Ausgabe_24_2011 > Seite 08
Alles Ego, oder was?
Der Mythos von der Geilheit des Geizes
Längst ist der Allgemeinplatz vom gierigen Banker zum Dauerthema geworden. Selbst in den etablierten Medien wird man nicht müde, seine rücksichtslose Zockerei und empörende Spekulationswut anzuprangern. Der freie Markt erscheint als Kampffeld des egoistischen Eigennutzes in seiner reinsten Form. Und tatsächlich entspricht dies weitestgehend dem Bild, das die Wirtschaftswissenschaft gemeinhin vom Menschen zeichnet. In ihren Theorien taucht das Individuum lediglich modellhaft als der sogenannte Homo Oeconomicus auf, also der auf äußerste Rationalität und das Streben nach persönlicher Nutzenmaximierung reduzierte Mensch. Doch kann dies wirklich eine angemessene Sichtweise sein? Aus anderen Sphären der Wissenschaft werden schon seit längerem kritische Stimmen laut.

Um dem menschlichen Wesen auf die Spuren zu kommen, auf der Suche nach des Pudels Kern sozusagen, hat sich schon Anfang dieses Jahrhunderts ein Forscherteam aus den USA und Kolumbien auf eine Reise durch 17 verschiedene Gesellschaften auf fünf Kontinenten begeben und Erstaunliches entdeckt. Quintessenz ihrer Unternehmung war das sogenannte Ultimatum-Spiel, ein Experiment mit einfachen Regeln. Einem der zwei Mitspieler wurde eine bestimmte Summe übergeben, üblicherweise zwischen einem und zwei Tageslöhnen der jeweiligen Gesellschaft, die er beliebig auf sich und seinen Gegenüber aufteilen durfte. Anschließend entschied letzterer, ob er das Angebot annehmen wollte oder nicht. Stimmte er zu, erhielten beide die vorgeschlagene Menge, lehnte er hingegen ab, gingen beide leer aus. Die Lehrbuchmeinung der kalten Wirtschaftlichkeit legt nahe, dass der Angebotsunterbreiter sich selber einen Maximalbetrag zugestehen würde und sein Konterpart daraufhin so ziemlich jede Konstellation annehmen würde, denn schließlich bedeutet wenig Geld in der Buchführung unterm Strich immer noch eine größere Zahl als gar keins. Jeder Teilnehmer nahm nur an einem Spiel teil, so dass das Schielen auf zukünftige Runden keinen Zweck hatte.
Auf den ersten Blick überraschend ist, dass extrem ungerechte Verteilungen praktisch nie auftraten. Selbst in der Gruppe mit den ungerechtesten Verteilungen, ging der zweite Mitspieler noch mit durchschnittlich 25 Prozent nach Hause. Üblicher waren Beträge von um die 40 Prozent. Das Volk der Aché in Paraguay kam auf stattliche 51 Prozent, während die indonesischen Lamelara der eigentlich unterlegenen Partei sogar 58 Prozent des Kuchens zusprachen. Börsenmakler der sogenannten westlichen Welt würden wohl die Köpfe schütteln und sich verständnislos am Kopf kratzen.
Bei einem anderen Spiel wurde einer dritten Person die Möglichkeit gegeben, asoziales Verteilungsverhalten durch Geldstrafen zu sanktionieren, jedoch musste sie dafür in die eigene Tasche greifen. Auch hier offenbarte sich ein hohes Maß an Gerechtigkeitsempfinden, nahm man doch in einem Großteil der Gruppen trotz eigenem Schaden diese Option ausgiebig wahr und somit eigene Verluste in Kauf, lediglich um dem Prinzip der Gerechtigkeit zu Nachdruck zu verhelfen.
Ist der Mensch nun also doch nicht von Natur aus egoistisch? „Man entwickelt sich eben zu einem kooperativen Wesen, wenn man in einer Gesellschaft aufwächst, in der es Strafen gibt“, fasst Joseph Henrich, einer der Leiter des Projekts, die Ergebnisse zusammen. Es scheint fast so, als gäbe es überall auf der Welt nachdrückliche Gleichheitsvorstellungen, die sich in die Menschen einschreiben und sie in einem gewissen Rahmen zu uneigennützigen, altruistischen Wesen machen. Der wirtschaftswissenschaftliche Radikalschlag des gierigen Homo Oeconomicus sieht aus diesem Blickwinkel eher alt aus und man gewinnt den Eindruck, Erich Fromm hätte, als er davon redete, dass Habgier und Frieden sich ausschließen würden, vielleicht Recht behalten. Der Mensch ist nicht zwangsweise und von Natur aus ein Geschöpf der Gier. Er ist es immer nur so weit, wie dies den Werten seiner Umwelt entspricht. In einer Gesellschaft wie der unseren, in der das Anhäufen von Gütern nicht nur toleriert, sondern bisweilen auch noch bewundert und gefeiert wird, ist es nicht erstaunlich, dass der Mensch vornehmlich als egoistischer Nutzenmaximierer gesehen wird. Notwendig ist das allerdings nicht.




