BERLIN. Es ist Freitagabend, als Jan Markowsky in einem Laden im
Wedding Stühle und Tische beiseite schiebt. "Unter Druck. Kultur von
der Straße e.V." steht auf einem Holzschild über der Tür. Martina,
Ulla, Horst und Thommy schauen Markowsky zu. Der Jüngste von ihnen ist
fünfundvierzig Jahre alt, die Älteste achtundsechzig. Die Theatergruppe
des Vereins probt ihr neues Stück, eine zeitgenössische Version von
"Hänsel und Gretel". Ein landloser Bauer aus Mecklenburg und eine
entlassene Kantinenwirtin aus Helmstedt suchen ihr Glück, das heißt
einen neuen Job. Grimms Märchen im Hartz-IV-Deutschland.
Den
Investor, auf den sich die Hoffnungen richten, spielt Horst. Er setzt
eine Krone auf, posiert damit vor Ulla, die beiden glucksen wie zwei
alt gewordene Kinder. Horsts Sporthose und das alte T-Shirt sind noch
nicht bühnenreif. Seine dürftige Mimik ebenso wenig.
Markowsky
schüttelt den Kopf, schickt ihn auf das Sofa, spielt die Szene vor. Wie
er sie sich vorstellt. Er prüft die Finger von Hänsel und Gretel.
"Immer noch zu fett!" Dann rümpft er die Nase, furcht die Augenbrauen.
Horst kratzt sich am Kopf, auf dem immer noch die Krone sitzt. "Nicht
schlecht, Jan. Gefällt mir. Dafür üben wa ja."
Zum
Obdachlosentheater ist Jan Markowsky gekommen, als er selbst erst
wenige Monate auf der Straße lebte. Anfangs wollte er lediglich
zuschauen. Dann machte er mit.
Mittlerweile sitzt er im
Vereinsvorstand, ehrenamtlich. Er sammelt Lebensmittelspenden, arbeitet
in Zirkeln über Wohnungsnot, geht zu Sozialausschüssen.
Manchmal
trifft man ihn bei Veranstaltungen über Obdachlosigkeit. Dort sucht er
sich einen Platz ganz hinten. Dann sitzt er still auf dem Stuhl,
konzentriert, stets sauber gekleidet, einen kleinen Rucksack an sich
gepresst. Eine Randgestalt.
Es ist nicht anders als damals in der
DDR. Jan Markowsky mischt sich ein für etwas, das ihm wichtig
erscheint. Heute sind es Menschen, die keine Wohnung haben und kein
Bankkonto, die nicht krankenversichert sind und von Armenspeisungen
leben - wie er. Damals waren es Menschen, die sich in der
Bürgerrechtsbewegung der DDR für ein besseres Land einsetzten,
Dissidenten, Intellektuelle, Künstler
Das klingt nach einem
sozialen Absturz. Wie eine traurige Pointe im Leben des Jan Markowsky,
geboren 1949 in Greifswald, die Eltern Mediziner, drei Brüder. Es
klingt nach einem Leben, dem immer mehr die Bedeutung abhanden kommt.
An
einem Januartag vor acht Jahren, von dem an Jan Markowsky obdachlos
sein wird, kann er seine Toilette nicht benutzen. Sie ist defekt. Er
geht vor die Tür, seine Wohnung liegt parterre. Plötzlich fällt es ihm
ein. Der Schlüssel. Der steckt in der anderen Hose. Markowsky starrt
auf die Tür. Gerade erst hat er seinen Job geschmissen. Die Miete. Wie
soll er die zahlen? Er dreht sich um, geht weg, einfach so, lässt alles
zurück. Möbel, Kleidung, Geburtsurkunde, sein bisheriges Leben. Es
kommt ihm nicht seltsam vor, nur logisch. "Wie eine Befreiung",
behauptet er. Seine Finger gleiten dabei durch seinen Schnauzbart. Der
zieht sich bis über die Mundwinkel. Wie bei Wolf Biermann. Zufall, sagt
er.
Mit der Ausbürgerung des Liedermachers am 16. November 1976
verschlägt es Jan Markowsky zu den Bürgerrechtlern. Wegen seines
Bruders Bernd, zwei Jahre jünger als er und ein Freund Wolf Biermanns.
Bernd
wird in Jena verhaftet. Gerade war er aus Berlin zurückgekehrt, von
Robert Havemann, dem prominentesten DDR-Dissidenten. Dort hatte Bernd
Markowsky eine Protestresolution einiger Autoren um Stephan Hermlin
abgeholt.
"Bernd war der Mutigere von uns beiden, der eher
einen eigenen Weg suchte als ich", sagt Jan Markowsky. "Das Politische
ergab sich in einer Diktatur zwangsläufig."
Er selbst wohnt
damals erst seit kurzem in Berlin, als Diplomingenieur arbeitet er beim
VEB Gasversorgung. Als der Bruder festgenommen wird, fährt er nach
Jena. Dort lernt er dessen Freunde kennen, dann auch Oppositionelle in
Berlin. Darunter den Schriftsteller Lutz Rathenow, mit dem Bernd
Markowsky in Jena den staatskritischen Arbeitskreis Literatur gegründet
hat.
Nach Monaten in Haft wird sein Bruder 1977 nach Westberlin
abgeschoben. Der Vater folgt. Im Osten bleiben Jan, seine beiden
anderen Brüder und die Mutter. Nun sind die Markowskys geteilt wie das
Land.
"Eine rebellische Familie", sagt Lutz Rathenow. "Politisch eigenwillig, Unruhestifter im Guten."
Wie
ein Unruhestifter sieht Jan Markowsky nicht aus, nicht auf den ersten
Blick. Wie er zum Beispiel dieser Tage an einem Tisch kauert.
Regungslos, still, in sich gekehrt. Es ist das Kaffee Bankrott in der
Prenzlauer Allee, wo sich Menschen ohne festen Wohnsitz treffen. Im
fahlen Licht der Neonröhren tagt die Redaktionskonferenz des
Obdachlosenmagazins "Straßenfeger". Ein Dutzend Leute redet über
Jugendgewalt, Elternverantwortung, Kapitalismus und Kriminalität. All
so was. Einer grummelt dazwischen: "Das ist zu oberflächlich."
Plötzlich donnert Markowsky los: "Dann hör' genau zu!" Ein Ausbruch wie
ein Faustschlag. Ansatzlos, selbstgewiss. Eigentlich eine Spur zu
heftig.
Jan Markowsky ist niemand, der stillhält, wenn ihm etwas
nicht passt. Das war er nie. Selten ist er ganz vorn in der
DDR-Opposition dabei, aber oft mittendrin. Wie im September 1981. Da
fährt er nach Woltersdorf östlich von Berlin. Im Garten des Physikers
Gerd Poppe, dem späteren Bundestagsabgeordneten für Bündnis 90/Die
Grünen, treffen sich einige Bürgerrechtler. Es ist ein sonniger Tag,
Wochenende. In der Runde sitzt Robert Havemann. Er liest einen offenen
Brief vor, an den sowjetischen Staatschef. Breschnew solle die
Stationierung der atomaren SS-20-Mittelstreckenraketen in der DDR
zurückziehen.
Aber Havemann geht noch weiter: "Wie wir Deutsche
unsere nationale Frage dann lösen werden, muss man uns schon selbst
überlassen, und niemand soll sich davor mehr fürchten als vor dem
Atomkrieg." Gleich dort im Garten unterzeichnen einige den Brief. Unter
ihnen der Pfarrer Rainer Eppelmann und der Lyriker Sascha Anderson, der
als IM der Stasi von dem Tag berichtet. Und Jan Markowsky. Kurz darauf
schreiben sich im Westen einige Friedensaktivisten hinzu.
Zwei
Wochen später ruft Bruder Bernd an. Er will Markowsky warnen. Der Brief
werde in einigen Westzeitungen veröffentlicht, mit den
Erstunterzeichnern. Jan Markowsky sagt nur: "Ist doch in Ordnung."
So erzählt er es. Er will verstanden werden. Denn es geht ihm ums Prinzip. Sein Prinzip. Alles mit vollem Namen.
Als
von ihm ein Text über die Friedensbewegung der evangelischen Kirche der
DDR in der Westberliner taz abgedruckt wird, steht darunter "Jan
Markowsky, Ost-Berlin". Auch wenn es ihm ein Verhör bei der Stasi
einbringt. Dem Amtsleiter der Abteilung Inneres von Berlin-Weißensee,
der Freunde von ihm wegen vermeintlich staatsfeindlicher Aktivitäten
vorführen ließ, schickt er eine Postkarte mit Auszügen aus der
DDR-Strafprozessordnung. Der Leiter möge sie unterschreiben und an ihn
zurücksenden. Seine Adresse steht dabei.
Nicht verstecken, das
bleibt sein Credo. Auch jetzt, ohne Wohnung. Vielleicht ist er das
seinem Stolz schuldig. Markowsky steht zu seinem Leben. Zu seiner
Armut.
Wenn Jan Markowsky ins Erzählen kommt, schichtet er
akribisch Detail auf Detail. Man kann ihn dabei schlecht zur Kürze
anhalten. "Moment!" wehrt er dann ab: "Ich erzähle Ihnen die ganze
Geschichte, die ganze Geschichte, ich erzähle Ihnen die ganze
Geschichte."
Manchmal kommt er von den Sätzen nicht mehr los.
Als würden seine Gedanken stranden, irgendwo in seinem Kopf. Weil alles
zusammenhängt. So viele Dinge.
Als 1984 sein Ausreiseantrag
genehmigt wird, packt er nur etwas Wäsche in eine Reisetasche. Am
anderen Ende des Tränenpalastes beginnt sein neues Leben. Nichts wird
damit leichter.
Ein erster Job als Energieberater ist nur
befristet, seine Versuche als Freiberufler scheitern. Das Gefühl, dass
auch in Westberlin nichts vorwärts geht, wird immer bohrender. Hinzu
kommen Mietschulden, Beziehungsprobleme, Depressionen.
Als die Mauer fällt, sind die Kontakte in den Osten längst gekappt.
Ein
Architekt, bei dem er zeitweise doch angestellt wird, hilft ihm beim
Entschulden, bringt ihn in einem Haus in Prenzlauer Berg unter. Es wird
seine letzte Wohnung sein.
"Jan Markowsky war hoch intelligent
und sehr individuell", sagt der Architekt. "Aber als Ingenieur fehlte
ihm der Sinn dafür, was praktisch durchführbar ist." Er spricht von ihm
in der Vergangenheit.
Womöglich ist es so, dass sich Menschen
wie Markowsky in kein System einpassen können. Weil sie sich mit
Autoritäten schlecht arrangieren. Weil sie zu eigensinnig sind. Zu
eigenbrötlerisch wohl auch.
Im Januar 2000 zerstreitet er sich
mit seinem Chef. Dann passiert die Sache mit der Wohnungstür, mitten in
einer schlechten Phase.
Das Ende? Der Neuanfang.
"Frei von allen Zwängen zu sein", sagt Jan Markowsky, "das ist das Wichtigste."
Sein
jüngerer Bruder Helmut, Pfarrer in Thüringen, sagt: "Ich sehe seine
Obdachlosigkeit nicht als absteigenden Ast, sondern einfach als seinen
Lebensweg. Er scheut sich nicht, soziale Grenzen zu durchbrechen."
Eine
Geschichte erzählt Jan Markowsky gern. Einmal schläft er in einem Park.
Im Morgengrauen läuft ein Jogger vorbei. Er sieht wie ein Büromensch
aus, einer, der sich quält, um fit zu wirken, belastbar. "Der hat
bestimmt gedacht: Der arme Penner. Ich habe gedacht: Der arme Jogger."
Das ist seine Sicht auf die Welt. Markowsky besitzt kaum etwas. Es fehlt ihm an nichts.
Der
kleine Mann hat es eilig. Er rennt durch die Schlesische Straße, seine
offene Regenjacke flattert, der Schal hängt lose am Hals. Die schnellen
Schritte wollen kaum passen zu dem massiven Körper. An diesem Abend
nimmt die Kreuzberger Taborkirche Obdachlose auf. Menschen wie ihn. Es
wird voll sein. Er ist spät dran. Jan Markowsky läuft um seinen
Schlafplatz.
Als er den Vorraum betritt, sind die meisten
Isomatten schon belegt. Unter seinem Arm klemmt eine blaue
Ikea-Einkaufstasche. Am nächsten Morgen will er von einer Bäckerei
Essenspenden für andere Obdachlose abholen.
Er setzt sich,
sieht sich um, ausdruckslos. Am Tisch starrt ein bärtiger Mann
verschlossen in seine Tasse. Auf dem Boden krümmt sich ein schwer
zugedröhnter junger Kerl. Daneben ist noch eine Matte frei. Die letzte.
Direkt an der Tür. "Ist in Ordnung", brummt Jan Markowsky. "Reicht mir
doch."
Es muss reichen.