Ausgabe_24_2011 > Seite 09
„Auf dass alles, was ich berühre, zu Gold werde“
Das Thema der Gier in der Antike: die Sagen von Midas und Krösus
König Midas und der unheilvolle Wunsch nach grenzenlosem Reichtum
König Midas ist eine Sagengestalt, die in ihrer Gier nach Reichtum blind wurde für den wahren Wert der Dinge. Eines Tages fanden Midas‘ Diener Silenos, einen Gefährten des Gottes Dionysos, von übermäßigem Weingenuss dösend auf einem Feld. Als Midas ihn zu Dionysos zurückbrachte, gewährte ihm der Gott zum Dank die Gnade, sich eine Gabe freier Wahl zu erbitten. Midas Wahl jedoch wurde durch Gier nach Reichtum bestimmt: „Mache, dass sich alles, was ich mit meinem Körper berühre, in reines Gold verwandle!“
Seine Bitte wurde Midas gewährt. Er hob einen Stein auf und hielt einen Goldklumpen in den Händen. Er pflückte einen Apfel vom Baum und dieser wurde zu Gold. Egal was er berührte, Ähren auf dem Feld, Zweige an einem Baum, den Türpfosten seines Palastes, selbst das gemächlich dahinfließende Wasser eines Flusses, alles verwandelte sich in seinen Händen in das glänzende Metall. Hoch erfreut über seine neue Gabe ließ sich Midas von seinen Dienern ein Festmahl bereiten, um seinen neuen Reichtum zu feiern. Genüsslich biss er am Tisch in ein Stück Braten – und hatte statt zarten Fleisches ein Stück hartes Metall zwischen den Zähnen. Dann griff er zum Wein – flüssiges Gold rann in seinen Magen herab. Da wurde Midas klar, was für einen Fluch er mit seiner Bitte auf sich geladen hatte.
In vollkommener Verzweiflung rief Midas nun Dionysos an und flehte, dass dieser die unheilvolle Gabe, die für ihn zum Fluch geworden war, wieder von ihm nehmen möge. Dionysos, der ihm nichts Böses wollte, gewährte ihm die Bitte: Er trug Midas auf, zum nahegelegenen Fluss Paktolos zu gehen, und dort seine Gabe und gleichzeitig auch seine Schuld abzuwaschen. Midas folgte dem Befehl und wurde dadurch von seinem Fluch erlöst. Die Gabe des Goldes ging der Sage nach auf den Paktolos über, in dem zwar weiterhin normales Wasser floss, der aber seitdem große Mengen an Goldklumpen mit sich führte.
König Krösus und das unheilvolle Prahlen mit Reichtum
Der Fluss Paktolos und sein Goldreichtum existieren jedoch nicht nur in der Sage von König Midas, sondern auch in der Wirklichkeit: Der Paktolos war ein Fluss, der durch Lydien floss, und tatsächlich große Mengen an Goldklumpen mit sich führte. Der Goldreichtum des Flusses war auch ein Grund für den Reichtum eines anderen aus zahlreiche Sagen und Sprichwörtern bekannten Königs: König Krösus. Der historische Krösus herrschte im 6. Jahrhundert vor Christus über das in Kleinasien gelegenen Lydien. Sein Reichtum regte die Phantasie des Volkes und zahlreicher Dichter an, so dass sich mit der Zeit Legenden über ihn ausbildeten und mit den historischen Tatsachen vermischten.
Auch der griechische Dichter und Geschichtsschreiber Herodot berichtet auf diese Art von Krösus‘ Eitelkeit und Selbstüberschätzung. Als der Weise Solon zu Gast bei Krösus war, führte dieser ihn durch seine ausgedehnten Schatzkammern und fragte ihn: „Wen erachtest du als glücklichsten Menschen auf der Welt?“ Er erwartete dabei, nach der Demonstration seines Reichtums von Solon genannt zu werden. Solon jedoch erwähnte stattdessen zwei einfache Menschen, die ein besonders tugendhaftes Leben geführt hatten. Verwundert fragt ihn Krösus daraufhin, ob er ihn denn nicht für ebenso glücklich halte. Hierauf antwortete Solon, dass das Schicksal launisch sei, und er erst wisse, ob Krösus wirklich als glücklich zu bezeichnen sei, wenn Krösus sein Leben auch glücklich abgeschlossen habe.
Einige Jahre später griff Krösus das mächtige Perserreich an. Zuvor war ihm vom Orakel von Delphi geweissagt worden, er werde ein großes Königreich zerstören, sollte er den Fluss zwischen den beiden Ländern überschreiten. Die Mehrdeutigkeit des Orakelspruches wurde Krösus in seiner Selbstüberschätzung nicht bewusst: Durch die Überquerung zerstörte er in der Tat ein großes Königreich – jedoch nicht das persische, sondern sein eigenes. So sollte der Erzählung nach Solon in seiner Einschätzung Recht behalten.




