaren Technik dem Publikum bereitstellte (Fernsehen, Bildtelefon, Kameras kombiniert mit Fax, Telefon und Computermodem).
16 Jahre später ist es selbstverständlich, Bekanntschaften in Chatrooms zu machen
3). Fernando Poo, Friedrichshainer unbestimmter mitteleuropäischer Herkunft, professioneller Musiker und Musikproduzent und regelmäßig online strawanzend, hat in den Weiten der virtuellen Welt dieses Mädel getroffen, das in Costa Rica am Rande des Regenwaldes lebt und nicht mit ansehen wollte, wie multinationale Konzerne in ihrer Profitgier diesen vernichten. Janine Licare hat mit familiärer Unterstützung „The Rainforest Foundation“ zum Schutz dieses Fleckchens Natur ins Leben gerufen. Sofort beschloss Fernando Poo ihr dabei zu helfen und schaltete zu diesem Zweck sein reales, lokales Netzwerk aus Friedrichshain-Kreuzberger Musikern, Künstlern, Web- und Werbeleuten verschiedener Nationalitäten, ein.
Das Ergebnis ist unter www.saveanmptree.org zu finden. Hier steht ein ganzes Album des Musikers zum Download bereit. Ob und wie viel man dafür bezahlen will, entscheidet jeder Einzelne, nach dem Beispiel von Radiohead
4) und anderen. JopRec, Poos Label und andere Sponsoren verpflichten sich pro Download dem Rainforestprojekt zehn Euro Cent zu spenden, mp3-Dateien retten Leben von Bäumen. Obendrein gibt es dort noch bildende Kunst im beliebten Postkartenformat zum Ausdrucken.
Poo und die anderen Initiatoren sagen, dass die Mittel nicht für ein Büro in New York oder andere organisatische Dinge draufgingen. Es ist die Herzensangelegenheit einer 16-Jährigen, von der man annehmen kann, dass sie sich nicht korrumpieren lässt, sondern tatsächlich dafür sorgt, dieses Stück ihrer Heimat zu erhalten, weil sie es liebt.
Vertrauen in die eigene Regierung, deren Aufgabe es auch wäre, Lebensräume vor der Kommerzialisierung/Zerstörung zu schützen, ist fehl am Platz, was sogar die UNESCO erkannt und die Initiative preisgekrönt hat.
Solche Heranwachsenden, die den Alten zeigen, wo der Hammer hängt, statt sich auf deren Einsicht (70er-Jahre-Müsli-Slogan „Wir haben diese Erde von unseren Kindern nur geborgt“) zu verlassen, sorgen dafür, dass intakte Regionen des Planeten auch noch von ihren Kindeskindern erlebt werden können, weil sie jetzt darum kämpfen.
Dass das Roden von Bäumen und Vernichten von Wäldern verheerende Wirkung auf das Klima hat, mussten schon die alten Griechen und auch sie zu spät – feststellen. Sämtliche Diskussionen zum CO2-Ausstoß scheinen nur Ablenkungsmanöver von wirklich wirkungsvollen Schutzmaßnahmen zu sein.
Lou1) statt mp3, herkömmliches Format von Musikdateien, die auf den sogenannten MP3 Playern abgespielt werden, besonders hohe Dichte an Ohrstöpselträgern findet sich im öffentlichen Nahverkehr ...2) Der ist nicht von hier, dessen Großvater stammt aus Fischen (Oberstdorfer Nachbargemeinde). 3) Übrigens gibt es Nichtraucher-Chatrooms!4) Die britische Band Radiohead hatte genug davon, dass sie jedes neue Album vor der Veröffentlichung schon im Internet hören konnten, deshalb beschlossen sie letzten Sommer ohne jemanden einzuweihen, diesmal ihr Werk selbst zu „stehlen“ und es vor der Pressung „schwarz“ ins Netz zu stellen. So viele Fans bezahlten freiwillig, die Einkünfte der Band waren enorm, ohne die Plattenfirma zu beteiligen.