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05.01.2008 – Tagesspiegel – Frank Brunner: Eiskalte AbwegeEiskalte Abwege 1800 Jugendliche und junge Erwachsene sind obdachlos. Manche sind trotz
Kontakt zu den Ämtern auf der Straße gelandet - weil die richtigen
Hilfen fehlen.
Still und geduldig wartet der junge Punk. Wartet darauf, dass sich die
schwere Eisentür endlich öffnet. Reden möchte er jetzt nicht, und
deshalb bleibt die Frage nach seinem Namen unbeantwortet. Die Kapuze
tief ins Gesicht gezogen, sitzt er auf dem Boden, starrt ins Leere und
bläst den Rauch einer Zigarette in die kalte Winterluft. Neben ihm, das
Gesicht zwischen den Armen versteckt, schläft zusammengekrümmt seine
Freundin. Es ist 14 Uhr, und am Berliner Zoo warten die zwei
Jugendlichen auf die Essensausgabe der Bahnhofsmission.
Die Frauen und Männer der kirchlichen Sozialeinrichtung stapeln derweil
Brote, füllen Schalen mit Gebäck und kochen Tee. Tannenzweige stehen
auf den Tischen und ein paar Kerzen. „Viermal am Tag geben wir Essen an
Bedürftige aus, insgesamt bis zu 1000 Portionen täglich“, erzählt
Annina Budnick, Sozialarbeiterin der Bahnhofsmission. Etwa jeder dritte
Gast ist ein Jugendlicher, schätzt die junge Helferin. Die Berliner
Landesregierung schätzt, dass es in der Hauptstadt allein rund 1800
Minderjährige gibt, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben.
Mit durchschnittlich 15 Jahren, manchmal aber auch schon ab dem elften
Lebensjahr, haben die Jugendlichen ersten Kontakt zur Straßenszene. Zu
diesem Ergebnis kommt die Studie „Junge Menschen auf der Straße in den
Berliner Innenstadtbezirken“ des Instituts für Sozialforschung,
Informatik und Arbeit (ISIS). Im Sommer 2007 befragten die Autoren
Mädchen und Jungen auf dem Berliner Alexanderplatz sowie vor den
Bahnhöfen Ostkreuz, Warschauer Straße und Frankfurter Allee. Etwa ein
Drittel der „Straßenkids“ ist tatsächlich wohnungslos. Weitere 20
Prozent leben in unsicheren Wohnverhältnissen, also entweder bei
Freunden, Lebenspartnern oder in Wagenburgen. Erschreckend ist der
Gesundheitszustand der Jugendlichen. Rund 80 Prozent sagten, dass sie
zeitweise unter Hunger leiden. Hinzu kommen Probleme mit Alkohol und
anderen Drogen sowie starke psychische Belastungen. „Viele haben sich
leider mit ihrer Situation arrangiert“, berichtet Budnick resigniert.
Hilfe finden die Jugendlichen unter anderem im „Klik“, dem Kontaktladen
für Jugendliche auf der Straße in Berlin-Mitte. „Bei uns können sie
essen, Wäsche waschen, duschen, und wir versuchen die Jugendlichen auch
in geeignete Wohnprojekte zu vermitteln“, so Ralf Köhnlein, einer der
Sozialarbeiter. Das Problem für manche Jugendliche sei aber, so
Köhnlein, dass die Aufnahme in Einrichtungen des betreuten Wohnens auch
mit bestimmten Auflagen, wie regelmäßigem Schulbesuch oder etwa der
Teilnahme an einer Drogenberatung, verbunden ist. „Aus diesem Grund
landen Jugendliche auf der Straße, obwohl sie vorher Kontakt zum
Jugendamt hatten“, erklärt er und betont, wie wichtig sogenannte
niederschwellige Angebote seien. Noch bis vor wenigen Tagen drohte dem
„Klik“ die Schließung. Private Spenden, unter anderem von den Lesern
des Tagesspiegels, sichern die Fortsetzung der Arbeit zumindest in den
kommenden zwölf Monaten. „Wir sind natürlich froh, wünschen uns aber
eine langfristige Finanzierung“, so der Sozialarbeiter. Denn nicht nur
für minderjährige Jugendliche, mehr noch für die Altersgruppe der 18-
bis 25-Jährigen, die auf der Straße leben, fehlen geeignete
Hilfsprojekte. „Es ist falsch, wenn sinnvolle Maßnahmen, etwa betreutes
Wohnen, mit der Volljährigkeit enden, denn auch danach sind viele
Jugendliche mit ihrem Alltag überfordert“, sagt Anett Leach, ebenfalls
Sozialarbeiterin im „Klik“.
Olli beispielsweise. Leise klopft der 25-Jährige an den kleinen
Wohnanhänger der Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“, der in einer
Seitenstraße hinter dem Bahnhof Zoo steht. Drinnen sitzt Marcus
Zywietz. Der Ofen in der Ecke sorgt für gemütliche Wärme, auf dem Tisch
blubbert eine Kaffeemaschine, und im Hintergrund dudelt leise ein
Radio. Der 37-jährige „Strassenfeger“-Mitarbeiter verteilt von hier aus
zweimal pro Woche die Obdachlosenzeitschrift an die Straßenverkäufer.
Alle paar Minuten erscheint ein Gesicht im Türrahmen, nimmt einen
Stapel Zeitungen und verschwindet schnell wieder. Olli finanziert seit
sieben Jahren sein Leben durch den Verkauf des Blattes. Viel verdient
er damit nicht. „Ich verticke nur zehn bis zwölf Stück am Tag“, erzählt
er. In den U- oder S-Bahnen könnte man sicher mehr loswerden, aber da
reinzugehen und einen flotten Spruch aufzusagen, liege ihm nicht so.
Olli steht am Bahnhof Friedrichstraße. Und nachts? „Na mal hier, mal
dort“, antwortet er ausweichend.
Marcus Zywietz erkennt sofort, ob jemand obdachlos ist. „Das sieht man
an den Klamotten, aber auch, wenn jemand mit einer riesigen Tasche und
Schlafsack auftaucht, kann man eins und eins zusammenzählen“, erklärt
der gelernte Tischler. In seinem Wohnwagen erzählen die
Straßenverkäufer von ihren Erlebnissen. Zwei, drei Bier müsse er oft
erst trinken, um locker zu werden und sich zu trauen, die Menschen
anzusprechen, berichtet einer, der wie die meisten anonym bleiben
möchte. „Wenn ich Zeitungen verkaufe, kann ich damit meine Drogen
finanzieren, die mir helfen, die Nacht vernünftig zu überstehen“, so
ein anderer. Es sind traurige, müde Menschen, die an Marcus Zywietz'
Wohnwagen klopfen oder auch am Kältebus der Stadtmission, der
regelmäßig am Bahnhof Zoo steht.
Ein paar Stunden später, an einem anderen Ende der Stadt. Es ist kurz
vor 21 Uhr, und vor der Notübernachtung in Charlottenburg steht ein
unauffällig gekleideter junger Mann und schreit. „Verreckt doch alle“,
hallt es durch die Franklinstraße. Tom ist sein Name. Tags zuvor habe
man ihn nicht mehr reingelassen, weil er zu spät gekommen sei, empört
er sich. „Wie soll man denn pünktlich sein, wenn man auf der Straße
lebt?“ Jetzt flucht Tom laut und unflätig, und deshalb wird er auch
heute hier auf ein warmes Bett verzichten müssen. Nach einer halben
Stunde und dem Fund einer großen Tüte fast frischer Brötchen im
Müllcontainer des angrenzenden Bürokomplexes hat er sich beruhigt. „Es
gibt ja auch noch andere Unterkünfte“, sagt Tom und trottet langsam
davon.
Eine ist in Friedenau. Doch gegen 23.30 Uhr sind auch im Nachtcafe „Zum
Guten Hirten“ schon alle 15 Schlafplätze besetzt. Es tue ihm wirklich
leid, sagt der nette Mitarbeiter am Eingang, einen Tee zum Aufwärmen
könne er anbieten und einen Stuhl, auf dem man die Nacht sitzend
verbringen kann. Auf einer der Sitzgelegenheiten im Gang döst bereits
eine Frau, daneben sitzt ein älterer Wohnungsloser in T-Shirt und
kurzen Hosen. „Du musst früher hier sein, Jungchen“, rät er und gibt
gleich weitere Tipps, wie man in Berlin eine kalte Nacht übersteht.
Der Tee ist alle und der Stuhl unbequem. Also zurück zum Zoo. Punkt
Mitternacht beendet die Bahnhofsmission die letzte Essensausgabe. Nur
noch wenige Menschen stehen vor dem Gebäude. Die Frau hinter dem Tresen
redet auf einen jungen Mann ein, der kein Trinkgeschirr mitgebracht
hat. „Du bist ja nicht zum ersten Mal hier und weißt doch, dass man bei
uns ein eigenes Gefäß brauchst“, erklärt sie ihm geduldig. Mittlerweile
haben sich wenige Meter weiter die ersten Jugendlichen schlafen gelegt
– auf die Gitter des U-Bahn-Luftschachts. Dort beißt die Kälte nicht
ganz so schlimm.
Olli ist plötzlich weg. „Ich werde solange Zeitungen verkaufen, bis ich
mein Leben auf die Reihe bekomme“, hatte er noch kurz zuvor gesagt. Was
das heiße: ’das Leben auf die Reihe bekommen’? Naja, eine eigene
Wohnung und vielleicht eine richtige Arbeit haben, war seine Antwort.
Nun ist er verschwunden. Die Nacht hat ihn unsichtbar gemacht. Genau
wie all die anderen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 05.01.2008)
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