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Man ist, was man isst ...Das Volk der „Hua“ und ihre Konzeption von Geschlecht
Fast alle Menschen sehnen sich im Laufe ihres Lebens einmal danach, für kurze Zeit in den Körper des anderen Geschlechts schlüpfen zu können. Endlich könnten all die Ratgeber in den Müll geworfen und stattdessen die Antworten auf die wichtigsten Fragen des menschlichen Zusammenlebens hautnah erlebt werden. Doch auch wenn wir auf auf diese Fragen niemals adäquate Antworten finden werden, lohnt sich ein kurzer Trip auf die andere Seite der Erdkugel, zu dem Volk der „Hua“. Dies ist ein Stamm auf Papua-Neuguinea. Obwohl diese Inselgruppe vom australischen Festland nur durch eine Meeresenge getrennt ist, scheinen viele der Bewohner dort von der westlichen Zivilisation in ihrer Lebensweise wenig beeinflusst worden zu sein. Ganz im Gegenteil: Hartnäckig scheinen die Bewohner, mit Speeren und Holzpfeilen bewaffnet, gegen die westliche Kultur anzukämpfen. Durch ihre Ursprünglichkeit haben die Völker dieser Inselgruppe vielen Ethnologen als Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen gedient. Papua-Neuguinea ist heute das ethnologisch besterforschte Gebiet der Welt. Anna S. Meigs, eine kanadische Wissenschaftlerin, hat sich beispielsweise näher mit dem Volk der Hua und ihrer Definition von Geschlecht beschäftigt.
Diese Ethnie unterscheidet weiblich und männlich primär nicht durch die Genitalien, sondern anhand einer Flüssigkeit namens „Nu“. Dieser Stoff ist eine vitale Essenz, die, in allen Körperflüssigkeiten, vorrangig jedoch in sexuellen Liquiden, vorhanden ist. Sie gilt als Quelle des Lebens, der Sexualität sowie der Jugendlichkeit. Da diese Flüssigkeit zwischen den einzelnen Geschlechtern übertragbar ist, ist ein Tausch der Geschlechter im Laufe des Lebens möglich. Die Hua erklären diesen Geschlechtertausch durch den Transfer des Stoffes „Nu“ von Frauen an Männer, denn ursprünglich ist „Nu“ nur bei Frauen vorhanden. Frauen geben diesen Stoff bei jedem Kontakt an die ursprünglich reinen Männer weiter, die dadurch mit „Nu“ verunreinigt werden. Dadurch verlieren die Frauen mit der Zeit „Nu“, während die Männer den Stoff aufnehmen. Als besonders gefährlich für den Mann gelten die Menstruation sowie die Geburt. Die Hand wird dabei als vorrangiger Träger der Verschmutzung angesehen, da sie mit den sexuellen Flüssigkeiten der Frau in Berührung kommt und diese Verschmutzung nicht leicht zu entfernen sind. Deswegen ist eine von der Frau zubereitete Mahlzeit genauso verunreinigt wie ein Apfel, den sie gepflückt hat.
Wird einem Mann zu viel „Nu“ zugeführt, können bei ihm verschiedene Krankheiten hervorgerufen werden. Besonders schwerwiegend ist dabei die „Schwangerschaftskrankheit“. Die Hua besitzen nur ungewisse Vorstellungen von Fortpflanzung, ein aufgeblähter Bauch gilt auch bei Männern als Zeichen einer Schwangerschaft. Diese Krankheit kann durch verschiedene Prozesse hervorgerufen werden. Beispielsweise glauben die Hua, das der Genuss von Lebensmitteln, die von menstruierenden Frauen berührt wurden, eine Schwangerschaft beim Mann auslösen kann. Andere glauben, dass der Fötus durch den Penis in den Bauch des Mannes wandert und dadurch eine Schwangerschaft bei ihm hervorruft. Um die Krankheit zu heilen, wird eine Art von Abtreibung vorgenommen. Dabei wird im Bereich des Bauches, häufig in der Nähe des Bauchnabels, ein Schnitt gemacht. In die Wunde wird ein Bambusrohr eingeführt durch das der Fötus zusammen mit dem Blut herausfließen soll. Um nicht zu erkranken, muss der Mann strenge Regeln, beispielsweise bei der Nahrungsaufnahme, einhalten. Männer dürfen so keine Früchte essen, die aufgrund ihrer Eigenschaften mit Frauen assoziiert werden. Des Weiteren herrscht eine strenge Geschlechtertrennung.
Trotz dieser Regeln verändern sich die Geschlechterrollen unter bestimmten Bedingungen. Denn, obwohl eine Geschlechtertrennung vorherrscht, wird das „Nu“ transferiert. Dadurch können Frauen nach den Wechseljahren in die männliche Gesellschaft aufgenommen werden und lernen deren geheime Riten kennen. Die alten und fortpflanzungsunfähigen Männer hingegen verlieren durch die Aufnahme von „Nu“ ihre Verletzlichkeit und dürfen, ähnlich wie Frauen, alles essen. Sie werden jedoch aus dem Kreis der Männer ausgestoßen und isoliert. Im Laufe des Alterns kommt es somit zu einem Geschlechtertausch zwischen Männern und Frauen.
Auf die Frage, ob der Wandel des Geschlechts das jeweilige Verständnis für die Macken und Besonderheiten der anderen Seite verbessert hat, hat die Kanadierin Meigs noch keine Antwort gefunden. Denn die Hua sprechen nur wenig mit dem anderen Geschlecht und umgehen somit geschickt den täglichen Kampf der Geschlechter. Michaela
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