 Auf dem Berliner Christopherstreet Day 2007; Foto: Andreas D.
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Lass es uns tun.“ Noch ein Schluck Wodka, der Mut ist da. „Meinst du wirklich?“ wird mir als Antwort gegeben, das „i“ in „wirklich“ lang gezogen wie es ihm eigen ist. Ein Augenaufschlag, ein fragendes beinahe gequältes Lächeln, wie er es immer auflegt, wenn ich versuche ihm lang gehegte Wünsche zu erfüllen. Jetzt sich nicht gehen lassen, cool bleiben, nicht den Kopf verlieren, was passiert da, spricht aus seiner Körperhaltung.
Und ich frage ihn nochmals: „Willst Du mich heiraten?“ – „Ich bin ein Mann, Männer können nicht heiraten, zumindest nicht einander. „Damals durfte man, Mann es nicht; nicht offiziell, das heißt mit Anerkennung der Rentenkasse und ähnlichem, aber wir standen vor der Gedächtniskirche, der Zufall hatte uns dort hingeführt, oft waren wir nicht in dieser Gegend, die Kirche war geöffnet, die Gelegenheit war günstig.
„Du bist die männlichste Tunte, die mir je begegnet ist, aber du bist eine Tunte, und Männer und Tunten sind nun mal füreinander geschaffen“ versuchte ich zu kontern, „wenn wir vor dem Gesetz nicht heiraten dürfen, haben die nur mal wieder vergessen, das Gesetz vernünftig zu gestalten, aber das da vor uns ist eine Kirche, kein Standesamt, und da Gott uns so geschaffen hat, wie wir sind, wird er auch wollen, dass wir seine Kirche dazu nutzen zu heiraten. Ergo, lass es uns tun!“
„Nun ja“, waren die einzigen Worte, die ich zu hören bekam. Dann machte sich eine leichte Zufriedenheit auf seinem Gesicht breit, die gröbsten Zweifel schienen beseitigt. Sich den seit Jahren weg geschobenen Traum erfüllen zu können, gewichtiger denn anderes, gab er nach. Ich hatte gewonnen.
Das rosafarbene Kleid mit den Rüschchen, in dem er aussieht wie eine … eine zwanzigjährige, unnahbare Primadonna, eine frisch erblühte Rose, hing unerreichbar weit entfernt zu Hause und harrte der nächsten Gelegenheit der Männlichkeit weiblichen Glanz zu verleihen. Auch die russische, auf irgendeinem Flohmarkt erstandene Uniformjacke, die er gern als Minikleid zu schwarzen Netzstrümpfen – er wusste nie, ob er Springerstiefel oder Stöckelschuhe dazu anziehen sollte – getragen hatte, in der ich ihm am liebsten geheiratet hätte, befand sich nicht in greifbarer Nähe. So wurde aus der Not eine Tugend, und die schwarze Jeans mit dem ebenfalls schwarzen Oma-Rüschchen-Blüschen – beides gaben ihm nur einen Hauch von Fraulichkeit – wurden uns das, was anderen Paaren ein weißes Hochzeitskleid ist.
Sein leicht affektierter Gang, der Hintern wurde nur ein klein wenig von rechts nach links, von links nach rechts bewegt, machten ihn zur perfekten Frau auf dem Weg zur Trauung. Die Rolle des Priesters musste von mir mitgespielt werden, aber unser beider Ja-Wort fiel dennoch, so wie der obligatorische Kuss vor dem Altar. Leichte Verlegenheit, Unsicherheit, Glücksgefühl prägten den Moment danach und den Rest des Tages.
War es die neu entstandene Verbindlichkeit, waren es alte Klischees, ich weiß es bis heute nicht, aber irgendetwas hatte sich geändert mit diesem Tag. Im siebten Jahr unserer Beziehung schlossen wir diese Ehe, unüberlegt, vielleicht hätten wir noch ein paar Jahre warten sollen, bis sich die Pforten der Standesämter geöffnet hatten. Kurz und gut, unsere Ehe währte nur ein Jahr, wie gesagt das siebte, das Verflixte. Danach trennten sich unsere Wege, und doch denke ich gerne an „unsere“ Zeit zurück und manchmal mischt sich ein Gefühl wie „Liebe“ in die Gedanken hinein.
Johannes Ung