 Exu-Statue; Quelle: wikimedia.org
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„Wenn du dich an einem fremden Ort befindest, in einer neuen Stadt, in der du keinen Menschen kennst, dann bleibt dir nur dein eigener Charakter, auf den du dich verlassen kannst.“Im Südwesten des heutigen Nigeria hatte sich das Reich der Yoruba vom 10. bis 18. Jahrhundert rund um das kulturelle Zentrum Ife zu einer hochkultivierten Konförderation von Stadtstaaten entwickelt. An der Spitze stand der Alafing, der gewählte König und „Gefährte der Götter“. Der Alafing ist neben dem Bund des Ogboni-Kultes „Träger“ der ewig göttlichen Kraft, des Oba. Obwohl die Yoruba-Gesellschaft patriarchisch und patrilinear ist, nehmen Frauen darin einen hohen Stellenwert ein. Sie haben ihre eigene politische Vertretung, und zu den führenden sechs Mitgliedern des Ogboni-Kultes gehört immer eine Frau. Zwar gehen Königs- und Häuptlings-Titel auf die männlichen Nachkommen über, doch gab es im Reich Ondo, das von einer Frau gegründet wurde, eine der männlichen Hierarchie entsprechende Hierarchie weiblicher Häuptlinge.
Frauen wie Männer können als PriesterInnen einem bestimmten Götterwesen, ihrem Orixa dienen. PriesterInnen verkörpern stets einen speziellen Orixa, dessen Wesen wiederum ein Teil der schöpferischen Kraft des „Herrn des Himmels“, des Olodumare oder Olorun darstellt. Im Gegensatz zu den Orixas wird Olorum nicht direkt angesprochen. Zudem gibt es keine bildliche Darstellung von ihm. Stattdessen identifiziert sich jeder Yoruba mit dem seiner Orixas, dessen Persönlichkeit ihm selbst am meisten entspricht. Im Laufe seines Lebens wird der Mensch das Wesen eines bestimmten Orixa so weit wie möglich verinnerlichen.
Mit dem Sklavenhandel ist die Kultur der Yoruba nach Amerika transportiert worden. Besonders auf Kuba und in Brasilien wurde die Verehrung der bekanntesten Orixas in die Christianisierung hineingetragen und hat inzwischen sogar weiße Anhänger gefunden. Wer den „reinen Charakter“ (iwa pele) eines Orixa anstrebt, hat auch mit dessen Untugenden zu kämpfen. In der Wahl eines bestimmten Orixa verwirklicht sich stets ein Aspekt des allumfassenden Olorum:
Obatala ist ein geduldiger und weiser Schöpfergott, dessen Anhänger sich weiß kleiden. Exu dagegen ist ein respektloser und provokativer „ Trickser“. Exus Farben sind rot und schwarz. Der Kriegsgott Ogun gilt zugleich als Gott der Jagd und der Schmiede. Schonponna, der Gott des Leidens, verfügt über Heilkräfte. Omolu wird verdeckten Gesichtes als Führer der Toten und Gott des Erdinnern dargestellt. Xango war einst ein aufbrausender, trotziger und kriegerischer König bevor er sich erhängte und zum Orixa wurde.
Jedes dieser zahllosen Götterwesen kann sowohl als Mann wie als Frau erscheinen. Zwar gibt es Tendenzen, die Xango männlich und Yemanja weiblich zeigen, doch ist nicht das Geschlecht sondern der Charakter entscheidend. Feuer wird mit männlichem und Wasser mit weiblichem Wesen verbunden. So wirkt Ogun im Feuer der Schmiede, Schango in Blitz und Donner, während dessen Frau Oya sich im Nigerfluss und Yemanja sich durch das Meer offenbart.
Eine Frau kann sich im Zorn des Xango verwirklichen, ein Mann zum Priester der Oya werden und in deren kontrollierter Wildheit aufgehen. Besonders auffällig wechselt Exu das Geschlecht: Er/Sie wird als geiler Mann mit dem Phallussymbol oder als kniende Frau dargestellt, die ihre üppigen Brüste hochhält. Exu verrät uns überhaupt eine Menge über die Welt der Yoruba, die kein Gut und Böse kennt. Während die Christen in ihm/ihr den Teufel zu erkennen meinten, bedeutet Exu eine Kraft, die Gegensätze annimmt und Verhältnisse auf die Probe stellt. Exu bekämpft die Selbstzufriedenheit der Menschen. Er/Sie ist ein Schalk und zugleich der Orixa der Kommunikation. Er/Sie gilt zugleich als Bote der Götter und steht für Fruchtbarkeit wie gutes Gelingen.
Eine Legende erzählt von zwei befreundeten Bauern, die ihre Felder nebeneinander bearbeiten. Nach einer Weile geht Exu zwischen ihnen durch. Dazu trägt er/sie eine Mütze, die auf der einen Seite rot und auf der anderen Seite grün ist. „Hast du den Mann mit der roten Mütze gesehen?“ „Du meinst den mit der grünen Mütze?“ „Die Mütze war rot!“ „Du irrst dich!“ So geraten die alten Freunde in Streit. Nachdem sie sich endlich beruhigt haben, marschiert Exu zurückkommend mit umgedrehter Mütze wieder zwischen ihnen durch. Diesmal geraten die beiden Nachbarn in einen solchen Ärger aufeinander, dass ihre uralte Freundschaft damit zu Ende ist. Über die scheinbar so große Freundschaft lacht Exu.
Constanze