 Auch ein Schneemann kann für jemanden Freund und Helfer sein. Quelle: flickr.com
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David ist ein stiller Junge. Schweigen ist seine Lieblingsbeschäftigung. Schweigen und Nachdenken. Heut’ wird er was sagen müssen. Wenigstens: Danke! Denn heut’ hat der blonde Junge Geburtstag. Sein fünfzehnter. Eigentlich kein besonderer Tag. Gefeiert wird auf dem Alex. Gefeiert und geschnorrt. David hat eingekauft und schleppt in einer Plastiktüte Bier auf den Alex. ‚Happy birthday’ singen seine Kumpels, als er kommt und halten eine schwarze Jeansjacke hoch. Wo habt ihr die denn aufgetrieben?, fragt David und muss dann lachen und freut sich über das Geburtstagsgeschenk wie er sich selten im Leben freute…
Wo David aufgewachsen ist, da war die Welt so heil, dass es nicht zum aushalten war: Vater Arzt, Mutter Lektorin in einem Wissenschaftsverlag. Im hellen Kinderzimmer steht sein Computer. Und was da alles steht…! Einmal die Woche wird sein Zimmer frisch hergerichtet. Von der Perle des Hauses im schönen Grunewald, einer polnischen Putzfrau. Die Mutter achtet darauf und inspiziert das Zimmer ihres Kindes. Ordnung muss sein.
Als David noch der etwas komplizierte Sohn war und man für die Nachbarn die liebevollen Eltern, die ihrem Kinde jeden Wunsch erfüllten, da herrschte oft eine bedrückende Stille im Kinderzimmer. Die Eltern mussten viel arbeiten und waren selten vor dem Abendprogramm zu Hause. Ja, alles hat seinen Preis. Der Junge grübelte viel, vor allem darüber, was er anstellen könnte, damit er wieder eine Standpauke von Vater oder Mutter oder von beiden über sich ergehen lassen konnte. Das gab ihm so ein komisches Gefühl. Klammheimliche Freude. Wie sich die beiden aufregten! Was für ein böser Junge er doch war! Wie störrisch, unbelehrbar und undankbar. Herrlich! Ein Schauer lief ihm über den Rücken, wenigstens das hatte man von dem ganzen Theater. Ach, wunderbar! So viel Beachtung, so viel Gefühl nach so erdrückend langer Zeit der Einsamkeit. Das war jedes Mal eine Erlösung. Aber sie hielt nicht lange vor.
Eines Tages kam doch so etwas wie ein böser Geist über ihn oder kam ihm jemand zu Hilfe? Dieser Jemand stand vor dem Gymnasium, ganz unbeteiligt, leicht gelangweilt, dann wieder doch nervös. Als wenn er auf jemanden wartete, der schon überfällig war, aber sicher noch kommen wird. Hat er auf David gewartet? Jedenfalls war ihre Begegnung wie zufällig. Und der Jemand war freundlich und hatte eine so angenehme sonore Stimme. Nicht zu leise, nicht zu laut. Er sprach, als wenn man sich schon lange gekannt hätte. Woher wohl? Viel hat er nicht gesagt. Brauchte er auch nicht. David, der einsame Junge mit dem im Irgendwo suchenden Blick, lief ihm sowieso in die Arme, dem Schneemann…
Seitdem wurde es noch stiller im Kinderzimmer. Nur die Musik, die wurde lauter. Eminem und Rammstein und Pink… Alle die, die fanden und sangen: Manch Mensch, und wenn man auch mit ihm verwandt ist, der braucht mal so richtig was in die Fresse… Aber David ist ein sanfter Junge, er kann das nicht, was vielleicht andere können. Er wehrt sich auf seine Art. Er wird immer stiller…
Und das hätte man doch merken müssen. Zu Hause, in der Schule, in der Nachbarschaft. Hat man vielleicht. Aber bei den tüchtigen Eltern, bei so netten Leuten. Da kann nur einer schuld an allem sein. Der böse Junge, das verwöhnte Kind, der undankbare Bengel. Verflucht! So was gibt’s doch. Das liest man doch in der Zeitung. Das sieht man doch im Fernsehen… Das kennt man doch…! Die armen Eltern. Das haben sie einfach nicht verdient! Ja, so einfach kann man’s sich machen. Und vielleicht gerade das hat David nicht mehr ausgehalten… Das schlimmste war die Einsamkeit. Mit zweihundert Euro aus Vaters Brieftasche, und der hat’s sicher nicht mal gemerkt, da ist David abgehauen.
Seit einem halben Jahr lebt der Junge in einem von Punkern besetzten Haus in Berlin-Friedrichshain. Und wie sich die Schicksale unter seinen Freunden ähneln. Lieber auf der Straße krepieren, als wieder zurück ins kalte Nest. „Wenn’s mir dreckig geht, dann schreibe ich“, sagt David. Es sind Gedichte. Keine Wut, keine Verzweiflung spiegeln die Verse, aber eine große Sehnsucht nach Geborgenheit und wunderschöne Träume von einer anderen Welt. Einer Welt, wie sie sein könnte. Und um so schlechter es David geht, umso schöner werden seine Verse. Für ihn sind sie wahr. Für ihn sind sie eine Erlösung und den Schneemann, den braucht er nicht mehr…
Ditmar Danelius