Ausgabe_24_2011 > Seite 14
Wie viel Erde braucht der Mensch?
Was ist wirklich wichtig in Leben eines Menschen
Um diese Frage beantworten zu können, ist es zunächst erst einmal wichtig zu erklären, was man unter dem Begriff „Erde“ verstehen könnte. Tolstoi hat es meines Erachtens am treffendsten in seinem gleichnamigen Roman erklärt. Dort geht es um einen Bauern, der seinen Grundbesitz vermehren möchte und bei diesem Versuch sein Leben einbüßt. Die Frage nach unserem Bedarf an „Erde“ spielt für eine humanistische Lebenspraxis eine zentrale Rolle. „Erde“ ist ein Symbol für verschiedene Lebensbedürfnisse, die unbedingt erfüllt werden müssen, damit das Leben als lebenswert erlebt wird. Was dem Bauern Land und fruchtbare Erde bedeuten, das ist für den Städter vielleicht Geld, für den General eine mächtige Armee, für Wissenschaftler das Forschungslabor, für den Obdachlosen ein Dach über den Kopf, für Single ein Partner usw.
Es ist meines Erachtens unergiebig, nach direkten Antworten auf diese Frage zu suchen, weil jedes Leben und Streben einer je eigenen Bedingungs- und Zieldynamik unterliegt, die allgemeine Aussagen von vorn herein in Frage stellen. Wichtig ist vielmehr die Frage, mit wie viel „Erde“ man sich im Leben begnügen kann und begnügen sollte. Wann ist die Grenze des Erreichbaren überschritten? Es ist in dieser Hinsicht schon bemerkenswert, wie manche Menschen den Rachen nicht voll kriegen können, wie sie sich in ihrer Gier, in ihrer HAB-Sucht schier auflösen. Die Folge davon ist körperliche Überanstrengung, nervliches Ausgebranntsein, das Denk- und Realitätsvermögen geht verloren, man scheitert an seinem Lebenstraum. Nicht, dass diese nicht erfüllbar sind, aber da die Sucht nach Besitz, möglichst viel Besitz, so überaus das Leben bestimmt, scheitert man auch oft daran. Das Leben ist voll von dieser Sucht nach Haben - wollen, nach mehr, als Mann und Frau wirklich zum Leben brauchen. Auch in der Bibel wird diese Habgier in einem Gleichnis erwähnt. Dort heißt es: Hütet euch vor der Habgier! Wenn jemand auch noch soviel Geld hat, das Leben kann man sich nicht kaufen. Man plant viele Jahre und denkt, dass Leben geht endlos so weiter. Man vergisst bei all dem jedoch, dass man nicht ewig lebt. Das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Man kann nichts mitnehmen aus dieser Welt. Es bleibt alles hier. Schon die Pharaonen haben es versucht. Aber auch sie sind daran gescheitert, dass Materie nun mal Materie bleibt.
Man sollte sich vielleicht in dieser Hinsicht mal Fragen:
- Muss es immer das Neueste sein, um vor anderen Gut da zu stehen?
- Brauche ich diese Sache, die ich mir jetzt anschaffen will unbedingt, oder macht es das Alte auch noch?
- Muss ich immer mehr haben von dem was ich schon besitze?
In der Bibel werden auch verschiedene Aussagen zum Thema Reichtum gemacht. Aber nirgends wird er als Sünde bezeichnet. Wenn jemand reich ist, dann kann er damit auch viel Gutes tun.
In diesem Zusammenhang fällt mir die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ein. Die zentrale Figur in diesem Märchen spielt ein hartherziger Geizkragen, der durch seinen Geiz alles verloren hatte außer seinen Reichtum. Dieser bekommt Besuch von drei Geistern. Der Erste zeigt ihm die vergangenen Weihnachten und dass er einmal verlobt war. Der Zweite zeigt ihm die gegenwärtigen Weihnachten und wie viel Elend es um ihn herum gibt. Und der Dritte zeigt ihm seinen eigenen Tod und dass niemand da ist um um ihn zu trauern. Als er aus diesen Erlebnissen aufwacht, wandelt er sein Leben schlagartig und fängt an, den Menschen, die um ihn herum sind. Gutes zu tun.
Meines Erachtens nach ist es nicht wichtig, wie viel materiellen Reichtum wir besitzen, sondern wie viel Platz wir in den Herzen unserer Mitmenschen einnehmen.
Da genügt schon eine kleine Handreichung für einen bedürftigen Menschen, ein liebes Wort für einen traurigen oder alleine fühlenden Menschen, mal das Zurücktreten und mal den anderen den Vortritt lassen, nicht immer der erste sein zu wollen.
Vergessen wir nicht in unserer Gesellschaft, die keine Ruhepausen mehr kennt, die im privaten wie im öffentlichen Leben kaum noch zwischen Tag und Nacht und zunehmend nicht mehr Wochentag und Feiertag unterscheidet, ab und zu einmal innezuhalten, um nachzudenken, was man denn so tut, wie man es tut und welche Konsequenzen das eigene Handeln für einen selbst und für andere hat. Gönnen Sie sich diese Pause und denken Sie mal darüber nach.




