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mob e.V. - Obdachlose machen mobil

Spurensuche mit Hannah Arendt

Das Menschenbild hinter dem bedingungslosen Grundeinkommen

Laut Hannah Arendt empfand der Hersteller der Stühle nur so lange einen Sinn in seinem Tun, bis die Stühle fertig waren. Jetzt werden sie aber sinnvoll von Passanten benutzt. Quelle: flickr.com
Laut Hannah Arendt empfand der Hersteller der Stühle nur so lange einen Sinn in seinem Tun, bis die Stühle fertig waren. Jetzt werden sie aber sinnvoll von Passanten benutzt. Quelle: flickr.com
Das bedingungslose Grundeinkommen wird momentan allerorten diskutiert. Auffällig kristallisiert sich in den Debatten ein Argument heraus: das Bild der sozialen Hängematte. Je nach Gesinnung wird dies entweder als Schreckensszenario gezeichnet oder aber es muss permanent negiert werden. Sprich, es geht immer um die Rechtfertigung des Mensch-Seins, respektive um die Definition dessen, was der Mensch ist, sein soll und welche Rolle in diesem Zusammenhang Arbeit spielt. Daher ist es notwendig, das Menschenbild hinter der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens zu erspüren.

Ein Instrumentarium zu dieser Spurensuche gibt Hannah Arendt an die Hand. In ihrem Werk „Vita activa“1 beobachtet sie drei grundsätzliche Tätigkeiten gesellschaftlichen Lebens und formt einen Blick auf eine antike Idee von Gesellschaft, welche die Existenzberechtigung jedes Einzelnen nicht über dessen Arbeitsleistung definiert, sondern deren Ideal die Verknüpfung von Freiheit mit Sinn ist. Unter das tätige Leben fasst Arendt das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln. Dies ist zugleich eine Rangfolge, in der das Handeln als freie, sinnerfüllte Tätigkeit des Einzelnen in der und für die Gemeinschaft an oberster Stelle steht.

Arbeit, das bedeutet nach antikem griechischem Denken nichts anderes, als all das zu tun, was der unmittelbaren Lebenserhaltung dient. Der Arbeitende ist „Sklave der Notwendigkeiten“ und daher per se unfrei. Arbeit ist ein Zwang und daher vollkommen ohne Sinnerfahrung. Ein zu leistendes Übel, da wir Menschen und durch unsere Körper, noch, an diese Welt gebunden sind.

Das Herstellen besitzt schon Elemente der Freiheit. Der Herstellende hat ein Ziel, nämlich ein Produkt herzustellen, das ge-braucht werden kann. So empfindet er zumindest zeitweilig einen Sinn in seinem Tun und Sein. Dieser Sinn besteht jedoch nur so lange, bis das Werk vollbracht ist. Sobald beispielsweise ein gezimmerter Stuhl benutzt, das heißt gebraucht wird, hat sich auch sein Herstellungszweck, sein Sinn erfüllt. Er verbraucht sich, wird irgendwann das, was er vor der Bearbeitung schon war – er wird zu Holz, er wird erneut Natur. Das Herstellen verhält sich ähnlich dem Arbeiten – es verbraucht seinen eigentlichen Sinn. Nichts bleibt und einen Unterschied bildet bloß das Tempo des Verfalls.

Etwas, dass über einen sinnhaften Ewigkeitswert über den eigenen Tod hinaus verfügt und somit wahre Freiheit verkörpert ist das Handeln. Handeln bedeutet, bewusst denkend nicht nur auf seine Umwelt zu reagieren, sondern mit ihr zu interagieren. Indem ich aktiv bin, indem ich Eigeninitiative ergreife, sprich denkend und sprechend handle, schaffe ich die Bedingung gesellschaftlichen Lebens schlechthin – ich entwickle Geschichten, ermögliche so erst ein Erinnern und gestalte schlussendlich Geschichte. Indem ich mich bestmöglich einbringe, erschaffe ich etwas, das vorher nicht war, weil eben ich nicht war. Ich setze einen Anfang. Dieses individuelle In-Erscheinung-Treten in der Gesellschaft ist eine Möglichkeit, die jeder seit seiner Geburt in sich trägt. Eine Gabe, die uns zum Menschen macht. Eine Gabe der Individualität und Pluralität zugleich, denn wir haben sie mit allen gemein, aber ihr Ausüben unterscheidet uns von allen anderen.

Derart ebnet Arendt den gedanklichen Weg, der vollzogen werden muss, sobald wir über die Chancen nachdenken, die das bedingungslose Grundeinkommen uns – als einer Gesellschaft tätiger Menschen – ermöglicht. Veränderung einer Gesellschaft wird denkbar, die einem schleichenden Umkehrprozess erlegen ist, in der sich die antike Rangfolge nicht nur umgekehrt hat, sondern mehr noch Arbeit zum einzigen Wert mutiert ist.

Das bedingungslose Grundeinkommen erlaubt, dem Dasein fern der Lebensnotwendigkeiten wieder einen Sinn zu verschaffen. Es befreit von der Rechtfertigung, nur lohn-arbeitend ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Es erlaubt keinesfalls, ganz einfach nichts zu tun, sondern verlangt genau die Zeit effektiv zu nutzen, die wir zur Verfügung haben, seit wir statt Sklaven Maschinen erschufen. Die sinnfreie Arbeitsgesellschaft, der paradoxerweise „die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht“, könnte eine nächste Evolutionsstufe erklimmen. Der Mensch könnte durch sein emanzipiertes Handeln dem bloß auf Verbrauch gerichteten Arbeitsalltag Dauerhaftigkeit entgegen stellen. Statt der sozialen Hängematte wäre ein Ausweg aus dem Denkparadigma Arbeit der Fall, denn Menschen steigen nicht aus, sie wollen das soziale Miteinander. Nur so gebe es auch einen geistigen Fortschritt, denn endlich würden wir unsere Erfindungen auch verstehend zu nutzen wissen. Ein frei gewähltes Tätigsein in und für die Gesellschaft brächte die Erfüllung, die wir alle suchen. Wir wüssten wieder den Grund unseres Daseins zu schätzen, ohne glücklich sein zu müssen. Denn Glück sucht nur der, der ohne Sinn ist.
san

1 Hannah Arendt: Vita activa oder vom tätigen Leben.
Piper, München, Zürich; 4.Aufl. TB 2006
Alle Zitate aus diesem Buch.

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