Ausgabe_24_2011 > Seite 25
Krakau lockt nicht nur Touristen an
Im Herbst und Winter ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen in die alte Königsstadt ein
Krakau ist eine schöne alte Stadt an der Weichsel, an vielen Stellen erfolgreich geliftet und durch neue Sehenswürdigkeiten ergänzt. Die historischen Bauten wurden abgestrahlt und von der Patina der Zeit gereinigt, die Patrizierhäuser auf dem Ring frisch gestrichen und die Kopfsteinpflaster erneuert. Das durch den 1993 gedrehten Film „Schindlers Liste“ international bekannt gewordene jüdische Viertel Kazimierz erstrahlt ebenfalls im neuen Glanz. An den Hauptbahnhof, der nach dem Ende des Umbaus im nächsten Jahr zum modernsten Objekt dieser Art in Polen werden soll, schließt seit 2006 die „Galeria Krakowska“ an. Es ist ein sich über drei Stockwerke erstreckendes Einkaufszentrum mit 270 Geschäften und 22 Restaurants, das so aussieht wie alle anderen Shopping Malls in der globalisierten Welt auch. In seinem unterirdischen Geschoss befinden sich zwei Tunnels, über die man an die Bahn- und Straßenbahngleise sowie zum modernen, überdachten Regionalbusbahnhof gelangt.
Auf Schindlers Spuren
Krakau ist mit über 760.000 Einwohnern die zweitgrößte polnische Stadt. Weil sie am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht zerstört wurde, blieben ihre historischen Baudenkmäler weitgehend intakt und locken Touristen aus aller Welt an: im vorigen Jahr waren es 8,1 Millionen. Zu den neuen Sehenswürdigkeiten gehört der am südlichen Weichselufer gelegene Stadtteil Podgórze. Im März 1941 richteten die deutschen Besatzer dort das Krakauer Ghetto ein, wo 15.000 Menschen auf engsten Raum zusammengepfercht wurden. Zwei Jahre später begann die endgültige Liquidierung des „Jüdischen Wohnbezirks“. Von den sechstausend Insassen, die noch am Leben waren, wurden viertausend in das zwei Kilometer entfernte Konzentrationslager Płaszów und zweitausend nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Am Bahnhof Podgórze, wo die Todestransporte starteten, erinnert heute ein Tunnel mit im Dach ausgeschnittenen Buchstaben daran. Wenn die Sonne scheint, bilden sie auf seinen Innenwänden den Schriftzug „Auschwitz“.
Seit 2005 stehen auf dem Mark von Podgórze, der nun Platz der Helden des Ghettos heißt, 64 Stühle: Ein Mahnmal für die Ermordeten und ein Sinnbild der Leere, die ihre Vernichtung für die Stadt und ihre Bewohner bedeutet. Über eintausend Juden aus dem Ghetto wurden von Oskar Schindler gerettet. Sie arbeiteten in seiner nur 500 Meter vom Marktplatz entfernten Deutschen Emaillewarenfabrik „Emalia“, in deren Verwaltungsgebäude sich seit 2010 eine Dependance des Historischen Museums mit der multimedialen Ausstellung „Krakau: Zeit der Besatzung 1939-1945“ befindet. Die auf dem Hof liegenden Fabrikhallen der „Emalia“ wurden vom italienischen Architekten Claudio Nardi großzügig neugestaltet. Sie beherbergen seit Juli dieses Jahres das MOCAK – Museum of Contemporary Art Kraków. Auf der Straße vor den beiden Museen parken geräumige Elektrofahrzeuge. Sie bieten Besichtigungstouren durch Krakau an. Eine anderthalbstündige Fahrt „Auf den Spuren von Schindlers Liste“ kostet umgerechnet 40 Euro pro Person. Für längere Touren muss man bis 100 Euro bezahlen.
Nicht zum Sightseeing gekommen
Doch Krakau lockt nicht nur Touristen an, die bereit sind, auf der Spurensuche nach der einen oder anderen Geschichte viel Geld auszugeben. Beim Schlendern durch die Altstadt und den sie umgebenden Planty-Park fallen Leute auf, die nicht zum Sightseeing gekommen sind. Bärtige Männer sitzen oder liegen auf Bänken. Vor ihnen stehen umgebaute Kinderwagen, auf die sie ihre Habseligkeiten gepackt haben. Viele lungern am Tag in der „Galeria Krakowska“ oder im eleganten Busbahnhof herum. Die Nächte verbringen sie im Wartesaal des Hauptbahnhofs oder in den Straßenbahnen, was den Unmut der Passagiere weckt, die keinen Sitzplatz finden oder sich über üble Gerüche beklagen. In Krakau leben 2.200 Personen ohne festen Wohnsitz, doch ihre Zahl steigt vor allem im Herbst und Winter. In die alte Königsstadt ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen ein, hausen in ausrangierten Bahnwaggons, Leerständen, auf Dachböden, in Schrebergärten und Heizungskanälen. Von Sozialarbeitern und Streetworkern befragt, geben sie an, in Krakau ihre Grundlebensbedürfnisse befriedigen zu können, denn dort gibt es ein gut ausgebautes Netz der städtischen und kirchlichen Institutionen, die sich um ihre Belange kümmern. Für ihre Betreuung gibt die Stadt in diesem genau wie im vorigen Jahr umgerechnet 1,2 Millionen Euro aus, obwohl die meisten polnischen Kommunen wegen der Krise ihre Sozialausgaben um die Hälfte gekürzt haben.
Die Notleidenden werden von zehn Kantinen und Kleiderstuben mit warmem Essen und Kleidung versorgt. Um ihre Gesundheit sorgt sich unentgeltlich die Vereinigung „Ärzte der Hoffnung“, die eine Poliklinik für Obdachlose, Arme und Migranten unweit des Krakauer Hauptbahnhofs betreibt. Die Orte, in denen sich Menschen ohne festen Wohnsitz aufhalten, werden von den kommunalen Diensten, der Feuerwehr und der Polizei beaufsichtigt. Wenn sie merken, dass jemandem Unterkühlung oder Tod durch Erfrierung droht, wird er ins Krankenhaus oder in eine Notunterkunft gebracht. Krakau verfügt über 600 Plätze in elf Übernachtungsheimen, 400 für Männer und 200 für Frauen. Doch viele wollen trotz Kälte lieber auf der Straße oder in unbeheizten Leerständen schlafen, denn Leute ohne Papiere oder mit Hunden, Alkoholisierte und Junkies sind in Notübernachtungen unerwünscht. In Krakau – wie überall auf der Welt.




