Einfach faul zu Hause auf der Couch
herumzuliegen, das kommt für Olaf Müller aus Hohen Neuendorf nicht in Frage. Der
53-jährige Hartz IV-Empfänger trägt schon seit mehr als zehn Jahren den „Straßenfeger“ aus. So kommt er
unter Menschen und hat eine spannende Aufgabe.
Von Georg-Stefan Russew
„Nichts ist schlimmer, als zum gar nichts Tun verdonnert zu
sein!“, sagt Olaf Müller. Der 1953 in Wildau bei Königs Wusterhausen geborene
Müller hat in Berlin den Beruf des Bierbrauers von der Pike auf an erlernt.
Viele Millionen Hektoliter des Gerstensaftes hat er in seiner langen Zeit an den
Sudkesseln zusammengebraut. „Hauptsächlich Exportbier wurde bei uns gemacht.“ Er
hat bei Bärenquell in Berlin gelernt und später bei Engelhardt in Berlin-Stralau
gearbeitet. „Als die Firma zugemacht hat, wurde ich 1994 arbeitslos. Einen neuen
Job gabs für mich als Bierbrauer nicht. Viele Bewerbungen waren erfolglos“, so
Müller.Zeit, sich lange zu grämen, hatte Olaf Müller nicht. Als er vor 13 Jahren
mit der S-Bahn nach Berlin fuhr, traf er einen Verkäufer der Obdachlosenzeitung
„Straßenfeger“. „Ich habe ihn
angesprochen und er hat mir die Adresse im Prenzlauer Berg gegeben. Ich habe
mich gleich beworben und wurde genommen“.
Seitdem ist er ständig für die
Straßenzeitung auf Achse.„Wenn ich auf Tour bin, fühle ich mich pudelwohl. Klar
wäre ein richtiger Job besser. Aber so liege ich dem Staat nicht so auf der
Tasche“, meint der Bierbrauer.Am Verkauf einer normalen Zeitung ist er mit rund
80 Cent beteiligt.
Bei der Zustellung für Abonnenten gibt es nichts. „Der
Verdienst wird mir ganz klar auf die 345 Euro Hartz IV angerechnet. So bekomme
ich neben Miete für meine Ein-Raum-Wohnung rund 297 Euro vom Staat“, erklärt
Olaf Müller.Wenn er als Bierbrauer wieder einen Job finden würde, würde er mit
wehenden Fahnen an seine Kessel zurückkehren, „aber ich in meinem Alter bin
leider nicht mehr gefragt. Dabei kenne ich die Geheimnisse des Bieres aus dem
FF“, so Müller.
Als „Straßenfeger“-Verkäufer ist der
53-Jährige auch die Wucht in Tüten. Geschickt versteht er es, seine Hefte an den
Mann oder an die Frau zu bringen. „Früher habe ich auch vor Einkaufsmärkten
gestanden und versucht, Kasse zu machen. Aber das war keine gute Idee“. Heute
hat er sich fast ganz Brandenburg als Revier ausgesucht. Für diese Zwecke hat
sich Müller eine Gesamtnetzkarte der Bahn für Berlin-Brandenburg gekauft und
klappert Fürstenberg genauso ab wie Perleberg, Neuruppin, Zossen oder Teltow.
„Ich habe mir richtige Touren zusammengestellt, die ich im 14-Tage-Rhythmus
abfahre“.
Und dabei geht Müller auf die Menschen zu, geht in die Geschäfte und
bietet die Zeitung zum Kauf an. „Hier kann ich meine Kunden direkter ansprechen,
und die Verkaufsquote ist tausendmal besser als vor einer Kaufhalle“, berichtet
er. Aber nicht immer klappt es. „Ganz oft muss ich unverrichteter Dinge
abziehen.“ Und das tut weh, auch wenn Müller dies versucht zu kaschieren.
In
seinem Alter geht es die Treppen nicht mehr so gut hinauf. Immer wieder muss er
schnaufend pausieren. Auch hier murrt er nicht und zieht seine Tour weiter
durch. Ab und zu muss er sich hinsetzen. Dies dauert nie länger als fünf
Minuten. Dann geht es weiter. Sein strikter Zeitplan wird von den
Zugverbindungen diktiert. Gestern startete er von Oranienburg aus kurz nach 9
Uhr, um kurz vor 10 Uhr auf seine Fürstenberger Runde zu gehen. Gegen 11 Uhr
machte er sich in Richtung Gransee auf.
Bei seinen Touren legt er jährlich über
20000 Kilometer zurück. Immer ist er freundlich, nett und ehrlich. Als ihm eine
Kundin in der Fürstenberger Schloss-Parfümerie einen Euro zu viel gab, machte er
sofort die Frau darauf aufmerksam und gab ihn ihr sofort zurück. „Ehrlichkeit
ist für mich das Wichtigste. Wo würde ich hinkommen, wenn es nicht so wäre“,
sagt Müller leise.Mit seinem Leben ist er zufrieden. „Klar habe ich noch Träume.
Die behalte ich aber lieber für mich, weil die nur mir gehören“, sagt Müller,
zählt seine Zeitungsexemplare durch und trottet in Richtung Bahn. In 14 Tagen
wird er wieder nach Fürstenberg und Gransee aufbrechen. In der nächsten Woche
ist Neuruppin und Oranienburg dran.
Kurze Schlemmerpause beim Fleischer in
Fürstenberg. Eine Bockwurst gibt wieder Kraft.
Nur mit Hemd und Weste
bekleidet raus bei Wind und Wetter.