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„Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Der Mannheimer Musiker Laith Al-Deen über Herkunft, Sprache und sein aktuelles Album

Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater stammt aus dem Irak und aufgewachsen ist Laith Al-Deen in den USA und in Deutschland. Auch für ihn selbst ist es schwer zu beschreiben, was davon ihn am meisten prägte und aus welcher Position er die heutige Entwicklung dieser Länder zueinander sieht.

Im Frühjahr 2012 startet die Tour zu seinem aktuellen Album „Der letzte Deiner Art“. Darauf schlägt der bekennende Mannheimer plötzlich doch auch etwas nachdenklichere Töne an. Neben der bekannten Bandbreite an Emotionen werden nun auch Unzulänglichkeiten unserer Gesellschaft thematisiert. Für den strassenfeger plauderte Guido Fahrendholz mit Laith Al-Deen über Bagdad, sein Deutsch-Abitur und Obdachlosigkeit.

Laith Al-Deen scheint niemand für formulierte Schnellschüsse der eigenen Gedanken zu sein. Er wirkt nachdenklich, und er weiß wovon er spricht: „Vier Verwandte von mir leben noch in Bagdad und sehr gern nach ihrer eigenen Aussage. Der Rest ist über die Welt verstreut, betrachte diese Situation mit jeweils einem lachenden und einem weinenden Auge. Niemand möchte gern entwurzelt sein, auch wenn es einen in die Ferne zieht. Ich glaube aber mein Vater möchte eigentlich irgendwann ganz gern wieder zurück. Er ist aber auch schon seit 1960 hier und hat inzwischen auch schon deutsche Marotten angenommen. Er ist kein praktizierender Moslem und ich war auch nur einmal als zwölfjähriger im Irak. Das war eine wirklich tolle Erfahrung, damals war es ein nettes Land um mich herum. Die schwierige Entwicklung danach kennen wir alle. Deshalb kann ich das, was dort drüben gerade geschieht, auf eine gewisse Art verstehen. Und ich habe auch darauf gewartet, wie viele andere auch. Auf der anderen Seite stehen für mich die USA, ein Land bei dem ich viele Vorurteile im Kopf habe und die ich bei meinen Reisen mit rüber nehme, auch nicht loswerden.“

Man spürt den außerordentlichen Respekt, mit dem Laith Al-Deen seiner Familie begegnet. Umso mehr ärgert es ihn auch selbst wohl am meisten, dass er es als zweisprachiger Musiker bis heute nicht geschafft hat, sich mit der Sprache seines Vater zu beschäftigen: „Ich habe mit meinem Vater gefühlte vierzig Versuche gestartet, seine Sprache zu lernen. Dabei hat sich heraus gestellt, dass er aber ein schlechter Sprachpädagoge ist. Ich glaube, ohne im Irak zu sein, wird es ganz schwierig. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um das klassische Sprechen, aber ich büße auch einen Zugang zu irakischer Musik ein, was ich sehr schade finde.“

2002 lehnte er den Musikpreis „Comet“ in der Kategorie „Hip-Hop/R&B“ mit folgender Begründung ab: „Ich kämpfe damit […] für die Anerkennung deutschsprachiger Popmusik […]. Vom Grundgedanken her werbe ich einfach dafür, die deutsche Sprache zu nutzen. Sie ist eine sehr reiche Sprache, alle sehen das ein, außer die Deutschen selbst.“ Insbesondere Xavier Naidoo steht für ihn für deutschsprachige Popmusik. „Er ist schon so lange so erfolgreich und das ist sehr schön. Xavier hat auf jeden Fall ein Stück weit Popmusik in den Mainstream zurückgebracht. Er macht das sehr erfolgreich und er hat viele Leute mit an den Start gebracht. Trotzdem führe ich noch heute, zwölf Jahre später Interviews, in denen man sich freut, dass deutschsprachige Musik so langsam in die Radios kommt. Ja, wow, deutschsprachige Musik in Deutschland funktioniert. Es ist völlig paradox und erstaunlich, dass es noch das Gefühl gibt, dafür kämpfen zu müssen.“

Dann ist es doch eigentlich noch paradoxer, dass gerade Musiker mit vermeintlichem Migrationshintergrund das Hohelied auf die deutsche Sprache anstimmen, frage ich ihn. (Laith Al-Deen lacht laut und aus vollem Herzen) „Mit meinem Deutsch, verstehst‘e? Deutsch-Abi sieben Punkte! Wow, ja, das ist spannend. Ich glaube, dass man einem Ausländer, Mischling, Migranten, wie auch immer, einen gewissen Umgang mit Emotionalität in der Sprache eher durchgehen lässt, als dem Frontmann von „Rammstein“. Ich nehme ihn als Beispiel, weil er von der Statur, von der Ausstrahlung etwas sehr Deutsches darstellt. Wenn ich mir nun vorstellen würde, er sänge meine Texte mit meiner Auffassung, dann wäre das irgendwie auch lustig. Ich weiß nur nicht ob mir das so gut gefallen würde.“

Als „BILDER VON DIR“, der erste große Hit von Laith Al-Deen 2000 die deutschen Musikcharts stürmte, war bereits vergessen, dass das Original „Everlasting Pictures“ hieß und aus der Feder von Steffen Britzke stammte und mit der Stimme von Darlesia Cearcy unter „B-Zet“ bereits fünf Jahre zuvor in europäischen Radiostationen zu hören war. Gerne präsentiert er bei Konzerten ein bis zwei Coverversionen seiner Lieblingssongs. Daraus entstand 2009 das Album „SESSION“, das mir pesönlich am besten gefällt. Laith meint dazu: „Das war als Spaß angelegt. Vierzehn Tage Zeit, eine neue Band mit guten Jungs, die ich teilweise noch gar nicht kannte, ein Studio mit einer Bandmaschine wie in den 70iger Jahren. Aufnahmen mit allen gleichzeitig, wenn Fehler passieren, bleiben sie drin. Neben deutschen - auch englischsprachige Songs. Ich habe diesen Spaß auch so auf der Platte kommuniziert. Die Fans haben das überhaupt nicht angenommen. Ich musste feststellen, nach acht Jahren ausschließlich deutschsprachiger Platten gibt es Leute, die es mir versagen, aus Spaß auch mal andere Musik zu machen. Das hat mich hart zurück geworfen, getroffen, denn aus keinem anderen Gründen macht man Musik, es macht halt Spaß und erfüllt einen. Das Album hat die besten Kritiken bekommen und lief schlecht, ich mag es aber nach wie vor.“

Kennt man Laith Al-Deen nur von Studioproduktionen, besucht dann zum ersten Mal eines seiner Konzerte, kann es sein, dass man sich verwundert die Augen reibt, wenn man feststellt, wie weit Studioaufnahmen und Livepräsentation auseinander liegen können. Bestände nicht die Notwendigkeit für Studioproduktionen, könnte man den Eindruck gewinnen, dieser Mann würde am liebsten nur auf der Bühne stehen. „Genau so ist es! Als ich anfing Musik zu machen, waren Aufnahmen im Studio das Größte in meiner Vorstellung. All diese Effekte und Hall und das Ganze. Inzwischen ist es so, Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Noch vor der Produktion seines aktuellen Albums „DER LETZTE DEINER ART“ endete die Zusammenarbeit mit dem bisherigen Label „Schlagbau“. Eins war ihm schnell klar, in der Produktion sollte einiges spürbar anders laufen, sich anhören und anfühlen, ohne etwas völlig anderes zu machen. Er landete bei dem bekannten Songwriter Kiko Masbaum in Köln. „Es fühlte sich gut an. Ich warf ihm erst einmal meinen ganzen Kram hin, weil ich nach der Session viele seltsame Dinge zusammengeschrieben habe. Das bestand aus Songansätzen, Textansetzen und fertigen Stücken. Dann haben wir uns davon ein zwei Sachen herausgepickt und umgesetzt. Und dann bin ich auf die Suche nach einem Plattenvertrag gegangen. Wir haben diesmal viel am Rechner gemacht, aber dennoch im Vergleich zu den alten Alben ziemlich viel von Musikern spielen lassen. Erstaunlicher Weise hörten wir, dass der Unterschied gar nicht so groß ist. Letztendlich haben wir damit fünf Monate zugebracht, und dann war das Album fertig.“ Bleibt die Frage nach seinen Songtexten und wie viel davon Laith und was davon Fantasie ist. „Selbst wenn ich einen Text komplett selbst schreibe, klau‘ ich immer ein wenig in der Fiktion. Es gibt Themen, bei denen ich einfach nicht zu 100 Prozent die Hosen runter lassen will. Der größte Teil dessen ist schon, das was ich sehe, was ich denke, und ich kann alles unterschreiben, sonst würde ich es auch nicht singen.“

Am Beginn seiner Karriere meine Laith Al-Deen noch, die Politik und Gesellschaftskritik in der Musik anderen überlassen zu wollen, die das besser können als er. So engagiert er sich auch eher außerhalb der Branche sozial. In diesem Jahr hat er im „Park des Hoffens, des Erinnerns und des Dankens“ für Organspender in Halle Bäume gepflanzt. Bei der Preisverleihung des „Kinderschutzpreises“ an das „Kinderhospiz Sterntaler e.V.“ gab er ein kleines spontanes Konzert. Umso erstaunter war ich beim Hören seines aktuellen Albums, den kritischen Song „NUR EINEN METER“ darauf zu finden. Laith erklärt das so: „Ich bin älter geworden. Es ist jetzt nicht so, dass um mich rum so viel geschieht, dass ich es nicht mehr ertragen kann. Oder doch? Doch eigentlich gibt es genug Dinge, die ich nicht mehr ertragen kann. Gerade die Themen ‚Schicksalsschlag‘, ‚Obdachlosigkeit‘ und ‚Vorurteile‘ sind leider alltäglich. Vorurteile kennt jeder, und ich habe auch noch niemanden in meinem Leben getroffen, der keine Vorurteile hat. Schicksalsschläge kenne ich gut. Zu den Anfängen meiner Karriere war ich auch mehrfach kurz davor, gar nichts mehr zu haben. Bin immer dran vorbei geschlittert und hatte auch immer Freunde, die mich aufgefangen haben.

Obdachlosigkeit ist ein Thema, dass einfach nicht endet. Du läufst über die Straße, da sitzt einer, und im Kopf geht schon der Film los. Beschäftige ich mich jetzt damit oder schau‘ ich weg, wechsel‘ eventuell die Straßenseite. Es gibt Tage, an denen bin ich sehr offen und geh‘ sogar auf die Leute zu, halt einen kleinen Schnack. An anderen Tagen möchte ich das einfach nicht und geh weiter. Es gibt bei uns in Mannheim einen Mann mit einem Stammplatz vor einem Elektronikmarkt. Er gehört praktisch zum Stadtbild und ich habe ihn noch nie gefragt, ob es, so wie es läuft, okay ist für ihn. Ich glaube, wenn der dort eines Tages nicht mehr säße, würden sich ganz viele Leute wundern und fragen, was mit ihm passiert ist. Du bekommst also irgendwie das Gefühl für diese Situation, wie sie sich darstellt ist zwar nicht toll, aber doch irgendwie okay, und das finde ich total abgefahren.

Guido Fahrendholz

Ausgabe 24, November 2011


Inhaltsverzeichnis:


Seite 02

Edito

Liebe Leserinnen und Leser,

Seite 03

Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?

Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

Seite 04

Gewinnmaximierung ist wie Komasaufen

Ein fatal falsches Ziel menschlichen Wirtschaftens

Seite 05

Die Legende vom Gierbanker

Von Legenden und Folgen der Politik

Seite 06

Hohe Nebeneinkünfte für den Parlamentsschwänzer

Die unmäßige Gier des SPD-Bundestagsabgeordneten Peer Steinbrück

Seite 08

Alles Ego, oder was?

Der Mythos von der Geilheit des Geizes

Seite 09

„Auf dass alles, was ich berühre, zu Gold werde“

Das Thema der Gier in der Antike: die Sagen von Midas und Krösus

Seite 10

Darf’s noch etwas mehr sein?

Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen

Seite 11

Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft

Wie Gier entsteht

Seite 12

Der einen Freud ist der anderen Leid

Warum die Gier nach Rohstoffen uns alle betrifft

Seite 13

Zinsen – ein kapitaler kapitalistischer Denkfehler

Die soziale Schere ist die Folge

Seite 14

Wie viel Erde braucht der Mensch?

Was ist wirklich wichtig in Leben eines Menschen

Seite 15

Der Bund der Steuerzahler meldet sich zu Wort

39. Ausgabe des Schwarzbuchs „Die öffentliche Verschwendung 2011“

Seite 16

Polnische Saison an der Spree

So viel Polen in Berlin war noch nie! Unser Nachbarland nutzt seine gegenwärtige EU-Ratspräsidentschaft, um die nationale Kultur in einem bisher nie da gewesen Umfang zu zeigen

Seite 20

„Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Der Mannheimer Musiker Laith Al-Deen über Herkunft, Sprache und sein aktuelles Album

Seite 24

Kältehilfesaison 2011/12 ist gestartet

Grund zur Freude – Grund zur Sorge

Seite 25

Krakau lockt nicht nur Touristen an

Im Herbst und Winter ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen in die alte Königsstadt ein

Seite 26

Diskriminierung ohne Ende? (2)

Die 600jährige Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland ist die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung

Seite 28

„Hallo, ich bin Iker, ich komme aus Spanien, Barcelona.“

Der spanische Spielmacher bringt „Füchse Berlin“ zurück in der Erfolgsspur

Seite 29

Achtung! Hartz IV

Die „Härtefallregelung“ des § 21 Abs.6 Teil 2

Seite 30

Mittendrin

Seite 31

Leserbrief

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Besuch vom Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP)