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Zinsen – ein kapitaler kapitalistischer Denkfehler

Die soziale Schere ist die Folge

Um die Problematik der Zinsen auf kreditiertes Geldkapital zu verstehen, muss man sich in die graue Vorzeit der Tauschwirtschaft (Naturalwirtschaft) zurückversetzen, als es noch kein Geld gab. Stellen wir uns vor, der Bürger A habe einen Überschuss von 100 Koteletts erwirtschaftet und er habe gegenwärtig keinen Bedarf an Waren oder Leistungen, die er im Tausch dafür von einem anderen erwerben wollte. A hat jetzt ein Problem: Seine Koteletts verlieren mit der Zeit an Wert, weil sie wie alle Lebensmittel der natürlichen Verderbnis unterliegen. Außerdem verursachen sie Lagerkosten. In dieser Situation muss A froh und dankbar sein, wenn er den Bürger B trifft, der ihm die 100 Koteletts auf Kreditbasis abnimmt mit dem Versprechen, nach einem Jahr 100 Koteletts gleicher Art und Güte zurückzugeben.

A ist für’s Erste sein Problem los. Da ist es unlogisch, weil der naturgegebenen Sachlage nicht gerecht werdend, wenn A noch zehn Prozent Zinsen verlangen kann, also die Hergabe von 110 Koteletts. Vielmehr könnte man daran denken, einen Abschlag von zehn Prozent vorzunehmen, weil A mit Hilfe des B seine überschüssigen Koteletts über die Zeit retten konnte. Vertretbar wäre es demnach, wenn B nach einem Jahr nur 90 Koteletts zurückgibt. – Bei Abwägung dieser Argumente erscheint es als richtig, dass kein Entgelt in Form von Zinsen gezahlt wird und A 100 Koteletts von B zurückbekommt. Denn beide haben bereits einen angemessenen gegenseitigen Vorteil: A hat für ein Jahr das Problem der Verderblichkeit gelöst, und B konnte diese Ware schon ein Jahr früher nutzen, als von ihm selbst erwirtschaftet. A hat sozusagen im Vorgriff für B gearbeitet, und B gibt ihm die Ware nach einem Jahr zurück. Für Zinsen ist bei diesen einfachen und einleuchtenden Erwägungen, die im Einklang mit den Naturgesetzen stehen, kein Raum.

Das Gleiche gilt übrigens für Industrieprodukte, z. B. für Kühlschränke und Automobile. Auch diese sind der natürlichen Minderung ihres Substanzwertes durch Oxidation und Korrosion ausgesetzt; gleichviel ob man sie nutzt oder nicht. Der Zahn der Zeit nagt an fast allem. An diesem Ergebnis ändert sich nichts, wenn man Geld zwischenschaltet und A die 100 Euro, die er bei der Veräußerung seiner Koteletts auf dem Markt erlöst hat, dem B als Kredit gibt. Denn ein naturgemäß ausgestaltetes Geld verliert auch mit der Zeit seinen Wert.

Bibel und der Koran verbieten ebenfalls Zinsen, jedoch aus moralischen Gründen. Man soll die Notlage eines anderen – ein Bauer kann wegen eines Beinbruchs nicht arbeiten und braucht einen Überbrückungskredit – nicht ausnutzen und darf keine Zinsen für den Kredit verlangen. Zinsen sind also unlogisch, widernatürlich und unmoralisch. Wie man es auch dreht und wendet: Es gibt keine irgendwie geartete Begründung, die Zinsen für die vorübergehende Nutzung fremden Geldes rechtfertigen könnte. Zinsen beruhen auf einem kapitalen Denkfehler.

Täglich fließen in Deutschland eine Milliarde Euro in Form von Zinsen, die auch versteckt in den Verbraucherpreisen enthalten sind, von Arm nach Reich; ohne Gegenleistung und ohne dass die Kreditgeber besonders talentiert oder fleißig wären. Dieser ungerechtfertigte Geldfluss ist der Hauptgrund für die soziale Schere, für die soziale Spaltung und Schädigung unserer Gesellschaft und für die fortschreitende Verarmung von immer mehr Menschen. Realwirtschaftlich gesehen bedeutet dieser Zinsfluss eine ungeheure Ausbeutung der Arbeitenden durch die Besitzer von Geldkapital, die, wie man so schön sagt, „ihr Geld arbeiten lassen“; in schlimmer kapitalistischer Manier. Arbeiten können aber nur Menschen.

Amtlicherseits verweigert man eine gründliche Fehlerquellenanalyse, verfasst allenfalls belanglose Armuts- und Sozialberichte und wartet auf den nächsten Konjunkturaufschwung. Das scheint zu genügen, denn „denen da oben“ geht es ja nach wie vor gut.

Bernhardt aus Berlin

Ausgabe 24, November 2011


Inhaltsverzeichnis:


Seite 02

Edito

Liebe Leserinnen und Leser,

Seite 03

Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?

Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

Seite 04

Gewinnmaximierung ist wie Komasaufen

Ein fatal falsches Ziel menschlichen Wirtschaftens

Seite 05

Die Legende vom Gierbanker

Von Legenden und Folgen der Politik

Seite 06

Hohe Nebeneinkünfte für den Parlamentsschwänzer

Die unmäßige Gier des SPD-Bundestagsabgeordneten Peer Steinbrück

Seite 08

Alles Ego, oder was?

Der Mythos von der Geilheit des Geizes

Seite 09

„Auf dass alles, was ich berühre, zu Gold werde“

Das Thema der Gier in der Antike: die Sagen von Midas und Krösus

Seite 10

Darf’s noch etwas mehr sein?

Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen

Seite 11

Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft

Wie Gier entsteht

Seite 12

Der einen Freud ist der anderen Leid

Warum die Gier nach Rohstoffen uns alle betrifft

Seite 13

Zinsen – ein kapitaler kapitalistischer Denkfehler

Die soziale Schere ist die Folge

Seite 14

Wie viel Erde braucht der Mensch?

Was ist wirklich wichtig in Leben eines Menschen

Seite 15

Der Bund der Steuerzahler meldet sich zu Wort

39. Ausgabe des Schwarzbuchs „Die öffentliche Verschwendung 2011“

Seite 16

Polnische Saison an der Spree

So viel Polen in Berlin war noch nie! Unser Nachbarland nutzt seine gegenwärtige EU-Ratspräsidentschaft, um die nationale Kultur in einem bisher nie da gewesen Umfang zu zeigen

Seite 20

„Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Der Mannheimer Musiker Laith Al-Deen über Herkunft, Sprache und sein aktuelles Album

Seite 24

Kältehilfesaison 2011/12 ist gestartet

Grund zur Freude – Grund zur Sorge

Seite 25

Krakau lockt nicht nur Touristen an

Im Herbst und Winter ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen in die alte Königsstadt ein

Seite 26

Diskriminierung ohne Ende? (2)

Die 600jährige Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland ist die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung

Seite 28

„Hallo, ich bin Iker, ich komme aus Spanien, Barcelona.“

Der spanische Spielmacher bringt „Füchse Berlin“ zurück in der Erfolgsspur

Seite 29

Achtung! Hartz IV

Die „Härtefallregelung“ des § 21 Abs.6 Teil 2

Seite 30

Mittendrin

Seite 31

Leserbrief

Seite 31_b

Besuch vom Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP)