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Wer war eigentlich Heinrich Zille?

Informatives und Vergnügliches über den und vom Pinselheinrich

Heinrich Zille: Selbstporträt, 1892; Aufgenommen im Atelier der Photographischen Gesellschaft am Dönhoffplatz, Berlin; Gruß von Wannsee, Kreidezeichnung; © Kunstsammlung, Archiv der AdK, Berlin; Foto: Roman März
Heinrich Zille: Selbstporträt, 1892; Aufgenommen im Atelier der Photographischen Gesellschaft am Dönhoffplatz, Berlin; Gruß von Wannsee, Kreidezeichnung; © Kunstsammlung, Archiv der AdK, Berlin; Foto: Roman März
Heinrich Zille, geboren am 10.01.1858 in Radeburg (Sachsen), entstammt armen Verhältnissen. Wegen finanzieller Schwierigkeiten zieht die Familie 1867 nach Berlin, wo Zilles Vater als Mechaniker ein Auskommen findet. Zille selbst erlernt den Beruf eines Lithografen und arbeitet bis 1907 als Drucker bei der „Photographischen Gesellschaft“. Hier kommt er mit den seinerzeit modernsten Reproduktions- und Drucktechniken in Berührung. Vor diesem Hintergrund entsteht sein fotografisches und druckgrafisches Werk, in dem um 1900 experimentelle Techniken und ein von eigenen Erfahrungen geschärfter Blick auf das Leben der damaligen „Unterschichten“ Bilder hervorbringen, die schnell die Aufmerksamkeit liberaler Künstlerkreise im wilhelminischen Berlin erregen.

1901 stellt Heinrich Zille erstmals in der „Berliner Secession“ aus und wird 1903 ihr Mitglied. Die führenden illustrierten Zeitschriften wie der „Simplicissimus“, die „Jugend“ und das Wiener Blatt „Der liebe Augustin“ (1904) drucken seine Arbeiten und übertragen ihm Illustrationsaufträge. Zille beendet seine fotografische Arbeit und entschließt sich, als Zeichner und Illustrator tätig zu sein. 1908 veröffentlicht er sein erstes Buch „Kinder der Straße“, das der Ausstellung der Akademie der Künste den Titel gibt und gleichsam ihr Zentrum bildet.

1913 erscheint „Mein Milljöh“, Zilles zweiter Bestseller, dessen Titel zu einer Art Synonym für sein Werk wird. Fortan arbeitet er vor allem für Veröffentlichungen und Bücher, „Künstleralben“ und Humor-Zeitschriften, wie „Lustige Blätter“ und „Ulk“. Seine Publikationen erscheinen in schneller Folge und begründen seinen Ruhm in allen Schichten der Berliner Bevölkerung.

Der Erste Weltkrieg unterbricht vorerst diese Produktivität. Zille arbeitet für Bruno Cassirers lithografische Zeitschrift „Der Bildermann“, zeichnet bis 1917 jede Woche ein Blatt für den „Ulk“, die Beilage zum „Berliner Tageblatt“ und erfindet darin fiktive – und zuweilen erstaunlich naiv gesehene – Kriegserlebnisse zweier deutscher Soldaten. Er wandelt sich 1917 zum entschiedenen Kriegsgegner und widerruft gleichsam in dem Zyklus „Kriegsmarmelade“ (1917/18) die „Ulk“-Zeichnungen früherer Jahre. In der Folge veröffentlicht er die berühmten graphischen Zyklen „Hurengespräche“ (1921, unter Pseudonym, mit dem falschen Erscheinungsjahr 1913), „Zwanglose Geschichten und Bilder“ 1919, für die er auch die literarischen Texte schrieb, sowie „Komm Karlineken, komm!“ (1924).

1924 beruft ihn die Preußische Akademie der Künste auf Betreiben Liebermanns zum Mitglied. In seinen späten Jahren veröffentlicht Heinrich Zille noch eine Reihe von Büchern, in denen er sein Lebenswerk rekapituliert. Am 9. August 1929 stirbt der Künstler in seiner Charlottenburger Wohnung und wird unter großer Anteilnahme der Berliner Bevölkerung auf dem Waldfriedhof in Stahnsdorf beigesetzt.

Heinrich Zilles Werk zählt heute zu den bekanntesten Unbekannten der Berliner Kunst. Es ist zwar in zahllosen Bildbänden präsent, wurde aber nur selten durch Ausstellungen in seiner Einheit von künstlerischer Qualität und sozialer Genauigkeit gewürdigt. Zille scheint im Bewusstsein vieler Menschen abgelegt als abgestandene Berlin-Folklore vom „Papa Zille“. Es ist an der Zeit, den sozialen Kern seiner Arbeit und die Empathie des Künstlers für die Verlierer der Industriegesellschaft wieder freizulegen, ohne die humoristische Seite dieses Werks außer acht zu lassen.
Andreas Düllick/AdK


„Heinrich Zille. Kinder der Straße“
Zeichnung Grafik Fotografie
Eine Ausstellung der Akademie der Künste in
Zusammenarbeit mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin

11. Januar - 24. März 2008
Akademie der Künste,
Pariser Platz 4, Berlin-Mitte Tel. 030 200 57-1000

11. Januar - 2. März 2008
Ephraim-Palais,
Poststraße 16, Berlin-Mitte Tel. 030 240 02-162

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