 Zeichnung Heinrich Zille: Zirkusspiele im Hinterhof, 1924; Stiftung Stadtmuseum Berlin
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Wer porträtiert, illustriert, fotografiert sie heute noch? Die Verlierer, die Gestrandeten, die Ausgegrenzten einer Gesellschaft, in der Erfolg alles und der Erfolglose kaum etwas zählt. Fast niemand. Und wenn doch, dann gewiss kaum so wahrhaftig wie der vor 150 Jahren geborene Zeichner, Grafiker und Fotograf Heinrich Zille. Mit soviel Verständnis, Mitgefühl und Humor haben bislang nur wenige Künstler die Lebenswirklichkeit der „Unterschichten“ aufs Papier gebracht. Mit ebenso derbem wie treffsicherem Berliner Witz zeichnete und zitierte er betrunkene Tagelöhner, abgestumpfte Mütter oder ordinäre Huren in ihrem täglichen Überlebenskampf. Schaute ihnen aufs Maul und leibhaftig in die verdreckten Hinterhöfe, Seitengassen und Kaschemmen. Seine schonungslosen Sittenbilder und entlarvenden Bildunterschriften gaben die Notleidenden aber nie der Lächerlichkeit preis, sondern leuchteten mit seiner Kunst die Schattenseiten der Gesellschaft grell aus.
Dass er selbst in Armut aufwuchs, vor seiner Künstlerkarriere mit Frau und drei Kindern in Kellerwohnungen und Mietskasernen lebte, macht ein Gutteil seines Mitempfindens und seiner Glaubwürdigkeit aus. Zille kannte sein „Milljöh“ aus eigenem Erleben und eigener Erfahrung, pflegte immer den Kontakt dorthin und vermochte selbst das Bürgertum für das Schicksal der Nichtprivilegierten zu interessieren. So schrieb die bildungsbürgerliche „Vossische Zeitung“ nach seinem Tod anerkennend, dass sich seine Milieuskizzen nicht gegen die Armen richteten, sondern „gegen die Welt, die solche Massenerscheinungen zeitigte“. Und Berlin verkörperte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik geradezu exemplarisch diese „Welt“. In kaum einer anderen deutschen Stadt war damals der Kontrast zwischen Arm und Reich so augenfällig wie hier. Auch heute geht diese Schere immer weiter auseinander. Der aktuelle Bericht der Nationalen Armutskonferenz spricht von einer Dunkelziffer von bis zu drei Millionen Kindern, die in unserem reichen Land in Armut leben. Einem Land, in dem selbst gescheiterte Konzern-Manager noch Millionen einstreichen. Nach den Schätzungen von Caritas und Diakonie gibt es in diesem Winter allein in Berlin bis zu 10.000 Obdachlose. Es gibt also historische und aktuelle Gründe genug, um an den von Wilhelm II. als „Rinnsteinkünstler“ verunglimpften Zille zu erinnern.
Die Akademie der Künste erinnert sich dieser Tage nicht nur an Zille, weil sie ihn 1924 zu ihrem Mitglied machte oder weil in ihrem Archiv ein Teil seines Lebenswerks aufbewahrt wird. Sie will mit der von Matthias Flügge konzipierten Ausstellung deutlich machen, dass Kunst ganz unmittelbar gesellschaftliche Missstände aufdecken kann: ideologiefrei und human. Eben wie Heinrich Zille, der mit seinen Bildergeschichten keine sentimentale Berlin-Folklore, sondern den Berlinern über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg eine kulturelle Identität geschaffen hat. Zilles Bedeutung als Künstler weist aber weit über das Lokale und Soziale hinaus. Auch wenn er nicht zur Avantgarde zählte, so doch zu denen, deren Kunst durch ständige Medienpräsenz große öffentliche Wirkung entfaltete, wie etwa Honoré Daumier vor und Andy Warhol nach ihm.
Die bis zum 24. März geöffnete Ausstellung am Pariser Platz macht sich Zilles öffentlichkeitswirksames und medienbezogenes Kunstprinzip zunutze. Stellt seine Zeichnungen, Skizzen, Grafiken und Fotos erstmals als Einheiten zusammen, sodass sie quasi miteinander und so auch mit dem Betrachter kommunizieren. Der Ausstellungsbesucher taucht medial, architektonisch und atmosphärisch in Zilles „Milljöh“ ein, um am Ende der Werkschau mit einer Projektion des Zille-Films „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ von 1928 wieder in die alte „Wirklichkeit“ entlassen zu werden. Mit einem geschärften Blick für die damalige wie die heutige Armut und einem ganz neuen Blick auf Zille selbst. Die Meinung eines Offiziers, der nach dem Besuch einer Zille-Ausstellung gesagt hat: „Der Kerl nimmt einem ja die janze Lebensfreude!“ wird man dann nicht mehr teilen können. Denn wenn Zilles Bilder für etwas plädieren, dann für das Recht auf Leben und Freude. Eben nur aus ganz anderer Perspektive.
Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste