 Castrazione Farinelli Carlo Broschi; Quelle: www.pietrometastasio.com
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Die Revue „Jingle Bells – Ein Weihnachtstraum“ wird vom 20. November bis zum 26. Dezember im Friedrichstadtpalast zu sehen sein. Was ist so Besonderes daran? Nicht nur die Solisten wie April Haider in der Hauptrolle als kleine Göre oder Anna Maria Kaufmann als Feenkönigin sowie Angelika Weiz als Frau vom Nikolaus mit ihrer energiegeladenen Soulstimme sind mit von der Partie. Hagen Matzeit, ein Mann des hohen „C“, schlüpft in die Rolle des Sekretärs von Nikolaus’ Frau. Was aber hat „Jingle Bells“ mit dem dritten Geschlecht zu tun? Eben dieser Hagen Matzeit brillierte in einigen Produktionen an der Komischen Oper Berlin als Countertenor. Er hat sich ganz der Musik verschrieben. Zusammen mit seinem Bruder schreibt er Musik für Fernsehen, Film und Theater.
In den 90er Jahren hatte ich Gelegenheit anlässlich einer Vertrauensleutekonferenz der IG Metall, in Wuppertal ein kulturelles Highlight zu erleben. Nämlich das Konzert eines Countertenors. Ich sehe ihn heute noch vor mir. Ein kleiner, schmächtiger, jungenhaft aussehender Mann. Er wirkte auf mich wie ein Zehnklässler. Doch als er zu singen begann, war es mucksmäuschenstill. Er sang Lieder aus der internationalen Arbeiterbewegung. Als der letzte Akkord des Flügels verstummte, tobte der Saal vor Begeisterung. Die Gewerkschafter forderten noch einige Zugaben.
Was rief diese Begeisterung hervor? Nicht die Inhalte der Arbeiterlieder, sondern die Countertenorstimme war es, die faszinierte. Bei einem Countertenor handelt es sich um einen Sänger, der sein Falsett, oft Kopfstimme genannt, zu einer solchen Stärke ausgebildet hat, dass es ähnlich viel Kraft und Resonanz besitzt wie die Vollstimme (Bruststimme). Häufig haben Countertenöre tiefe Männerstimmen: Bariton und Bass in der normalen Stimmfunktion. Sie singen in derselben Stimmlage wie Altistinnnen oder Mezzo-Sopranistinnen. Aufgrund des Obertonaufbaus klingen die männlichen Altstimmen oft subjektiv „höher“ als die oft abgedunkelten Frauen-Altstimmen. Der Klang der Countertenöre ist nicht notwendiger Weise „weiblich“, sondern nur für den Höreindruck höher als eine gewohnte Männerstimme, so dass hier eine Zuordnung zum „Weiblichen“ aus der nicht vorhandenen Schulung des Ohrs herrührt. Tiefere Männerstimmen haben üblicherweise stärkere und schönere Falsettregister. Countertenöre besitzen häufig die Fähigkeit, einen sehr großen Atemdruck mit dem Körper zurückzuhalten (Stütze); das ermöglicht dem Falsett, große Stärke und einen schönen Klang mit exzellenter Beweglichkeit zu entfalten. Durch diese Beweglichkeit ist es möglich, die in der alten Musik geforderten Koloraturpassagen zu singen.
Man findet verschiedene Begriffe für diese Stimmlage: Falsettist, Sopran, Altus, Sopranist, Contralto, Mezzo-Sopran, Alto und Counter-Tenor. Die Entscheidung ein Countertenor zu werden, ist normalerweise eine bewusste Entscheidung. Der Sänger hat die Wahl mit seiner vollen Stimme mit dem typisch männlichen Klang als Tenor, Bariton oder Bass zu singen oder mit dem gestützten und gestärkten Falsett-Mechanismus zu singen. Die meisten Counter können die Alt- und Mezzolage leicht singen. Jedoch strapazieren viele ihre Stimme, beim Versuch in der Sopranlage zu singen. Das soll aber nicht heißen, dass es niemanden gibt, der in der Sopranlage singen kann. Seit kurzem liegt es im Trend, sich zum Countertenor ausbilden zu lassen, insbesondere seitdem Countertenöre wie David Daniels Weltkarrieren gemacht haben. Abgesehen von den vielleicht guten Karrierechancen: Was bringt einen Sänger dazu, Countertenor werden zu wollen? Ich bin überzeugt, dass wir alle mit unserem speziellen Stimmfach emotional verbunden sind; der Countertenor bildet hierbei keine Ausnahme. Im Grunde genommen handelt es sich um einen Sänger, der sich entschieden hat, mit einem männlichen Körper einen als „ungewöhnlich“ geltenden Klang zu erzeugen. Natürlich findet das besondere Beachtung. Es ist sicherlich dieser Aspekt, der die Zuhörer besonders fasziniert.
Im Barock war Frauen das Singen auf Opernbühnen verboten; Kastraten übernahmen stattdessen ihren Part. Aber sie zahlten auch einen hohen Preis für ihre Kunst. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts übernehmen immer öfter Countertenöre die für Kastraten komponierten Rollen. Mit den weiblichen Stimmen wirken sie bisweilen wie Engel. Und begeistern ihr gebanntes Publikum. Hier sei insbesondre Carlo Broschi (1698 bis 1756), Farinelli genannt, erwähnt.
r. Werner Franke