Bin
kein hartnäckiger Wadenbeißer / bin kein Freischwimmer, ich bin
Bademeister. / Ja, schau mir das Geschehen vom Beckenrand an / bis ich,
sagen wir mal, zu checken anfang …
Das ist das Lied „Endlich
Nichtschwimmer“ vom Hiphopper „Dendemann“. Andere Lieder von ihm:
„Kommt Zeit dreht Rad“, „Saldo Mortale“. Verqueres Gedankengut, schön
verreimt, aberwitzig. Zum Dendemann-Konzert nach Frankfurt wollten sie
fahren. Miriam war Fan, also war Alex es auch. Miriam sagte, in welche
Bar sie gingen, zu welchem Konzert. Alex ging mit, weil er Miriam
liebte.
An einem sonnigen Nachmittag küssten sie sich im
Garten auf dem Hinterhof ihres Hauses. Miriam las nebenher
Kleinanzeigen und beendete das Liebesspiel: „Ich geh’ mir jetzt eine
Schwalbe kaufen.“ Sie brauchte immer mal wieder eine Schwalbe, weil die
DDR-Roller so gerne geklaut werden in Prenzlauer Berg. Eine entwendete
angeblich ihr Ex-Freund, nachdem er mit ihrer besten Freundin
durchgebrannt war. Wochenlang haben sie den Roller gesucht.
Zu
ihrem 30. Geburtstag wollte Alex ihr eine neue Schwalbe schenken. Eine
alte natürlich. So alt wie Miriam sollte sie sein, Baujahr 1977.
Fiel alles aus. Das mit der Schwalbe. Das Dendemann-Konzert. Das
gemeinsame Kinderkriegen und Altwerden. Miriam brach neben ihm
zusammen, im Schuhladen, wo sie ein paar Tage in der Woche arbeitete.
Alex zeigt das Ladentagebuch. Da steht drin, welcher Kunde noch nicht
bezahlt hat, wer was geliehen hat und wie viel Pfand er bekommt, sollte
er es je zurückbringen. Verkauft werden Second-Hand-Schuhe und
-Kleider. Als Miriam anfing im Laden, toppte sie gleich den
Tagesumsatzrekord. Sie konnte Leuten, die nur mal gucken wollten, die
Kaufhemmung wegzaubern. Ihre Waffe war ihr Lachen. Das ist auf einem
Foto zu sehen, das Alex zwischen die Kleider gehängt hat. Miriam im
Auto in Spanien, mit Kopftuch und klobiger Brille für Weitsichtige, die
sie am Strand gefunden hatte.
Sie liebte es, die Ordnung der
Welt zu verrücken, gewichtigen Dingen ihren Ernst zu nehmen. Ein wenig
scheute sie wohl auch vor der Last, einmal das zu werden, was sie sich
insgeheim wünschte: Mutter von Kindern in einem Haus mit Garten. Alex
war überrascht, als sie ihm den Wunsch gestand.
Weil sie der
besten Freundin, mit der ihr Ex durchgebrannt war, aus Rache ein
Morgenpost- Abo untergeschoben hatte, musste Miriam gemeinnützige
Arbeit leisten, bei „Mob e.V.“, dem Zentrum für Obdachlose. Sie fing in
der Küche an, wechselte aber bald in die Redaktion des hauseigenen
Radiosenders und der Zeitschrift „Straßenfeger“. In einem Text über
Novalis schrieb sie:
Die Helden meiner hoffentlich noch
anhaltenden Jugend starben alle viel zu früh: Zuerst hing da Sid
Vicious an der Wand. Den tauschte ich in der Hippiephase mit Jim
Morisson aus, der seinen 30. Geburtstag auch nie gefeiert hat. Um etwas
positiver zu werden, habe ich mir mit fünfzehn Jahren dann Kurt Cobain
an die Wand gepinnt. Oder vielmehr Kurt Kokain … Dass er auch so früh
sterben würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wissen.
Dass Leben und Sterben zusammengehören, wusste Miriam wahrscheinlich
besser als ihre Plakathelden. Mit 26 bekam sie ihren ersten
Herzinfarkt. Es dauerte lange, bis sie ins Krankenhaus gebracht wurde.
Die Ärzte rätselten, untersuchten, fanden Reste eines Blutgerinsels und
rätselten weiter. Miriam fing an mit Yoga, ernährte sich gesund und
beschloss, sich nicht mehr aufzuregen, aber das gelang ihr nicht so gut.
Sie konnte sich maßlos über die BVG-Kontrolleure ärgern. Die meckerten
rum, weil auf ihrem Arbeitslosenticket ein Foto fehlte. Sie schimpfte
auf die Leute vom bankrotten Goya-Club, die ihr Kellnerhonorar
schuldeten. Sie konnte ausrasten, sagt Alex. Auch er bekam das zu
spüren. Ihre Gefühle platzten hinaus, die positiven wie die negativen.
Sie hat mal studiert, sagt Alex. Was, weiß er nicht. Er hat nie danach
gefragt. Aufgewachsen sei sie in Rodgau bei Frankfurt, als Nesthäkchen
mit zwei älteren Schwestern. Ihr Vater wollte ihr helfen, sich zu
etablieren, mit festem Job und einer Eigentumswohnung. Aber Miriam
konnte sich zu nichts entschließen. Sie blieb in ihrer
Hinterhofbehausung. Eine gut bezahlte Arbeit in einer Computerfirma
ließ sie sausen.
Fünf Tage lang lag sie im Koma, dann wurde
Miriam 30 Jahre alt. An ihrem Geburtstag ließen die Ärzte sie in Ruhe.
Keine Untersuchungen. Zwei Tage später haben sie die Maschinen
abgeschaltet.
Thomas Loy
aus: Tagesspiegel, 25.05.2005, Nachrufe.
http://www.tagesspiegel.de/nachrufe/archiv/25.05.2007/3285162.asp