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Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft

Wie Gier entsteht

Gier, eine menschliche Eigenschaft, die in unserer Gesellschaft als negativ empfunden wird. Gier ist als unbedingtes, übersteigertes Verlangen, das kein Ende findet, grenzenlos, ja uferlos wird, zu bezeichnen. Das immer mehr und immer mehr ist für Menschen wie mich, die ein normales, soziales Empfinden entwickelt haben schlicht nicht zu verstehen. Fragen liegen dem Beobachter von gierigen Verhalten, in welcher Situation auch immer, auf den Lippen. Warum verhält ein Mensch sich so? Was führt zu einem so widerwärtigen Verhalten?

Genug ist nicht genug

Oft sind Menschen gierig, weil sie das Gefühl haben, immer zu kurz gekommen zu sein, immer zu wenig von allen ab bekommen zu haben und ausgebeutet worden zu sein – sowohl materiell, als auch zwischenmenschlich. Oft war es auch in ihrer Kindheit so. Der Sohn der von seinen Eltern kein oder zu wenig Taschengeld bekommen hat. Das Mädchen, das von seiner Mutter vernachlässigt wurde, keine Liebe bekommen hat. Sie haben das Gefühl sich jetzt, am Liebsten sofort etwas wiederholen zu müssen. Aus diesem Verlangen wird eine Gier – eine Gier die mit Leidenschaft gelebt wird und die Betroffenen dazu treibt.

Dazu ein Beispiel: Ein Mann, der aus einem Haushalt kommt, in dem es zwar materiell alles gab – aber eben keine Zuneigung und keine Liebe und niemals Trost, trifft seine zwei Schwestern nach zwanzig Jahren wieder. Die beiden leben in einer gemeinsamen Wohnung so vor sich und sind hocherfreut, dass sie ihren Bruder wieder gefunden haben. Es fängt auch alles gut an. Man trifft sich alle zwei Wochen und isst gemeinsam. Gelegentlich macht man auch Ausflüge. Dann ufert alles aus: Die Uhrzeit zu der man sich – meist sonntags trifft – wird immer früher. Aus 15 Uhr wird in kleinen Schritten schnell 10 Uhr. Nach Hause kommt der Mann oft erst um 23 Uhr – zu Anfang war es 20 Uhr 30. So wurden aus fünf gemeinsamen Stunden schnell dreizehn. Aus einem Telefongespräch zur Absprache des gemeinsamen Treffs wurden schnell vier bis fünf einstündige Gespräche. Und die Forderungen der Schwestern werden immer dreister. Aus einem Tag werden drei: Von Freitag bis Sonntag. Gelegentlich muss der Mann sich schon einen Tag von der Arbeit frei nehmen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Das viermalige Telefonieren, anfangs mit ausgemachter Uhrzeit werden tägliche, unangemeldete Anrufe. Die Schwestern behandeln ihn, als hätte er ein Schwerverbrechen begannen, wenn er dann einmal nicht erreichbar ist. Der Mann spielt mit dem Gedanken des Kontaktabbruchs.

Ich habe bewusst ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben gewählt, das mir so erzählt wurde, um zu zeigen, wie sich die uferlose Gier eines Menschen, auf das Leben seiner Mitmenschen auswirken kann. Jeder Leser sollte sich einmal überlegen, wie er sich verhalten würde, wenn er an der Stelle des Bruders wäre. Ein nicht gerade schönes Gefühl kommt dabei auf.

Wie Gier entsteht

Man kann das am Besten am obenstehenden Beispiel erläutern. Zu erst lief anfangs alles normal und ein guter Kontakt entstand, der allen Beteiligten Spaß machte und genossen wurde. Die Schwestern des Mannes haben es offenbar besonders genossen. Sie empfanden positive Gefühle bei den Treffen mit ihrem Bruder und es entstand das Verlangen mehr davon zu bekommen. Also wurde aus einem 14täglichen Treffen ein wöchentliches. So weit, so gut! Aus dem Verlangen der Schwestern ihren Bruder zu sehen, wurde schnell eine grenzenlose, uferlose Gier den Bruder zu treffen, die den Mann in die Enge trieb: Aus fünf Stunden schnell dreizehn und dann sogar mehrere Tage. Zum Schluss war sein gesamtes, freies Wochenende weg und er musste sich freitags sogar öfter von der Arbeit frei nehmen. Auch das uferlose Verlangen nach Telefongesprächen, verdarb den anfangs guten Kontakt. Der Mann empfand den Kontakt Schritt für Schritt immer mehr als Gefängnis, das er verlassen muss. Durch die Vermittlung zweier Therapeuten wurde die Beziehung gerettet und auf den anfangs 14-täglichen Kontakt reduziert und die Telefongespräche auf zweimal wöchentlich.

Wenn ich meine persönliche Erfahrung betrachte und die Fachliteratur zu diesem Thema durchdenke, halte ich Gier für eine psychische Störung, die behandelt werden muss. Ich bin der Meinung, dass ich nach zwölf Semestern Psychologie an der TU Berlin durchaus in der Lage bin dies fachlich einzuschätzen.

Detlef Flister

Ausgabe 24, November 2011


Inhaltsverzeichnis:


Seite 02

Edito

Liebe Leserinnen und Leser,

Seite 03

Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?

Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

Seite 04

Gewinnmaximierung ist wie Komasaufen

Ein fatal falsches Ziel menschlichen Wirtschaftens

Seite 05

Die Legende vom Gierbanker

Von Legenden und Folgen der Politik

Seite 06

Hohe Nebeneinkünfte für den Parlamentsschwänzer

Die unmäßige Gier des SPD-Bundestagsabgeordneten Peer Steinbrück

Seite 08

Alles Ego, oder was?

Der Mythos von der Geilheit des Geizes

Seite 09

„Auf dass alles, was ich berühre, zu Gold werde“

Das Thema der Gier in der Antike: die Sagen von Midas und Krösus

Seite 10

Darf’s noch etwas mehr sein?

Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen

Seite 11

Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft

Wie Gier entsteht

Seite 12

Der einen Freud ist der anderen Leid

Warum die Gier nach Rohstoffen uns alle betrifft

Seite 13

Zinsen – ein kapitaler kapitalistischer Denkfehler

Die soziale Schere ist die Folge

Seite 14

Wie viel Erde braucht der Mensch?

Was ist wirklich wichtig in Leben eines Menschen

Seite 15

Der Bund der Steuerzahler meldet sich zu Wort

39. Ausgabe des Schwarzbuchs „Die öffentliche Verschwendung 2011“

Seite 16

Polnische Saison an der Spree

So viel Polen in Berlin war noch nie! Unser Nachbarland nutzt seine gegenwärtige EU-Ratspräsidentschaft, um die nationale Kultur in einem bisher nie da gewesen Umfang zu zeigen

Seite 20

„Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Der Mannheimer Musiker Laith Al-Deen über Herkunft, Sprache und sein aktuelles Album

Seite 24

Kältehilfesaison 2011/12 ist gestartet

Grund zur Freude – Grund zur Sorge

Seite 25

Krakau lockt nicht nur Touristen an

Im Herbst und Winter ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen in die alte Königsstadt ein

Seite 26

Diskriminierung ohne Ende? (2)

Die 600jährige Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland ist die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung

Seite 28

„Hallo, ich bin Iker, ich komme aus Spanien, Barcelona.“

Der spanische Spielmacher bringt „Füchse Berlin“ zurück in der Erfolgsspur

Seite 29

Achtung! Hartz IV

Die „Härtefallregelung“ des § 21 Abs.6 Teil 2

Seite 30

Mittendrin

Seite 31

Leserbrief

Seite 31_b

Besuch vom Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP)