 Quelle: Wikipedia.de
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30 Jahre nach Christiane F. ist der Bahnhof Zoo – obwohl heute sauber und sicher – nach wie vor Zufluchtsort für Menschen am Rande der Gesellschaft.Schön ist er nicht, der Bahnhof Zoo in Berlin-Charlottenburg. Sein mächtiges Dach aus Stahl und Glas ist wenig elegant, es erinnert an einen langgezogenen Bauklotz. Und auch wenn im Unterteil moderne Geschäfte eine farbige freundliche Atmosphäre schaffen, laden die parallelen Gänge, die Vorder- und Rückseite des Bahnhofs miteinander verbinden, nicht zu langem Verweilen ein.
Anfang Januar 2008. Obwohl erst kurz vor fünf am Nachmittag, ist es schon völlig dunkel. Ein eisiger Wind weht aus Osten. Auf dem Hardenbergplatz vor dem Bahnhof herrscht feierabendliche Betriebsamkeit. Die Menschen strömen aus den U-Bahn-Stationen oder steigen aus den heranrauschenden BVG-Bussen. Dick vermummt und mit eingezogenen Köpfen strömen sie schnellen Schrittes Richtung Haupteingang. An diesem halten sich bei der Kälte nur zwei einsame Raucher auf.
Drinnen ist es warm und hell. Auch hier herrscht rege Betriebsamkeit. Pulks von Menschen erscheinen aus angrenzenden Zugängen und verschwinden in anderen Aufgängen wieder. Die meisten steigen hier ein oder um. Manche verweilen kurz und kaufen sich eine Zeitung, beim Bäcker etwas zu essen oder verschwinden im Reisezentrum.
In der Nähe der Espresso-Bar bittet ein kleinwüchsiger Mann mit Pudelmütze vorbeigehende Leute um „ein paar Cents für eine warme Mahlzeit“. Er hat eine Alkoholfahne. Seine Frau sei gestorben, erzählt er, das habe ihn aus der Bahn geworfen. Irgendwann hat er das Geld zusammen und verschwindet in der Imbissbude. Währenddessen hat der Wirt der Espresso-Bar schon zum zweiten Mal die Polizei geholt. Eine junge Frau mit zerzaustem Haar und starrem Gesichtsausdruck sitzt an dem Bistro-Tisch, von dem man sie vor einer halben Stunde weggeschickt hat. Eine Polizistin redet auf die Frau ein und zeigt mit einer Handbewegung gen Ausgang.
Noch einmal wird die Polizei gerufen. Zwei Jugendliche halten sich mit ihren Bierflaschen in der Hand vor dem Friseurladen auf. Mindestens acht Polizisten rücken an und wollen die Ausweise sehen. Die beiden protestieren lautstark, aber verlassen dann den Bahnhof. Sie verschwinden durch den Hinterausgang Richtung Jebensstraße.
Die Jebensstraße ist auch im übertragenen Sinn der Hinterausgang des Bahnhof Zoo. Hier war der Ort der Christiane F. und ihrer Freunde. Zufluchtsort für die, die es zu Hause nicht mehr ausgehalten haben. Treffpunkt für diejenigen, die ohne Heroin nicht mehr existieren konnten. Gefangen zwischen Schuss und der Beschaffung des nächsten. Der Bahnhof Zoo war das Spiegelbild ihres Elends. Senfgelbe Kacheln, Schließfächer, dreckige Bahnhofstoiletten. Es stank nach Pisse und Desinfektionsmittel. „Es war ein ungeheuer mieser Bahnhof“, beschieb ihn Christiane F. „Da lagen Penner in ihrer Kotze, überall hingen Besoffene rum.“
Die Benutzung der Bahnhofstoiletten kostet heute einen Euro zehn. Die Jebensstraße ist clean, beleuchtet und ohne Schmuddelecken. Menschliche Wracks können nicht mehr besichtigt werden.
Mehrere Hilfsorganisationen sind heute am Bahnhof Zoo aktiv. Aufsuchende Drogenhilfe heißt das Stichwort. Streetworker sind täglich als Ansprechpartner für Junkies, Stricher, Obdachlose vor Ort. Am Ende der Jebensstraße, an der Ecke zur Hertzallee, stehen an mehreren Tagen in der Woche die beiden „Fixpunkt-Mobile“. Hier können die Drogenabhängigen ihre Spritzen tauschen, Gespräche mit den Sozialarbeitern führen, etwas zu essen bekommen. Im „Konsummobil“ werden unter medizinischer Aufsicht Drogen konsumiert.
In der Jebensstraße gibt es keine Geschäfte. Der einzige Ort, der an diesem Abend sein Licht auf den Bürgersteig wirft, ist die Bahnhofsmission. Drinnen hat sich eine lange Schlange vor der Essensausgabe gebildet. An den Tischen rechts und links davon sitzen etwa zwanzig Menschen. Gebeugte Gestalten, die gierig das Essen in sich hineinschlingen. Fast alle haben noch ihre Jacken an, ihre Blicke sind gesenkt oder ins Nichts gerichtet. Der Versuch, sich unsichtbar zu machen. Es herrscht fast unheimliche Stille. Niemand spricht. Jeder hat sich in sich zurückgezogen.
Eigentlich ist die Jebensstraße viel zu sauber, um die Sitaution der Menschen hier angemessen abzubilden. Schmuddelige Bahnhofsklos kann man durch neue ersetzen. Menschliches Elend lässt sich nicht so einfach beseitigen.
Jutta H.