Ausgabe_24_2011 > Seite 10
Darf’s noch etwas mehr sein?
Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen
Das Gerangel um Prozente, Renditen und EU-Schuldenrettungsschirme hat nichts mehr gemein mit der Aufforderung an der Fleischtheke. Es ist von unserer Realität weit weg, wenngleich wir davon mehr betroffen sind, als uns lieb ist.
Ist das Wirtschaftswachstum noch zu steuern, und wie sieht es mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) als wichtigsten Indikator für das Wohlergehen einer Gesellschaft aus? Das „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW) prognostizierte, dass das BIP auch 2011 und 2012 steigen wird. Die Bundesbank korrigierte im Sommer die Zuwachsrate für 2011 ein wenig nach oben. Alle waren glücklich. Zur gleichen Zeit wies der DIW, nicht gerade als Arbeitnehmersprachrohr bekannt, darauf hin, dass die Arbeitnehmer am unteren Ende der Lohnskala heute ein Fünftel weniger verdienen als noch zur Jahrtausendwende , während die Gewinne der Unternehmen und Vermögenseinkommen kräftig gestiegen sind.
Eine weitere Nachricht schreckt mich auf. Wer heute mit seiner Arbeit nicht mehr als 1.800 Euro (brutto) verdient, bewegt sich an der Grenze zum Niedriglohn. Ich denke, dass dies nicht wenige sind und ich erinnere mich. Vor zehn Jahren waren diese umgerechnet 3.520,00 DM noch ein akzeptabler Lohn, mit dem man die laufenden Kosten einer dreiköpfigen Kleinfamilie gut bestreiten konnte. Doch heute muss man damit rechnen, wie ein Beispiel zeigt: Unter Berücksichtigung des Existenzminimum für zwei Erwachsene (2010) = 1.310 Euro zuzüglich dem Existenzminium für ein Kind (2010) = 235 Euro macht zusammen also 1.545 Euro. Bei dem o.g. Bruttolohn bleibt ein Nettobetrag von rund 1.300 Euro, das sind gut 15 Prozent unter dem Existenzminimum. Das ist für mich ein alarmierendes Zeichen, denn wer lebt schon gerne als Vollzeitarbeitnehmer mit Familie unter dem Existenzminimum.
Es ist sicher schwierig, die Schuld für die aktuelle Situation nur bei den Banken zu suchen. Banken befriedigen das Bedürfnis der Anleger nach einer hohen Rendite. Andererseits werben sie mit diesen hohen Renditen und wecken damit dieses Bedürfnis. Es tritt dabei das Phänomen auf, dass je höher die versprochene Rendite ist, desto mehr wird das Risiko, welches dahintersteht, und auch der mögliche Preis ausgeblendet. Dies alles mit dem Ziel des „immer mehr“. Zu schön ist die Vorstellung, mit geringem Einsatz viel zu erhalten. Geld als „das alleinige Mittel der Glückseligkeit“, als Maßstab für den Wert bzw. Rang eines Menschen in der Gesellschaft. Nur wer viel hat, ist auch wer. Beteiligt an diesem System sind viele. Doch Fakt ist, es gewinnen bei diesem Spiel nur wenige, diese dann immer mehr und immer mehr auf Kosten der vielen anderen. Es ist daher nur konsequent, endlich einmal aktiv jene zu beteiligen, die die Kosten für Missmanagement und Schuldenpolitik mittragen. Was sich gerade in Griechenland abzeichnet, kann ich daher nur begrüßen. Die zahlenden Bürger mit einzubeziehen ist sicher der schwierigere Weg, gerade auch, weil es nach einer umgehenden Lösung drängt. Ich finde es aber geradezu unerlässlich, dass auch jene mitbestimmen, die bezahlen.
Es wird am Beispiel Griechenland deutlich, dass die schwierige Gratwanderung mit Geldpolitik Fortschritt und Wachstum zu befördern, Armut und Ausbeutung zu vermeiden, immer weniger gelingt. Was bringt mir ein wachsendes BIP, wenn mir am Ende nicht mehr bleibt. Sicher, ich könnte mich um mehr Verdienst bemühen. Mich in jene Spirale begeben, von der ich selbst am wenigsten profitiere. Erst mehr Geld, dann weniger Zeit und als Folge mehr Konsum und weniger Zufriedenheit. Sicher, unsere Wirtschaft lebt vom wachsenden Konsum. Genauso sicher ist aber auch, dass es nicht bis in alle Ewigkeit so weitergehen wird. Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen.
Der Weg zum Glück sieht anders aus. Wachstum als Leitgedanke der Politik hat in meinen Augen keine Zukunft, wenn dabei der Mensch auf der Strecke bleibt. Die Orientierung an der Zufriedenheit und am Glück schon eher, auch wenn ich mich entgegen dem Wachstumstrend bewege. Sich mit dem zufrieden zu geben, was ich habe, nach Sparmöglichkeiten im Leben zu suchen, wo es nicht weh tut und diese dann auch noch umzusetzen. Wenn ich dann von meiner Zufriedenheit und meinem Glück auch noch etwas abgebe, habe ich sogar eine Rendite von 100 Prozent. Schließlich ist das Glück im Volksmund das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Und davon darf es durchaus etwas mehr sein, oder?




