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Darf’s noch etwas mehr sein?

Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen

Das Gerangel um Prozente, Renditen und EU-Schuldenrettungsschirme hat nichts mehr gemein mit der Aufforderung an der Fleischtheke. Es ist von unserer Realität weit weg, wenngleich wir davon mehr betroffen sind, als uns lieb ist.  

Ist das Wirtschaftswachstum noch zu steuern, und wie sieht es mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) als wichtigsten Indikator für das Wohlergehen einer Gesellschaft aus? Das „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW) prognostizierte, dass das BIP auch 2011 und 2012 steigen wird. Die Bundesbank korrigierte im Sommer die Zuwachsrate für 2011 ein wenig nach oben. Alle waren glücklich. Zur gleichen Zeit wies der DIW, nicht gerade als Arbeitnehmersprachrohr bekannt, darauf hin, dass  die Arbeitnehmer am unteren Ende der Lohnskala heute ein Fünftel weniger verdienen als noch zur Jahrtausendwende , während die Gewinne der Unternehmen und Vermögenseinkommen kräftig gestiegen sind.

Eine weitere Nachricht schreckt mich auf. Wer heute mit seiner Arbeit nicht mehr als 1.800 Euro (brutto) verdient, bewegt sich an der Grenze zum Niedriglohn. Ich denke, dass dies nicht wenige sind und ich erinnere mich. Vor zehn Jahren waren diese umgerechnet 3.520,00 DM noch ein akzeptabler Lohn, mit dem man die laufenden Kosten einer dreiköpfigen Kleinfamilie gut bestreiten konnte. Doch heute muss man damit rechnen, wie ein Beispiel zeigt: Unter Berücksichtigung des Existenzminimum für zwei Erwachsene (2010) = 1.310 Euro zuzüglich dem Existenzminium für ein Kind (2010) = 235 Euro macht zusammen also 1.545 Euro. Bei dem o.g. Bruttolohn bleibt ein Nettobetrag von rund 1.300 Euro, das sind gut 15 Prozent unter dem Existenzminimum. Das ist für mich ein alarmierendes Zeichen, denn wer lebt schon gerne als Vollzeitarbeitnehmer mit Familie unter dem Existenzminimum.
 
Es ist sicher schwierig, die Schuld für die aktuelle Situation nur bei den Banken zu suchen. Banken befriedigen das Bedürfnis der Anleger nach einer hohen Rendite. Andererseits werben sie mit diesen hohen Renditen und wecken damit dieses Bedürfnis. Es tritt dabei das Phänomen auf, dass je höher die versprochene Rendite ist, desto mehr wird das Risiko, welches dahintersteht, und auch der mögliche Preis ausgeblendet. Dies alles mit dem Ziel des „immer mehr“. Zu schön ist die Vorstellung, mit geringem Einsatz viel zu erhalten. Geld als „das alleinige Mittel der Glückseligkeit“, als Maßstab für den Wert bzw. Rang eines Menschen in der Gesellschaft. Nur wer viel hat, ist auch wer. Beteiligt an diesem System sind viele. Doch Fakt ist, es gewinnen bei diesem Spiel nur wenige, diese dann immer mehr und immer mehr auf Kosten der vielen anderen. Es ist daher nur konsequent, endlich einmal aktiv jene zu beteiligen, die die Kosten für Missmanagement und Schuldenpolitik mittragen. Was sich gerade in Griechenland abzeichnet, kann ich daher nur begrüßen. Die zahlenden Bürger mit einzubeziehen ist sicher der schwierigere Weg, gerade auch, weil es nach einer umgehenden Lösung drängt. Ich finde es aber geradezu unerlässlich, dass auch jene mitbestimmen, die bezahlen.

Es wird am Beispiel Griechenland deutlich, dass die schwierige Gratwanderung mit Geldpolitik Fortschritt und Wachstum zu befördern, Armut und Ausbeutung zu vermeiden, immer weniger gelingt. Was bringt mir ein wachsendes BIP, wenn mir am Ende nicht mehr bleibt. Sicher, ich könnte mich um mehr Verdienst bemühen. Mich in jene Spirale begeben, von der ich selbst am wenigsten profitiere. Erst mehr Geld, dann weniger Zeit und als Folge mehr Konsum und weniger Zufriedenheit. Sicher, unsere Wirtschaft lebt vom wachsenden Konsum. Genauso sicher ist aber auch, dass es nicht bis in alle Ewigkeit so weitergehen wird. Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen.

Der Weg zum Glück sieht anders aus. Wachstum als Leitgedanke der Politik hat in meinen Augen keine Zukunft, wenn dabei der Mensch auf der Strecke bleibt. Die Orientierung an der Zufriedenheit und am Glück schon eher, auch wenn ich mich entgegen dem Wachstumstrend bewege. Sich mit dem zufrieden zu geben, was ich habe, nach Sparmöglichkeiten im Leben zu suchen, wo es nicht weh tut und diese dann auch noch umzusetzen. Wenn ich dann von meiner Zufriedenheit und meinem Glück auch noch etwas abgebe, habe ich sogar eine Rendite von 100 Prozent. Schließlich ist das Glück im Volksmund das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Und davon darf es durchaus etwas mehr sein, oder?
Andreas Peters

Ausgabe 24, November 2011


Inhaltsverzeichnis:


Seite 02

Edito

Liebe Leserinnen und Leser,

Seite 03

Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?

Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

Seite 04

Gewinnmaximierung ist wie Komasaufen

Ein fatal falsches Ziel menschlichen Wirtschaftens

Seite 05

Die Legende vom Gierbanker

Von Legenden und Folgen der Politik

Seite 06

Hohe Nebeneinkünfte für den Parlamentsschwänzer

Die unmäßige Gier des SPD-Bundestagsabgeordneten Peer Steinbrück

Seite 08

Alles Ego, oder was?

Der Mythos von der Geilheit des Geizes

Seite 09

„Auf dass alles, was ich berühre, zu Gold werde“

Das Thema der Gier in der Antike: die Sagen von Midas und Krösus

Seite 10

Darf’s noch etwas mehr sein?

Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen

Seite 11

Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft

Wie Gier entsteht

Seite 12

Der einen Freud ist der anderen Leid

Warum die Gier nach Rohstoffen uns alle betrifft

Seite 13

Zinsen – ein kapitaler kapitalistischer Denkfehler

Die soziale Schere ist die Folge

Seite 14

Wie viel Erde braucht der Mensch?

Was ist wirklich wichtig in Leben eines Menschen

Seite 15

Der Bund der Steuerzahler meldet sich zu Wort

39. Ausgabe des Schwarzbuchs „Die öffentliche Verschwendung 2011“

Seite 16

Polnische Saison an der Spree

So viel Polen in Berlin war noch nie! Unser Nachbarland nutzt seine gegenwärtige EU-Ratspräsidentschaft, um die nationale Kultur in einem bisher nie da gewesen Umfang zu zeigen

Seite 20

„Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Der Mannheimer Musiker Laith Al-Deen über Herkunft, Sprache und sein aktuelles Album

Seite 24

Kältehilfesaison 2011/12 ist gestartet

Grund zur Freude – Grund zur Sorge

Seite 25

Krakau lockt nicht nur Touristen an

Im Herbst und Winter ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen in die alte Königsstadt ein

Seite 26

Diskriminierung ohne Ende? (2)

Die 600jährige Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland ist die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung

Seite 28

„Hallo, ich bin Iker, ich komme aus Spanien, Barcelona.“

Der spanische Spielmacher bringt „Füchse Berlin“ zurück in der Erfolgsspur

Seite 29

Achtung! Hartz IV

Die „Härtefallregelung“ des § 21 Abs.6 Teil 2

Seite 30

Mittendrin

Seite 31

Leserbrief

Seite 31_b

Besuch vom Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP)