|3| Schon lange habe ich die Idee mit mir herum getragen,
ein Blatt für das Volk zu schreiben, das wirklich von dem Volke
gelesen würde, und eben dadurch den ausgebreitetsten Nutzen stiftete.
Diesen Gedanken, nahm ich mir vor, erst hinlänglich bey mir reif werden
zu lassen, ehe ich ihn je zur Ausführung brächte. Seitdem ist aber
diese Idee durch verschiedene elende Schmierer so oft gemißbraucht
und herabgewürdigt worden, daß ich es manchmal nicht ohne Aerger
und Unwillen habe mit ansehen können.
Endlich fiel ich darauf, daß eine einmal
eingeführte und gelesene Zeitung vielleicht das beste Vehikel
sey, wodurch nützliche Wahrheiten unter das Volk gebracht werden
könnten. Dieß bewog mich vor einigen Monathen zu dem Entschluß,
mit den Herrn Voß und Sohn in Verbindung zu treten, um die hiesige
Zeitung, welche in derem[sic] Verlage herauskömmt, zu schreiben.
|4| Seitdem ist mir meine erste Idee immer lebhafter
und immer wichtiger geworden, so daß ich mich nicht enthalten konnte,
mir zuweilen in reizenden Träumen der Phantasie das Ideal einer
vollkommnen Zeitung zu denken, und einige Züge davon zu entwerfen.
Mag ich dann dieses Ideal auch nie erreichen, so wird es doch immer das
höchste Ziel bleiben, wornach ich strebe, und komme ich ihm jemals nahe,
so glaube ich schon dadurch einen der edelsten Zwecke des Schriftstellers
erreicht zu haben.
Die Buchdruckerey ist schon irgendwo als ein Bildniß
der verbreiteten Kultur angenommen worden; und mir däucht daß
ihr, nicht bloß als Bild, sondern im ganz eigentlichen Verstande, der
Ehrennahme verbreitete Kultur gebühre.
Nun ist aber vielleicht unter allem, was gedruckt wird,
eine öffentliche Zeitung oder Volksblatt, aus dem rechten
Gesichtspunkte betrachtet, bey weitem das wichtigste. Sie ist der Mund, wodurch
zu dem Volke gepredigt, und die Stimme der Wahrheit, so wohl in die
Palläste der Großen, als in die Hütten der Niedrigen dringen
kann. Sie könnte das unbestechliche Tribunal seyn, wo Tugend und Laster
unpartheiisch geprüft, edle Handlungen der Mäßigkeit,
Gerechtigkeit, und Uneigennützigkeit ge|5|priesen, und Unterdrückung,
Bosheit, Ungerechtigkeit, Weichlichkeit und Ueppigkeit mit Verachtung und
Schande gebrandmarkt würden.
Sie sollte die Werke des Geschmacks in der Baukunst,
Musik, Malerey, Schauspiele u. s. w. vor ihren unpartheiischen Richterstuhl
ziehen, und sie vorzüglich in Rücksicht ihres Einflusses auf die
Bildung und den Charakter der Nation, und nicht bloß als Gegenstände
der Belustigung, betrachten.
Aus dem ungeheuren Umfange der Wissenschaften sollte
sie dasjenige herausheben, was nicht bloß den Gelehrten, oder gar nur
eine besondere Klasse der Gelehrten, sondern die ganze Menschheit interessirt.
Was nicht bloß hinzugetragene Materialien zu den großen Gebäude
irgend einer Wissenschaft, sondern etwas Vollendetes, von Schlacken
gesäubertes, und durch den ächten Stempel der Wahrheit
ausgeprägtes Gold ist, daß nun unter dem Volke, unbeschadet der
Ruhe und Glückseeligkeit desselben, in wohlthätigen Umlauf kommen
kann.
Sie sollte in alle Fugen der menschlichen Verbindungen
einzudringen, und aufzudecken suchen, was in jedem Zweige derselben Lobens-
oder tadelnswerthes, Verachtungs- oder nachahmungswürdiges sey. Ihr
sollte kein Gewerbe, kein Stand, |6| selbst der Stand des verachteten und
größtentheils unterdrückten und tyrannisch behandelten
Lehrburschen des gemeinen Handwerkers nicht unwichtig seyn.
Weder die Privaterziehung noch die
öffentliche in den Schulen, und die Belehrung der Erwachsenen
in den Kirchen müßte ihrem spähenden Blick entgehen.
Sie müßte die Mängel derselben rügen, wo sie nur irgend
dürfte und könnte. Und hingegen jede Nachricht auch von der kleinsten
Verbesserung in dieser für die Menschheit so wichtigen Angelegenheit
sorgfältig zu verbreiten suchen.
Eltern, Erzieher, Menschen die in einer Stadt zusammen,
oder entfernt leben, könnten sich einander ihre wichtigsten Vorschläge
und Entdeckungen mittheilen, und sich durch die Zeitung miteinander über
die angelegentlichsten Dinge besprechen.
Jede nützliche Erfindung, sie sey so klein
sie wolle, müßte ein Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit werden,
um den guten Kopf zu neuen Entdeckungen aufzumuntern, und den erfindrischen
Fleiß, ein Eigenthum der Deutschen, aufs neue zu beleben.
Die öffentliche Handhabung der Gerechtigkeit,
wobey uns erlaubt ist, Zuschauer zu seyn, müßte einen reichen
Stoff zu wichtigen Beobachtungen hergeben. Und würde gewiß,
gehörig bearbeitet, |7| einen sehr interessanten Artikel in einer
Zeitung für das Volk ausmachen.
Die kurze Geschichte der Verbrecher aus den
Kriminalakten gezogen, wie belehrend müßte sie seyn, wenn die
allmäligen Uebergänge von kleinen Vergehen, bis zum höchsten
Grade der moralischen Verderbtheit, mit einigen treffenden, allgemein
auffallenden Zügen darin gezeichnet wären!
Die feierlichen und festlichen
Zusammenkünfte des Volks, ja sogar seine Ausschweifungen in
öffentlichen Häusern müßten nicht unbemerkt bleiben,
sondern zur öffentlichen Beschämung unsrer weichlichen entnervten
Generation mit lebhaften Farben geschildert werden.
Aber auch das Elend und die Armuth in
den verborgnen Winkeln muß aufgedeckt, und nicht aus einer falschen
Empfindsamkeit vor unserm Blick in Dunkel eingehüllt werden. Das Elend,
wenns einmal da ist, muß unter uns zur Sprache kommen, und auf Mittel
gedacht werden, wie man demselben abhelfen kann!
Also edle Beispiele; Künste; Theater; Kenntnisse,
die zum Umlauf reif sind; Erziehung; Predigtwesen; nützliche Erfindungen;
Handhabung der Gerechtigkeit; Geschichte von Verbrechern; menschliches Elend
im Ver|8|borgnen; - welche wichtige Artikel zu einer Zeitung für
das Volk!
Und wie viel mehrere lassen sich nicht noch denken,
als: Volksvorurtheile; Volksirrthümer; religiöse Schwärmerei;
unerkanntes Verdienst; u. s. w. - Wahrlich es ist zu verwundern, da man
bisher so viel von Aufklärung geredet und geschrieben hat, daß
man noch nicht auf ein so simples Mittel, als eine Zeitung, gefallen
ist, um sie in der That zu verbreiten.
Freilich aber müßte nun eine Zeitung, wodurch
dieser Zweck erreicht werden soll, ganz anders beschaffen seyn, als irgend
eine, die jemals noch bis jetzt ist geschrieben worden. Sie müßte
aus der immerwährenden Ebbe und Fluth von Begebenheiten dasjenige
herausheben, was die Menschheit interessirt, den Blick auf das wirklich
Große und Bewundernswürdige, das Gefühl für alles Edle
und Gute schärfen, und den Schein von der Wahrheit unterscheiden
lehren.
Die Aufmerksamkeit müßte daher vorzüglich
auf den einzelnen Menschen geheftet werden: denn nur da ist die wahre
Quelle der großen Begebenheiten zu suchen, nicht in Kriegsheeren und
Flotten, die oft nur wie zwei entgegengesetzte Elemente gegenein|9|ander
wirken, worunter das Stärkere allemal über das Schwächere
den Sieg behält.
Auch sind ja das nicht immer die größten
Begebenheiten, wobei die meisten Menschen beschäftigt sind, sondern
diejenigen, wobei sich irgend eine menschliche Kraft am meisten
entwickelt. Dergleichen suche man unter dem Schwall von Kriegsrüstungen,
Fürstenreisen, und politischen Unterhandlungen herauszuheben, damit
das Volk nicht mehr Titel und Ordensbänder, fürstlichen Stolz und
fürstliche Thorheiten mit dummer Verehrung anstaune, sondern den wirklich
großen Mann auch im Kittel und hinter dem Pfluge schätzen
lerne.
Sobald man zu viele Menschen zusammenfaßt,
um von ihnen etwas zu sagen, so muß das, was man sagt, nothwendig
unbestimmt, schwankend, und trocken werden.
Denn in einer Gesellschaft von Menschen, sie sey, welche
sie wolle, handeln doch nur immer einzelne Menschen, und diese sind
es nur, welche unsere Theilnehmung erwecken, nicht die ganze Gesellschaft.
Diese ist höchstens ein abstrackter Begriff, dessen wir uns aus Noth
bedienen müssen, der uns aber nicht mit denken, empfinden, und handeln
läßt. Da wir selbst nur einzelne und nicht aus mehrern
zusammengesetzte Wesen sind, so können wir auch mit einem |10| so
vielköpfigten zusammengesetzten Dinge, als irgend eine menschliche
Gesellschaft ist, sie heiße nun Staat oder wie sie wolle, im eigentlichen
Verstande nicht sympathisiren, wenn wir sie nicht wider bis auf das Individuum
vereinzeln. Abstrackte Begriffe können ja die Seele nicht
erwärmen.
Bloß die verschiednen Gesinnungen und Charaktere
der einzelnen Mitglieder des Englischen Parlaments, machen die
Verhandlungen desselben so interessant, und zum Gegenstande der allgemeinen
Aufmerksamkeit auch solcher Nationen, die mit der Englischen in wenig oder
gar keiner Verbindung stehen.
Sicher erwecken die Berathschlagungen an sich selber
mehr unsre Theilnehmung, als die Resultate, welche daraus entstehen. Denn
was heißt es nun, wenn man sagt: Frankreich hat dieses oder jenes
beschlossen, u. s. w. als ob Frankreich ein selbstständiges handelndes
Wesen wäre, daß so wie ein einzelner Mensch, wirklich etwas
beschließen könnte. Giebt mir dies nun wohl mehr Stoff zum Nachdenken,
als wenn es heißt: in Paris ist ein starker Hagel gefallen, oder in
Metz hat das Gewitter eingeschlagen?
Und ist nicht das Hinarbeiten auf einen Zweck im
menschlichen Leben ebenso wichtig und vielleicht |11| wichtiger, als die
Erreichung des Zwecks selber? Macht nicht die Thätigkeit selbst unser
Wesen aus? und läßt uns nicht vielleicht eine wohlthätige
Täuschung diese Thätigkeit bloß deswegen, als das
Mittel zu irgendeinem Zwecke betrachten, damit dieser anscheinende
Zweckdas Mittel werde, uns eine Zeitlang in eine bestimmte,
zweckmäßige Thätigkeit zu versetzen?
Ist es also nicht wichtiger, einzelne Fakta von einzelnen
Menschen zu sammlen, woraus einmal künftig große Begebenheiten
entstehen können, als eine Menge von großen Begebenheiten zu
erzählen, ohne zu wissen, wie sie entstanden sind? - Dieß soll
auf keine Weise, die großscheinenden Begebenheiten von der
öffentlichen Bekanntmachung ausschließen, nur müssen sie
nicht der wichtigste Gegenstand der Aufmerksamkeit werden. Denn, ein Vergleich
zwischen zwei Sackträgern, die sich auf der Straße gezankt haben,
kann, in so fern er den Charakter der Nation bezeichnet, für den
Menschenbeobachter wichtiger sein, als ein Vergleich zwischen Rußland
und der ottomannischen Pforte, wo es größtentheils bloß
auf die stärkere Macht an Soldaten, Schiffen, oder festen Plätzen
ankömmt, wohin sich das Uebergewicht lenken wird; wo man die geheimen
Triebfedern ebenso wenig erfährt, als |12| die erste Ursach von
den [sic] Ungewitter, welches gerade heute, und nicht eher, über unsern
Horizont heraufgezogen ist; wo man nicht sowohl handelnde Wesen, als vielmehr
bloße Ereignisse, wie in der Natur, Stürme, Erdbeben,
Ueberschwemmungen sieht.
Demohngeachtet muß eine vollkommne Zeitung auch
in Ansehung der eigentlichen politischen Ereignisse mit der Zeit gleichen
Schritt halten, aber doch mehr in einzelnen Beispielen zu zeigen suchen,
was diese Ereignisse nun eigentlich auf das Wohl oder Weh der Menschheit
für einen Einfluß haben. Denn nur das Einzelne ist wirklich,
das Zusammengefafte besteht größtentheils in der
Einbildung.
Vorzüglich muß also eine vollkommene Zeitung
aus der gegenwärtigen würklichen Welt, die man täglich vor
Augen sieht herausgeschrieben werden, und zu dem Ende nothwendig in einer
großen Stadt herauskommen, wo wegen der Menge der Menschen auch
die größte Mannigfaltigkeit in ihren Charakteren,
Beschäftigungen, und Verbindungen herrscht; wo ein beständiger
Zufluß von Merkwürdigkeiten statt findet, und wo sie sogleich
von vielen tausend Menschen gelesen werden kann, ohne erst versandt werden
zu dürfen.
|13| Wer eine solche Zeitung schreiben will, muß
selbst, so viel er kann, mit eignen Augen beobachten, und wo er das nicht
kann, muß er sich an die Männer halten, die eigentlich unter das
Volk, und in die verborgensten Winkel kommen, wo das Edelste und Vortrefflichste
sowohl, als das Häßlichste und Verabscheuungswürdigste, sehr
oft versteckt zu seyn pflegt.
Er muß sich an die Prediger und
Aerzte wenden, die das verborgene menschliche Elend, und die verborgenen
menschlichen Tugenden oft am besten kennen zu lernen Gelegenheit haben. Er
muß sich an die Richter des Volks wenden, um durch ihre
Verhandlungen den großen Umfang des menschlichen Eigennutzes, und aller
seinen kleinen Listen und Ränke kennen zu lernen. Er muß wenigstens
mit einigen Personen aus jeder verschiedenen Klasse von Menschen in sofern
in Verbindung stehen, daß er von ihnen über das Innere ihrer
Verfassung belehrt werden kann.
Er muß sich aber auch selber unter das Volk mischen,
um seine Urtheile, seine Gesinnungen zu hören, und seine Sprache zu
lernen.
Er muß nichts weniger als ein einseitiger Gelehrter
seyn, sondern sich für alles interessiren können, was ihm nur irgend
aufstößt, und sich täg|14|lich in der schweren Kunst üben,
alles Vielfache unter irgend einen großen und wichtigen
Gesichtspunkt zu bringen. Er muß die gegenwärtige Welt
vorzüglich kennen lernen, und von der alten so viel, als nöthig
ist, um das Gegenwärtige daraus zu erklären. Und was noch das
allerwichtigste ist, er muß sich eines unbescholtnen Charakters
befleißigen, denn nur das berechtigt, mit einer edlen
Freimüthigkeit öffentlich vor dem Volke zu reden und zu
schreiben.
Daß ich nun gerade der Mann sey, eine solche
Zeitung zu schreiben, wäre freilich Unverschämtheit von mir zu
glauben; deswegen aber darf ich den Wunsch nicht verläugnen, es zu werden:
ich darf es sagen, daß ich alle mein Denken, mein Studiren, mein Leben
darauf verwenden will, um eine Zeitung zu liefern, die dem Ideale, welches
ich mir entworfen habe so nahe, wie möglich kömmt.
Seit dem Monath September habe ich angefangen, zu diesem
Unternehmen die ersten Schritte zu thun. Ich habe nach einer kürzer
gefaßten Anzeige der politischen Ereignisse, die Aufmerksamkeit
mehr auf einzelne merkwürdige Menschen zu lenken gesucht; ich
habe Beispiele edler Handlungen aus dem Dunkeln gezogen; ich |15|
habe durch die gelehrten Anzeigen, zum Umlauf reif gewordne Kenntnisse
zu verbreiten, und in dem Theaterartikel das Vortrefliche vor dem
Mittelmäßigen, das Mittelmäßige von dem Schlechten,
auszuzeichnen gesucht.
Mit den übrigen im Anfange dieser Schrift von
mir erwähnten Artikeln, als öffentliche und Privaterziehung;
Kunstsachen, als: Baukunst, Mahlerei, Musik u. s. w.; Handhabung
der Gerechtigkeit; Missethäter; Volksvorurtheile; Volksirrthümer;
Predigtwesen; u. s. w. werde ich von Zeit zu Zeit den Anfang machen,
so wie sich mir die Gelegenheit dazu darbieten wird; und mit Anfang des
künftigen Jahres denk' ich dieser Zeitung, in Ansehung aller dieser
Artikel, eine dauerhaftere Einrichtung zu geben, ohne dieserwegen
noch künftige Verbesserungen auszuschließen. Auch ist schon mit
einem hiesigen berühmten Künstler Abrede genommen worden, das
Aeußere dieser Zeitung vom künftigen Neujahr an, so geschmackvoll
wie möglich einzurichten. Denn da sie den guten Geschmack auch in
Kleinigkeiten soll verbreiten helfen, so versteht sich, daß sie selbst
kein Beispiel vom Gegentheil hergeben muß.
|16| Ich erwarte nun über meine Vorschläge
das Urtheil des Publikums, mit welchem ich mich vor dem Schlusse des Jahres
noch einmal über diese Angelegenheit zu unterreden gedenke, um zu erfahren,
in wie weit ich mich, mit der Zufriedenheit desselben, meinem Ideale nähern
darf.
Von
Karl Philipp Moriz,
Professor am Berlinischen Gymnasium.
Berlin, 1784.
bey Christian Friedrich Voß und Sohn.
[Textvorlage: Erstdruck]
Quellen:
http://www.bbaw.de/forschung/moritz/forum/Ideal_vz.htmlhttp://www.taz.de/dx/2004/09/25/a0001.1/texthttp://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Moritz/mor_zeit.html