home
  • english
  • polski
  • Espanol
  • japanisch
  • Francaise
  • russisch
  • rumnänisch
  • ungarisch
mob e.V. - Obdachlose machen mobil

Elfriede Jelinek – aktueller Liebling auf deutschen Bühnen

Zwei Inszenierungen im Vergleich: Hamburgs „Der Tod und das Mädchen“ und Berlins „Über Tiere“

Hanna Schygulla als Schneewittchen und Stipe Erceg als Jäger in „Der Tod und das Mädchen“ (Hamburger Kammerspiele). Foto: Franco Tutino
Hanna Schygulla als Schneewittchen und Stipe Erceg als Jäger in „Der Tod und das Mädchen“ (Hamburger Kammerspiele). Foto: Franco Tutino
Wenn man zurzeit deutsche Theaterregisseure nach ihren Lieblingsstücken fragt, stehen die Stücke der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zumeist an oberster Stelle. Ob am renommierten Hamburger Thalia Theater („Ulrike Maria Stuart“) oder im beliebten Deutschen Theater in Berlin („Über Tiere“, Premiere: 20. Mai), nichts ist gerade so populär, wie ein Stück von Jelinek zu inszenieren. Dabei macht es insbesondere diese Autorin den Regisseuren unheimlich schwer, gibt sie ihnen doch lediglich einzelne Textfragmente vor. Von einer durchdringenden Handlung oder einer dramatischen Konzeption keine Spur. Vielleicht macht das ja den Reiz für die Theaterleute aus: Sie können selber stärker kreativ werden als sonst. Das große Publikumsinteresse an den Jelinek-Stücken ist DER Indikator dafür, dass die Regisseure alles richtig machen.

Hundertprozentig richtig hat alles Nicolas Stemann mit seiner – bereits erwähnten – Inszenierung von „Über Tiere“ in Berlin gemacht. Das Publikum war hingerissen und reagierte mit frenetischem Applaus. Phantasievoll kreierte Stemann Szenen, die den vorgegebenen Jelinek-Text über das ewige Thema Mann-Frau-Beziehung wunderbar visualisieren. Zudem arbeitete er Jelineks tänzelndes Spiel mit den unterschiedlichen Bedeutungen von Wörtern sehr gut heraus, beispielsweise, wenn sich zwei Freier über eine Prostituierte unterhalten: „Also, die ist nicht ohne.“ „Aber die macht es nicht mit ohne.“ Dieses Spiel mit den Wörtern, das Jelineks Stücken immer eine humorvolle Note verleiht, ist nicht zuletzt auch Instrumentarium für die markanten, vielen Perspektivwechsel der Autorin. Bestes Beispiel dafür ist eine Szene, in der ein Schauspieler fragt, warum das Stück den Titel „Über Tiere“ trägt. Die Antwort seines Gegenüber: „Das hat mir halt gefallen, er ist mir so eingefallen. Tiere sind unschuldig, die Männer sind nicht unschuldig, aber Tiere sind Frischfleisch und werden auch als solches vermarktet. Das passiert der Frau in dem Text eben auch.“

Manchmal setzt Stemann dem Ganzen noch einen drauf und ironisiert zusätzlich Jelinek, auch das kommt beim Zuschauer an.

Dass so eine überaus gelungene Inszenierung von Elfriede Jelineks reiner Textfläche kein Kinderspiel ist, zeigte sich kürzlich an den Hamburger Kammerspielen. Die in Berlin lebende japanische Bühnenbildnerin und Regisseurin Kazuko Watanabe hatte sich an das Stück „Der Tod und das Mädchen“ gewagt und hat, wie meine Begleitung es so treffend formulierte, „mich nicht erreicht“.

In dem Stück geht es um Frauen und ihre Identität. Drei mythische Frauen – Dornröschen, Schneewittchen und Jackie Kennedy – sollen demaskiert werden und das, in dem man die projizierten Sehnsüchte und die verlogenen Bilder, die in der Öffentlichkeit über diese Frauen existieren, seziert. Frau Jelinek macht das mit dem für sie typischen ironischen Wortwitz. Davon hat Frau Watanabe aber nicht viel übrig gelassen, so dass die Inszenierung nur auf den beiden Aussagen basiert: Erstens: Der Tod ist die einzige Wahrheit, alles andere ist Lüge. Zweitens: Die öffentliche Person (z.B. Jackie Kennedy) zeigt so rein gar nichts von dem Menschen, der dahinter steckt. Diese Feststellungen sind aber nicht neu und deswegen nicht berührend. Schade. Da hat auch nicht die tolle Besetzung mit Hanna Schygulla und Stipe Erceg geholfen. Aber eine Erkenntnis hat der Theaterabend doch gebracht: Es ist verdammt schwierig, ein Jelinek-Stück auf die Bühne zu bringen.
Katja Mollenhauer

Info:
„Der Tod und das Mädchen“
ist eine Ko-Produktion der Hamburger Kammerspiele mit dem Art Bureau – Thomas Petz (München) und dem Neuen Stadttheater Bozen – Vereinigte Bühnen Bozen.
R: Kazuko Watanabe, D: Hanna Schygulla, Stipe Erceg
Es sind dieses Jahr noch Vor-stellungen in Berlin geplant.

„Über Tiere“
inszeniert von Nicolas Stemann, Deutsches Theater Berlin (Kammerspiele)
Darsteller: Sebastian Rudolph, Almut Zilcher, Ingo Hülsmann, Regine Zimmermann, 80 min,
nächste Vorstellungen: 7. Juni, 14. Juni, 21. Juni, 25. Juni
SSL Zertifikat