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Alles Ego, oder was?

Der Mythos von der Geilheit des Geizes

Längst ist der Allgemeinplatz vom gierigen Banker zum Dauerthema geworden. Selbst in den etablierten Medien wird man nicht müde, seine rücksichtslose Zockerei und empörende Spekulationswut anzuprangern. Der freie Markt erscheint als Kampffeld des egoistischen Eigennutzes in seiner reinsten Form. Und tatsächlich entspricht dies weitestgehend dem Bild, das die Wirtschaftswissenschaft gemeinhin vom Menschen zeichnet. In ihren Theorien taucht das Individuum lediglich modellhaft als der sogenannte Homo Oeconomicus auf, also der auf äußerste Rationalität und das Streben nach persönlicher Nutzenmaximierung reduzierte Mensch. Doch kann dies wirklich eine angemessene Sichtweise sein? Aus anderen Sphären der Wissenschaft werden schon seit längerem kritische Stimmen laut.

Um dem menschlichen Wesen auf die Spuren zu kommen, auf der Suche nach des Pudels Kern sozusagen, hat sich schon Anfang dieses Jahrhunderts ein Forscherteam aus den USA und Kolumbien auf eine Reise durch 17 verschiedene Gesellschaften auf fünf Kontinenten begeben und Erstaunliches entdeckt. Quintessenz ihrer Unternehmung war das sogenannte Ultimatum-Spiel, ein Experiment mit einfachen Regeln. Einem der zwei Mitspieler wurde eine bestimmte Summe übergeben, üblicherweise zwischen einem und zwei Tageslöhnen der jeweiligen Gesellschaft, die er beliebig auf sich und seinen Gegenüber aufteilen durfte. Anschließend entschied letzterer, ob er das Angebot annehmen wollte oder nicht. Stimmte er zu, erhielten beide die vorgeschlagene Menge, lehnte er hingegen ab, gingen beide leer aus. Die Lehrbuchmeinung der kalten Wirtschaftlichkeit legt nahe, dass der Angebotsunterbreiter sich selber einen Maximalbetrag zugestehen würde und sein Konterpart daraufhin so ziemlich jede Konstellation annehmen würde, denn schließlich bedeutet wenig Geld in der Buchführung unterm Strich immer noch eine größere Zahl als gar keins. Jeder Teilnehmer nahm nur an einem Spiel teil, so dass das Schielen auf zukünftige Runden keinen Zweck hatte.

Auf den ersten Blick überraschend ist, dass extrem ungerechte Verteilungen praktisch nie auftraten. Selbst in der Gruppe mit den ungerechtesten Verteilungen, ging der zweite Mitspieler noch mit durchschnittlich 25 Prozent nach Hause. Üblicher waren Beträge von um die 40 Prozent. Das Volk der Aché in Paraguay kam auf stattliche 51 Prozent, während die indonesischen Lamelara der eigentlich unterlegenen Partei sogar 58 Prozent des Kuchens zusprachen. Börsenmakler der sogenannten westlichen Welt würden wohl die Köpfe schütteln und sich verständnislos am Kopf kratzen.

Bei einem anderen Spiel wurde einer dritten Person die Möglichkeit gegeben, asoziales Verteilungsverhalten durch Geldstrafen zu sanktionieren, jedoch musste sie dafür in die eigene Tasche greifen. Auch hier offenbarte sich ein hohes Maß an Gerechtigkeitsempfinden, nahm man doch in einem Großteil der Gruppen trotz eigenem Schaden diese Option ausgiebig wahr und somit eigene Verluste in Kauf, lediglich um dem Prinzip der Gerechtigkeit zu Nachdruck zu verhelfen.

Ist der Mensch nun also doch nicht von Natur aus egoistisch? „Man entwickelt sich eben zu einem kooperativen Wesen, wenn man in einer Gesellschaft aufwächst, in der es Strafen gibt“, fasst Joseph Henrich, einer der Leiter des Projekts, die Ergebnisse zusammen. Es scheint fast so, als gäbe es überall auf der Welt nachdrückliche Gleichheitsvorstellungen, die sich in die Menschen einschreiben und sie in einem gewissen Rahmen zu uneigennützigen, altruistischen Wesen machen. Der wirtschaftswissenschaftliche Radikalschlag des gierigen Homo Oeconomicus sieht aus diesem Blickwinkel eher alt aus und man gewinnt den Eindruck, Erich Fromm hätte, als er davon redete, dass Habgier und Frieden sich ausschließen würden, vielleicht Recht behalten. Der Mensch ist nicht zwangsweise und von Natur aus ein Geschöpf der Gier. Er ist es immer nur so weit, wie dies den Werten seiner Umwelt entspricht. In einer Gesellschaft wie der unseren, in der das Anhäufen von Gütern nicht nur toleriert, sondern bisweilen auch noch bewundert und gefeiert wird, ist es nicht erstaunlich, dass der Mensch vornehmlich als egoistischer Nutzenmaximierer gesehen wird. Notwendig ist das allerdings nicht.

Florian Eyert

Ausgabe 24, November 2011


Inhaltsverzeichnis:


Seite 02

Edito

Liebe Leserinnen und Leser,

Seite 03

Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?

Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

Seite 04

Gewinnmaximierung ist wie Komasaufen

Ein fatal falsches Ziel menschlichen Wirtschaftens

Seite 05

Die Legende vom Gierbanker

Von Legenden und Folgen der Politik

Seite 06

Hohe Nebeneinkünfte für den Parlamentsschwänzer

Die unmäßige Gier des SPD-Bundestagsabgeordneten Peer Steinbrück

Seite 08

Alles Ego, oder was?

Der Mythos von der Geilheit des Geizes

Seite 09

„Auf dass alles, was ich berühre, zu Gold werde“

Das Thema der Gier in der Antike: die Sagen von Midas und Krösus

Seite 10

Darf’s noch etwas mehr sein?

Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen

Seite 11

Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft

Wie Gier entsteht

Seite 12

Der einen Freud ist der anderen Leid

Warum die Gier nach Rohstoffen uns alle betrifft

Seite 13

Zinsen – ein kapitaler kapitalistischer Denkfehler

Die soziale Schere ist die Folge

Seite 14

Wie viel Erde braucht der Mensch?

Was ist wirklich wichtig in Leben eines Menschen

Seite 15

Der Bund der Steuerzahler meldet sich zu Wort

39. Ausgabe des Schwarzbuchs „Die öffentliche Verschwendung 2011“

Seite 16

Polnische Saison an der Spree

So viel Polen in Berlin war noch nie! Unser Nachbarland nutzt seine gegenwärtige EU-Ratspräsidentschaft, um die nationale Kultur in einem bisher nie da gewesen Umfang zu zeigen

Seite 20

„Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Der Mannheimer Musiker Laith Al-Deen über Herkunft, Sprache und sein aktuelles Album

Seite 24

Kältehilfesaison 2011/12 ist gestartet

Grund zur Freude – Grund zur Sorge

Seite 25

Krakau lockt nicht nur Touristen an

Im Herbst und Winter ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen in die alte Königsstadt ein

Seite 26

Diskriminierung ohne Ende? (2)

Die 600jährige Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland ist die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung

Seite 28

„Hallo, ich bin Iker, ich komme aus Spanien, Barcelona.“

Der spanische Spielmacher bringt „Füchse Berlin“ zurück in der Erfolgsspur

Seite 29

Achtung! Hartz IV

Die „Härtefallregelung“ des § 21 Abs.6 Teil 2

Seite 30

Mittendrin

Seite 31

Leserbrief

Seite 31_b

Besuch vom Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP)