 foto: böhringer friedrich
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Bis zu einem Zentimeter ist es ein Mädchen; ab 2,5 cm ist es ein Junge. Die Rede ist von dem Körperteil, auf das Ärzt_innen und Hebammen immer noch als Erstes schauen, um das Geschlecht eines neu geborenen Menschen festzustellen. Doch zwischen dem, was Medizin und Gesellschaft bis zu einem Zentimeter als Klitoris festlegen, und dem, was ab 2,5 cm als Penis gilt, liegen – rein medizinisch gesehen – 1,5 cm Intergeschlechtlichkeit … Intergeschlechtliche Menschen (auch: intersexuelle Menschen) sind Personen, die mit körperlichen Merkmalen geboren werden, die von der Medizin als „geschlechtlich nicht eindeutig“ eingestuft werden. Körperliche Merkmale also, die sich nicht an die Zeichnungen in den Biologiebüchern halten wollen.
Manche dieser Varianten machen sich erst in der Pubertät oder später bemerkbar, etwa durch die nicht einsetzende Menstruation bei als weiblich klassifizierten intergeschlechtlichen Menschen oder durch Unfruchtbarkeit. Andere zeigen sich, an den Genitalien äußerlich sichtbar, schon bei der Geburt. Mit Ausnahme eines Salzverlustsyndroms und eines schweren Cortisolmangels, die bei AGS auftreten können, und möglichen Fehlbildung der inneren Organe beim Ausfall eines X-Chromosoms (Turner-Syndrom), beeinträchtigt Intergeschlechtlichkeit die körperliche Gesundheit zunächst nicht in einem lebensbedrohlichen Sinn.
Dennoch: Erfolgt die medizinische Diagnosestellung „Intersexualität“ bereits bei der Geburt, beginnen meist sofort normierende medizinische Maßnahmen. In der Regel werden in Absprache mit den (meist sehr unzureichend informierten) Eltern möglichst noch vor der sechsten Lebenswoche so genannte „geschlechtsvereindeutigende“ chirurgische Maßnahmen getroffen. Verweiblichende Operationen zeigen kosmetisch und funktionell bessere Ergebnisse als vermännlichende, darum werden sie häufiger durchgeführt: Das primäre Geschlechtsteil wird verkürzt, Vaginen werden konstruiert und Gonaden (Eierstöcke, Hoden) entfernt. Seltener wird chirurgisch ein Penis vergrößert, werden Hodenimplantate eingesetzt oder Schamlippen wegoperiert.
„Ob das angesichts der hormonellen Situation jedoch immer die richtige Entscheidung ist, lässt sich bezweifeln“, äußert sich Dr. Ute Thyen von der Medizinischen Universität zu Lübeck. Denn eines muss klar sein: Keine Operation, keine Entfernung von Gonadengewebe ändert etwas daran, dass hier neun Monate lang ein Mensch herangewachsen ist – ein Mensch mit einer spezifischen hormonellen und chromosomalen Kombination. Und diese lässt sich nicht einfach abschalten oder rückgängig machen, unabhängig von Art und Ausmaß der Eingriffe.
Mit der einen Operation ist es aber meist nicht getan. Neo-Vaginen müssen von klein auf regelmäßig „bougiert“, also mit einem Dildo gedehnt werden, damit sie nicht zuwachsen, eine verkleinerte „Klitoris“ kann wieder größer werden, wenn ein intergeschlechtliches Kind in die Pubertät kommt. Hormone müssen regelmäßig genommen werden, damit keine „unerwünschten“, zum Beispiel „vermännlichende“ Veränderungen eintreten. Auf die Mehrzahl der im Säuglingsalter operierten Kinder warten in den folgenden Jahren dutzende gynäkologische Untersuchungen, in deren Rahmen sie auf Körpergröße, Phänotyp, Gewicht, Regelmäßigkeit der Hormoneinnahmen und die Entwicklung der Genitalien kontrolliert werden. Heute intergeschlechtliche Erwachsene betonen, wie traumatisierend diese Übergriffe, denen sie als Kinder und Jugendliche immer wieder ausgesetzt waren, auf sie wirkten:
„Aber was ich ganz schrecklich fand, war das Fotografiert-Werden. Man musste in den Keller, ein Raum mit Neonlicht von vorne, die Arme auseinander, die Arme nach oben, dann von hinten, von der Seite …“ (Luise)
1); Menschen besitzen ab Geburt nicht notwendigerweise eine ausgeprägte Identität, aber eine Integrität und ein Gefühl für Intaktheit.
Die traumatischen Erfahrungen intergeschlechtlicher Menschen führen das Hauptargument für medizinische Eingriffe im Säuglingsalter ad absurdum: Keine Hänselei durch andere Kinder kann einem intergeschlechtlichen Kind so schaden, wie jahrelange Besuche bei Gynäkolog_innen, das tabuisierende Schweigen der Eltern und das Gefühl, dass da etwas ist mit ihnen, was nicht sein darf. Denn oft erfahren die Betroffenen bis ins Erwachsenenalter hinein nicht die wirklichen Gründe für die Operationen in ihrer Kindheit. Etwa 60 Prozent diagnostizierter intergeschlechtlicher Menschen unternehmen mindestens einen Suizidversuch, 15 Prozent davon erfolgreich.
Sind intergeschlechtliche Menschen ein drittes Geschlecht? Die Frage wird von den Betroffenen unterschiedlich beantwortet. Während einige in dem ihnen nach der Geburt zugewiesenen Geschlecht leben wollen und können, stellen andere fest, dass ihre Geschlechtsidentität, also ihr gefühltes Wissen um das eigene Geschlecht, nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Für sie sieht das deutsche Personenstandsgesetz nach § 47 eigentlich das Recht auf Änderung des Personenstands vor – in der Praxis jedoch wird dieses Recht meist verweigert. Manche lassen ihren Körper im Erwachsenenalter gemäß ihrer Geschlechtsidentität verändern. Andere distanzieren sich von der medizinischen Zuordnung und leben bewusst als „weder-noch-geschlechtlich“.
Ein Teil der Intersex-Bewegung fordert die Bezeichnung „intergeschlechtlich“ als drittes Geschlecht im Geburtenregister; eine Forderung, die von vielen Hebammen begrüßt wird, weil das die Kinder dem rechtlichen Zugzwang der sofortigen geschlechtlichen Einordnung entzöge. Andere halten dem entgegen, dass sich das Problem der Einordnung damit nur um eine Kategorie weiter verschiebt und plädieren für einen generellen Verzicht auf den Eintrag des Personenstandes bei der Geburt eines Kindes. In beiden Fällen jedenfalls würde endlich rechtlich sichtbar, was die Natur uns vor Augen führt: Es gibt nicht nur zwei Geschlechter.
GhattasQuellen:www.dgti.org http://no-racism.net www.nadir.orgwww.netzwerk-is.uk-sh.de1) Ulla Fröhling: Leben zwischen den Geschlechtern. Intersexualität – Erfahrungen in einem Tabubereich. Berlin 2003.Claudia Lang: Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Frankfurt/Main 2006.Nützliche Adressen:TRIQ e. V. / www.transinterqueer.org – bietet eine ergebnisoffene Beratung für intergeschlechtliche Menschen, deren Angehörige und Menschen, die sich über Intergeschlechtlichkeit informieren wollen.dgti e. V. / www.dgti.org – informiert über den rechtlichen Stand der Dinge und hat die ausführlichste Liste intergeschlechtlicher Syndrome im Netz.1-0-1 Intersex / www.101intersex.de – Kunstprojekt mit umfangreicher Linkliste zu allen weiteren wichtigen Initiativen, Foren und Selbsthilfegruppen