 Foto: © Thomas Aurin
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Hello Again! Jeder kennt diesen Songtitel von Howard Carpendale. Lied und Sänger bilden eine so feste Einheit, dass man sich kaum vorstellen kann, dass jemand Drittes die beiden je auseinander bringen könnte. Und doch gibt es da jemanden. Wenn er sich nur trauen würde… Betrachtet man in letzter Zeit die Arbeit von Theaterregisseur René Pollesch kann man nur zu dem Schluss kommen, dass auch er sich die beiden Wörter auf die Fahnen bzw. aufs T-Shirt schreiben sollte. Kein anderer Theatermann zelebriert so sehr die Wiederholung wie René Pollesch.
Auch in seinem neuesten Stück „Diktatorengattinnen I“ an der Berliner Volksbühne gibt es Wiederholungen en gros. Da tritt eine Sophie Rois als Elena Ceaucescu in einem Präsidentenbüro auf, dass mit seinem Sternenbannerteppich dem Oval Office im Weißen Haus nachempfunden ist, und am Ende des Stücks kommt unter dem Teppich ein Konterfei von Stalin zum Vorschein. Ganz offensichtlich will Pollesch hier auf gewisse Parallelen unter den Staatsführungen der Welt aufmerksam machen: Egal ob sich die Führung als demokratisch, sozialistisch oder sonstwie versteht, diktatorische Züge gibt es überall. Ein anderes Beispiel sind die Dialoge der Protagonisten. Wie in einer permanenten Wiederholungsschleife kehren sie immer und immer wieder. Hierbei fungiert das Mittel der Repetition als Aufdeckung von immer gleichen Ritualen in der Politik, im Kulturbetrieb oder in den Familiebeziehungen.
Verstecktere Hinweise auf das Phänomen Wiederholung findet nur der Filmliebhaber. Zum Beispiel in einer Szene, in der die Bühne in rotes Licht getaucht wird und die bekannte Melodie aus Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ ertönt: Sophie Rois wird zu Sadie Frosts Filmfigur Lucy, die von einem Vampir – bei Pollesch ein Untier – verführt wird. Da das sehr pornografisch aussieht und Volker Spengler (das Untier) im nächsten Moment „Orlowski“ ruft, kommt man nicht umhin, bei dem Namen an die bekannte Pornodarstellerin der 80er Jahre, Teresa Orlowski, zu denken. Die Verführungsszene, die Bram Stoker im 19. Jahrhundert verfasste, kann man also durchaus mit den heutigen Praktiken im pornografischen Gewerbe vergleichen.
Viel weniger Insiderwissen wird benötigt, wenn man sich die Oberfläche des Stücks näher betrachtet. Frau Rois und ihren Kollegen feuern eine Slapstick-Nummer nach der anderen ab. Die Lacher wollen kein Ende nehmen, und man ertappt sich dabei, wie die Erinnerungen an die Erzählungen der Eltern emporsteigen, die heute noch von den lustigen Volksstücken aus dem Ohnsorg-Theater in den 60er und 70er Jahre schwärmen.
In jedem Moment, in dem Pollesch eine Wiederholung einsetzt, wird auf Parallelen von historischen Ereignissen oder einfach nur auf eventuelle Zusammenhänge von Begebenheiten verwiesen, die die Zuschauer zu Denkanstößen animieren sollen. Und dafür ist das Theater ja schließlich da. Zudem kann man Pollesch dafür danken, dass er mit seinen Wiederholungen ein probates Mittel gefunden hat, um dem aktuellen Zeitphänomen der Sucht nach immer Neuem etwas entgegenzusetzen. Dass der 45-Jährige mit diesen Gedanken nicht alleine steht, beweist ein aktueller Ausspruch der literarisch arbeitenden Zeitgenossin Siri Hustvedt: „Wiederholung ist die Essenz der Bedeutung. Ohne sie sind wir verloren.“
Wer es bis jetzt noch nicht zwischen den Zeilen gelesen hat: Das Stück ist großartig und verdient die Güteklasse Eins und somit jede Menge neugierig gewordene Neuzuschauer.
Katja Mollenhauer
„Diktatorengattinnen I“
an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platznächste Vorstellungen: 23.11., 12.12., 21.12., 27.12.