Ausgabe_24_2011 > Seite 11
Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft
Wie Gier entsteht
Gier, eine menschliche Eigenschaft, die in unserer Gesellschaft als negativ empfunden wird. Gier ist als unbedingtes, übersteigertes Verlangen, das kein Ende findet, grenzenlos, ja uferlos wird, zu bezeichnen. Das immer mehr und immer mehr ist für Menschen wie mich, die ein normales, soziales Empfinden entwickelt haben schlicht nicht zu verstehen. Fragen liegen dem Beobachter von gierigen Verhalten, in welcher Situation auch immer, auf den Lippen. Warum verhält ein Mensch sich so? Was führt zu einem so widerwärtigen Verhalten?
Genug ist nicht genug
Oft sind Menschen gierig, weil sie das Gefühl haben, immer zu kurz gekommen zu sein, immer zu wenig von allen ab bekommen zu haben und ausgebeutet worden zu sein – sowohl materiell, als auch zwischenmenschlich. Oft war es auch in ihrer Kindheit so. Der Sohn der von seinen Eltern kein oder zu wenig Taschengeld bekommen hat. Das Mädchen, das von seiner Mutter vernachlässigt wurde, keine Liebe bekommen hat. Sie haben das Gefühl sich jetzt, am Liebsten sofort etwas wiederholen zu müssen. Aus diesem Verlangen wird eine Gier – eine Gier die mit Leidenschaft gelebt wird und die Betroffenen dazu treibt.
Dazu ein Beispiel: Ein Mann, der aus einem Haushalt kommt, in dem es zwar materiell alles gab – aber eben keine Zuneigung und keine Liebe und niemals Trost, trifft seine zwei Schwestern nach zwanzig Jahren wieder. Die beiden leben in einer gemeinsamen Wohnung so vor sich und sind hocherfreut, dass sie ihren Bruder wieder gefunden haben. Es fängt auch alles gut an. Man trifft sich alle zwei Wochen und isst gemeinsam. Gelegentlich macht man auch Ausflüge. Dann ufert alles aus: Die Uhrzeit zu der man sich – meist sonntags trifft – wird immer früher. Aus 15 Uhr wird in kleinen Schritten schnell 10 Uhr. Nach Hause kommt der Mann oft erst um 23 Uhr – zu Anfang war es 20 Uhr 30. So wurden aus fünf gemeinsamen Stunden schnell dreizehn. Aus einem Telefongespräch zur Absprache des gemeinsamen Treffs wurden schnell vier bis fünf einstündige Gespräche. Und die Forderungen der Schwestern werden immer dreister. Aus einem Tag werden drei: Von Freitag bis Sonntag. Gelegentlich muss der Mann sich schon einen Tag von der Arbeit frei nehmen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Das viermalige Telefonieren, anfangs mit ausgemachter Uhrzeit werden tägliche, unangemeldete Anrufe. Die Schwestern behandeln ihn, als hätte er ein Schwerverbrechen begannen, wenn er dann einmal nicht erreichbar ist. Der Mann spielt mit dem Gedanken des Kontaktabbruchs.
Ich habe bewusst ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben gewählt, das mir so erzählt wurde, um zu zeigen, wie sich die uferlose Gier eines Menschen, auf das Leben seiner Mitmenschen auswirken kann. Jeder Leser sollte sich einmal überlegen, wie er sich verhalten würde, wenn er an der Stelle des Bruders wäre. Ein nicht gerade schönes Gefühl kommt dabei auf.
Wie Gier entsteht
Man kann das am Besten am obenstehenden Beispiel erläutern. Zu erst lief anfangs alles normal und ein guter Kontakt entstand, der allen Beteiligten Spaß machte und genossen wurde. Die Schwestern des Mannes haben es offenbar besonders genossen. Sie empfanden positive Gefühle bei den Treffen mit ihrem Bruder und es entstand das Verlangen mehr davon zu bekommen. Also wurde aus einem 14täglichen Treffen ein wöchentliches. So weit, so gut! Aus dem Verlangen der Schwestern ihren Bruder zu sehen, wurde schnell eine grenzenlose, uferlose Gier den Bruder zu treffen, die den Mann in die Enge trieb: Aus fünf Stunden schnell dreizehn und dann sogar mehrere Tage. Zum Schluss war sein gesamtes, freies Wochenende weg und er musste sich freitags sogar öfter von der Arbeit frei nehmen. Auch das uferlose Verlangen nach Telefongesprächen, verdarb den anfangs guten Kontakt. Der Mann empfand den Kontakt Schritt für Schritt immer mehr als Gefängnis, das er verlassen muss. Durch die Vermittlung zweier Therapeuten wurde die Beziehung gerettet und auf den anfangs 14-täglichen Kontakt reduziert und die Telefongespräche auf zweimal wöchentlich.
Wenn ich meine persönliche Erfahrung betrachte und die Fachliteratur zu diesem Thema durchdenke, halte ich Gier für eine psychische Störung, die behandelt werden muss. Ich bin der Meinung, dass ich nach zwölf Semestern Psychologie an der TU Berlin durchaus in der Lage bin dies fachlich einzuschätzen.




