Ausgabe_05_2012 > Seite 26

Gerhard Richter oder was die Malerei überhaupt noch kann und darf

Zum 80. Geburtstag des Künstlers zeigt die Neue Nationalgalerie seine große Retrospektive mit über 140 Werken aus 50 Jahren

Seine Ölbilder sind unscharf, entrückt und neblig, als hätte er sie mit einem Weichzeichner bearbeitet. Sie wirken so ephemer, als könnten sie sich jeden Augenblick in Luft auflösen. Häufig muten sie wie Landschaften an, die man durch eine verregnete Glasscheibe oder eine beschlagene Brille betrachtet: Sie zerfließen, ihre Formen und Konturen verschwinden, flimmern irritierend und irreführend vor den Augen. Die abgebildete Welt ist nur ein kleiner fotografischer Ausschnitt dessen, was uns umgibt, Fragment eines unfassbaren Ganzen. Solche Bilder, mal schwarz-weiß und recht gegenständlich oder abstrakt, mal grau in grau, mal farbenfroh, mal klein, mal groß, aber immer recht gedämpft und bis ins letzte Detail durchdacht, malt der aus Dresden stammende Gerhard Richter seit einem halben Jahrhundert. Seit mindestens zwei Jahrzehnten ist er einer der international bekanntesten deutschen Künstler. Führende Museen und Auktionshäuser, Sammler und Anleger reißen sich um seine Gemälde, für die zweistellige Millionenbeträge gezahlt werden. 2004 erklärte ihn die britische Tageszeitung „The Guardian“ zum „erfolgreichsten Maler der Welt“ und zum „Picasso des 21. Jahrhunderts.“ Von 2004 bis 2008 und von 2010 bis 2011 rangierte er auf Platz 1 im „Kunstkompass“, einer Liste der 100 besten lebenden Künstler, von der Zeitschrift „Manager-Magazin“ jährlich zusammengestellt und veröffentlicht. Er ist auch der teuerste Künstler der Gegenwart. Allein in den letzten zwei Jahren erzielten seine versteigerten Werke den kaum vorstellbaren Gesamtpreis von über 100 Millionen Dollar. „Das ist genauso absurd, wie die Bankenkrise – unverständlich, albern, unangenehm“, empört sich der Meister.

Bilder ohne Worte

Am 9. Februar wurde Gerhard Richter 80, ein Anlass, den die Neue Nationalgalerie dazu nutzte, sein vielfältiges Werk endlich auch in Berlin, in der beeindruckenden Retrospektive „Panorama“ mit über 140 Gemälden, Glas-und Spiegelobjekten aus den letzten 50 Jahren, vorzustellen. Das Interesse der Medien am weltberühmten Künstler, der persönlich zur Pressekonferenz und Ausstellungseröffnung erschien, war überwältigend. Hunderte mit Kameras und Mikrofonen bewaffnete Journalisten und Fotografen drängten sich im Konferenzraum des Mies-van-der-Rohe-Baus, so dass es fast unmöglich war, im Blitzlicht den bescheidenen, jugendlich wirkenden und wortkargen Mann zu erspähen. Auf die vielen recht langen Fragen antwortete er mit einem Lachen, wonach kurze und leise Antworten folgten. Frage: „Wie fühlt man sich, wenn man so gelobt und in den Kunsthimmel gehoben wird?“ Antwort: „Nicht beachtet zu sein, wäre schlimmer.“ Frage: „Sind für Sie die Familienbilder besonders wertvoll?“ Antwort: „Sie gehören mir schon lange nicht mehr.“ Frage: „Werden Sie in Zukunft auch so viel malen?“ Antwort: „Wenn man etwas zu tun hat, ist man gut aufgehoben.“ Kein Wunder, dass die vorwiegend chronologisch angeordnete Schau im Erdgeschoss der Neuen Nationalgalerie, ein repräsentativer Ausschnitt aus Gerhard Richters Tun seit 1962, fast ganz ohne Worte auskommt. Abgesehen von der Beschriftung der Exponate, die über den Titel, das Entstehungsjahr und die Technik Auskunft gibt, sieht man im „Panorama“ wirklich nur Bilder und Objekte, und keine sonst so beliebte Wandtexte darüber, was der Künstler uns sagen wollte. Das ist eine lobenswerte Ausnahme, die zur Regel werden sollte, denn man wird beim Betrachten nicht durch Lesen abgelenkt und kann das Gesehene ohne fremde Kommentare auf sich wirken lassen und unvoreingenommen genießen.

Fließende Grenzen

Die transparente, fast 3000 Quadratmeter große Halle der Neuen Nationalgalerie sieht jetzt wie ein riesiger Schrein aus, in dem kostbare Reliquien – Ikonen der schon fast sakral verehrten Kunst gehütet werden. Für Gerhard Richters Bilder wurden Wände gebaut, und um die Wände, entlang der Glasfront, eine Außenwand für dessen Fries aus 196 Tafeln mit dem schlichten Titel „4900 Farben“. Das ist in der Tat ein umfassendes inneres und äußeres „Panorama“. Die Ausstellungsphilosophie ist denkbar einfach und deshalb so überzeugend: Bilder hängen in einer Reihe an den Wänden, große neben kleinen, bunte neben einfarbigen, gegenständliche neben abstrakten. Das, was sie verbindet, ist nicht die Thematik, sondern das Entstehungsdatum. Die Besichtigung ist ein Rundgang, der mit den ersten, von Zeitungs- und Familienfotos abgemalten Ölbildern beginnt. Der Weg zu den Anfängen startet jedoch am vorläufigen Ende. Im Eingangsbereich hängen zwei fast monochrome weiße „Abstrakte Bilder“ (2009), welche wie dicht gewirkte Gardinen die Landschaft hinter einem möglichen Fenster nur bruchstückhaft erahnen lassen, während der riesige Digitaldruck „Strip“ (2011) aus bunten Streifen besteht, die vor den Augen flimmern. Es sind Kostproben eines Künstlers, der seine Sujets verhüllt und enthüllt, heute wie vor 50 Jahren, um auszuloten, „was die Malerei überhaupt noch kann und darf.“ Gerhard Richters „Panorama“ zeigt, dass sich sein Werk nicht linear, sondern parallel entwickelt und dass die Grenzen zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit fließend sind. Landschaften, Stillleben, Porträts und Gruppenporträts sind als gegenständlich erkennbar, obwohl sie unscharf und verschwommen erscheinen. Weil das Foto einen Ausschnitt der Wirklichkeit am unverfälschtesten darstellt, malt Richter seine (nicht abstrakten) Bilder von Fotos ab. Dass er Fotos als Vorlagen benutzt, hat auch einen pragmatischen Grund: Sie sind schneller gemacht als eine aufwendige und arbeitsintensive Skizze.

Die Banalität des Alltags

Familienfotos und Zeitungsfotos sind die Ready-mades, aus denen Gerhard Richter, der immer so malen wollte wie Jan Vermeer van Delft und Caspar David Friedrich, originelle Kunstwerke schafft. Sie haben häufig einen Bezug zu Marcel Duchamp – und führen augenzwinkernd vor, wie etwa die 1965 mit Öl auf Leinwand gemalte „Klorolle“ (ein Pendant zur „La Fontaine“, dem berühmtesten Pissoir der Welt), dass die Malerei noch lange nicht am Ende ist. Zugleich sind Richters Bilder eine Chronik der Nachkriegszeit: mit deutschen Männern und Frauen, Opfern und Tätern des Nationalsozialismus wie etwa die „Familie am Meer“ (1964), „Onkel Rudi“, „Tante Marianne“ (1965) und die „Familie im Schnee“ (1966). Die Täter oder kleinen Mitläufer reihen sich mühelos in den Nachkriegsalltag ein. Sie bauen das Wirtschaftswunder auf und profitieren davon. Diese schwarz-weißen oder vielmehr grau schattierten Bilder sind gemalte Erinnerung und wie die Erinnerung blass, undeutlich, entrückt und etwas fremd. Sie zeigen, vor allem die Arbeiten aus den 1960er und den 1970er Jahren, wie die in den Krieg verstrickte kleinbürgerliche Gesellschaft ihre großbürgerlichen Träume von Wohlstand und Luxus auslebt. Mit milder Ironie zeichnet Richter die Banalität des Alltags und rückt unsere Vorstellungen von dem Schönen und Erhabenen ins diffuse Licht. Die Schönheit seiner Landschaften und Stillleben ist unspektakulär und gewöhnlich, wie die Blumen in der Vase, wie eine fragmentarische Hausfassade, vor der ein Baum steht, wie die drei unter der Decke der Neuen Nationalgalerie hängenden „Wolken“.

Stillos ohne Stillstand

Gerhard Richters abstrakte Bilder bestechen vor allem durch ihre Farbigkeit, eine Farbigkeit der leisen Töne. Manche erinnern an Stadtlandschaften, durch die Scheibe eines Autos gesehen, das an einem verregneten Abend auf einer beleuchteten Straße fährt. Was aus dem Gemisch dieser Farben entsteht ist grau, mal leuchtend und warm, mal stumpf, emotionslos und kalt. Marcel Duchamps „Großes Glas“, in vielen Varianten, durchsichtig und blind, verspiegelt oder entspiegelt, ist ein wiederkehrendes Motiv des in Köln lebenden Künstlers. Sein Oeuvre ist ein Spiegelbild unserer Zeit, die mit Farben und Zeichen so überladen ist, dass man das Grau als wohltuend empfindet. Zwar mag Gerhard Richter seinen Stil als stillos bezeichnen, doch Stillstand gibt es in seiner Kunst und seinem Leben offensichtlich nicht. Kurz vor dem Mauerbau flüchtete der bereits damals erfolgreiche sächsische Wandmaler von der Elbe an den Rhein, weil er so malen wollte, wie es ihm passt. An der Spree wird er jetzt auch weit und breit gefeiert: In der Neuen Nationalgalerie als ein Künstler, der immer aktuell, also auf der Höhe der Zeit ist. In der Alten Nationalgalerie, wo im Schinkel-Saal sein 15-teiliges Werk „18. Oktober 1977“ ausgestellt wird, rückt man sein Werk in die Nähe der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts. Gerhard Richter ist ein Phänomen. Seine Malerei scheint zu jeder Zeit zu passen.

Urszula Usakowska-Wolff

Gerhard Richter,  „Panorama“
noch bis zum 13. Mai in der Neuen Nationalgalerie im Kulturforum, Potsdamer Str. 50, 10785 Berlin.
Geöffnet von Di-Sa jeweils 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr.
Eintritt 8/4 Euro.
Alte Nationalgalerie Sonderausstellung „18. Oktober 1977“
Eintritt 4 Euro
www.gerhardrichterinberlin.org
www.gerhard-richter.com

Zuletzt aktualisiert: 31.01.2014 12:56