 Magson heute: Breyer P-Orridge; Quelle: flickr.com
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Für Neil Magson, Sänger der Endzeit-Band „pulsierender Knorpel“ (Throbbing Gristle, erigierter Penis), ist Kunst eine Religion und jeder Künstler ein Gott: „Und die erste Eigenschaft Gottes ist es, etwas Neues zu schaffen, etwas, was vorher nicht da war.“ Magson schafft radikale Kunst. Sein bevorzugtes Material ist Fleisch und Haut. Die von ihm besungene Musik gilt vielen Hörern als schmerzhafter Krach, als Folterinstrument, das innere Widerstände zerbricht. Throbbing Gristle war tatsächlich als Schocktherapie gedacht, ein Aufrütteln des Verdrängten. Die Hörer sollten für die Not der Zeit aufmerksam werden. Das Hören mit Schmerzen verwandelte die Zuschauer in Objekte der Körperkunst.
Magson ist eine Ikone der Körperkunst, einer Arbeit am Schmerz der Menschheit, die sich des Körpers bedient, die geweckte Schmerzgrenze zu überwinden und zu verarbeiten. Sein Körper ist eine Kraterlandschaft der Vernarbung, doch jede Narbe ist eine geschlossene Wunde, eine Erinnerung an die Vergängnis und gleichzeitig das Mal der im Schmerz gefügten Einheit von Körper und Geist, von Leben und Kunst, von Schöpfer und Geschöpf. Magson ist ein Prototyp, ein Muster, ein Mensch auf Expedition im Unbekannten, der es dir oder mir als Spielraum näher bringt.
Sein neuestes Projekt sieht „furchterregend aus und lächerlich zugleich“. Es erinnert an Karneval, denn es ist Magson selbst, „verkleidet als Hausfrau ohne Geschmack“. Magson nennt sich jetzt Breyer P-Orridge und ist in den Augen eines Mannes die Parodie einer Frau: „Das blonde Haar seiner Perücke wurde zu einer Frisur zurecht gemacht, die einfach nur grotesk aussieht ... Dazu dieser Jeansrock! Und diese Strumpfhose! Auch die Proportionen sind absolut unstimmig. Der Mann als Frau ist ein Witz, hat eine kleine Wampe, einen Brustansatz und Storchenbeine. Nichts passt.“ Eine Frau sah ihn beim gleichen Anlass so: „eine weise alte Sexgöttin unbestimmten Geschlechts, in einem kichernden, knicksenden, lippenschürzenden und hüftenschwingenden Frauenkörper inkarniert.“
Neil Magson hat sich in eine Frau „umbauen lassen“
1). Breyer ist der Name seiner Frau Jackie, die gleichzeitig ihre „geschlechtlichen Grenzen verwischt“. Es ist keine Rede von Umbau, Umwandlung, Wechsel des Geschlechts, sondern das Paar will mittels medizinischer Eingriffe zu einem „multigeschlechtlichen Wesen verschmelzen“: sie erschaffen den pandrogynen Menschen, den Vielgeschlechtlichen. Das ist kein Geschlechtertausch, sondern die verkörperte Annäherung zweier Menschen, die sich überwinden, um dem Anderen näher zu sein, indem sie sich jeweils als Ganzheit begegnen. Sie machen sich nicht einander gleich, sondern machen sich jeder für sich „vollkommen“, um den Anderen nicht mehr als Erfüllung des eigenen Mangels ausnützen zu müssen.
Jackie und Neil sind keine Transsexuellen, beide identifizieren sich mit dem Geschlecht, mit dem sie geboren wurden, aber sie identifizieren sich nicht mehr mit den Grenzen der Identifizierung, weil jede Bestimmung eine Verneinung ist, die ihre Nähe beschädigt, ihre Liebe, die sie aus der körperlichen Begrenzung ihres Ich befreien wollen. Es geht nicht um einen Geschlechts-, sondern um einen einverleibten Rollentausch. Magson lässt sich eine gefühlsechte Vagina „einbauen“, um eine Frau sein zu können, nicht um sie zu spielen. Sein Geist ist durch die Manipulation seines Körpers ein Wanderer zwischen den Welten, der sich jeweils anders mit dem Körper vereint. Magson ist auf der Suche nach dem Leib, jenseits des Geschlechtlichen. Der Leib, das ist die reine Maschine, deren Programm der Geist ist. Jackie und Neil sind Prototypen der menschengemachten Evolution, sie sind Testpiloten des technisch gebauten Menschen, gerade weil sie keine Transsexuellen sind.
Jackie und Neil befreien ihre Individualität davon, Produkt eines sozialen und kulturellen Prozesses zu sein. Ihnen gilt das Männliche und Weibliche nicht als gegeben, die Befreiung ermöglicht eine schier endlose Menge an Nuancen männlich und weiblich zu sein, immer wieder, immer anders, je nach Grad der befreiten Freiheit zur Wahl. „Im Sinne konsequent lebender Transsexueller aber, also derjenigen, die den Weg vom Ursprungsgeschlecht zum anderen bereits erfolgreich hinter sich gebracht haben, kann dies nicht sein. Die Normalität (entweder-oder), die in diesem Fall einen Fortschritt bedeutet, ginge durch die Aufweichung im nicht selten schrillen, expressiven und exhibitionistischen Lager des „Alles geht“-Prinzips unter. Transsexuelle fänden sich demnach, wie in den Siebzigern, wieder zusammen in der Kategorie des dritten Geschlechts. Wer Transsexuelle aber zu einem dritten Geschlecht erklärt, der nimmt ihnen ihr zweites, ihr angenommenes. Transsexuelle brauchen die eindeutige Verschiedenheit der Geschlechter so sehr wie der erdrückend große Rest der Bevölkerung.“
2)Holger
1) Helmut Höge in der taz2) Autorin Tanja Krienen, in einem männlichen Körper geboren, aber heute als Frau lebend