Ausgabe_24_2011 > Seite 05

Die Legende vom Gierbanker

Von Legenden und Folgen der Politik

Banker, Investmentbanker und eine Legende

Eines der auflagenstarken Blätter aus dem Hause „Springer“ („BILD“ oder „BZ“) prägte unlängst den Begriff ‚Gierbanker‘. Ein Bankchef klagte nach seiner Absetzung auf üppige Abfindungen. Zuvor wurde über Mitarbeiter in Banken berichtet, die in der Krise, als ihre Häuser rote Zahlen schrieben, unverhältnismäßige Bonuszahlungen erhielten. Schnee von gestern? Herr Gribkowsky, ehemaliges Vorstandsmitglied der „BayernLB“, muss sich derzeit vor Gericht verantworten, und kenne ich die Vorwürfe. Doch selbst dann, wenn er, wovon auszugehen ist, rechtskräftig verurteilt wird, bleibt festzuhalten, auch in anderen Berufen wird gelogen und betrogen. Fehlverhalten von leitenden Angestellten eines Unternehmens, auch die Mitglieder des Vorstands eines Unternehmens, sind leitende Angestellte, ist die eine Sache, Ursache des Debakels eine andere.

Nick Leeson & JérÔme Kerviel

Die britische „Barings Bank“ war ein mal ein renommiertes Unternehmen. Sie wurde im 18. Jahrhundert in Exeter gegründet, zog wenige Jahrzehnte später nach London und soll im 19. Jahrhundert neben „Rothschild“ die führende Bank in England gewesen sein. Dieses Institut musste im Februar 1995 Konkurs anmelden. Für die Pleite hatte der Devisenhändler Nick Leeson gesorgt, der für die Bank in Singapur mit Devisen einen kleinen und sicheren Gewinn einfahren sollte. Doch da war der übergroße Ehrgeiz des Nick Leeson, wahrscheinlich auch Selbstüberschätzung. Er soll geglaubt haben, Kurse vorhersagen zu können. Durch windige Termingeschäfte mit Rohöl verursachte er einen Schaden von 1,2 Mrd. Euro.* Leeson hätte sich seine Deals autorisieren lassen müssen. Doch mit Manipulationen umging er diese Hürde. Als der Deal aufflog, setzte er sich zunächst ab, wurde aber bald gefasst und verurteilt. Weil sich Geschichte wiederholt, erleichterte 2008 JérÔme Kerviel, Mitarbeiter der „Societié Générale“, seinen Arbeitgeber mit Spekulationsgeschäften um vier bis fünf Mrd. Euro. Auch Kerviel umging Grenzen, mit denen die Bank Risiken minimieren wollte. Wie Leeson hatte auch Kerviel nicht um des eigenen unmittelbaren Vorteils betrogen. Verluste sind eine Sache, Gier eine andere.

Überforderte Kontrolleure

Die großen Ratingagenturen „Moody‘s, „Standard & Poor’s“ und „Fitch Ratings“ sind zurzeit im Fokus der Kritik. Es gab aber Zeiten, da war das ganz anders. Im Jahr 2000 war die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „KPMG“ in die Kritik geraten, weil einige Testate der Wirklichkeit nicht standhielten. Die wirtschaftliche Lage von „Philipp Holzmann“, „Flow-Tex“ und anderen – trotz guter testierter Bilanzen – damals ins Trudeln geratenen Unternehmen sprach gegen die Zunft der Wirtschaftsprüfer. Jutta Hoffritz schrieb im November 2000 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ („Kontrolle für die Kontrolleure“): „In Deutschland ist bisher die Wirtschaftsprüfkammer die einzige Instanz, die Kontrolle über die Kontrolleure ausübt“. Sie verwies wie auch viele Journalisten dieser Zeitung damals auf die Börsenaufsicht der USA „SEC“ als nachahmenswertes Beispiel. Im Internetlexikon „Wikipedia“ ist zu lesen, dass sich die „SEC“ 1975 die Ratingagenturen ins Boot holte, die jetzt in die Kritik geraten sind. Übrigens: Bei der Kritik gegen „KPMG“ wurde die ökonomische Abhängigkeit von den Auftraggebern thematisiert. Ähnlichkeiten zur Kritik an die Ratingagenturen sind kein Zufall.

Vorgaben der Politik als Ursache

Auf dem wohnungspolitischen Kongress der Berliner „MieterGemeinschaft“ am 16. April nannte der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Bischoff die Staatsschulden der USA als Triebkraft der Finanzindustrie. Sie betragen das Mehrfache des Bruttoinlandsprodukts. Daran hat Ronald Reagan, ehemaliger Präsident der USA, wesentlichen Anteil. Als strammer Antikommunist hatte er sich teure Rüstungsprogramme (Raketenabwehrschirm „SDI“, „Marine der 600 Schiffe“) geleistet. Dazu kamen massive Steuergeschenke an die betuchte Klientel. So wurde der Spitzensteuersatz von 70 auf 40 Prozent gesenkt. Joachim Bischoff stellte eine Grafik vor, aus der zu ersehen ist, dass die ein Prozent Top-Verdiener in den zehn Jahren ihren Anteil am Gesamteinkommen verdoppeln konnten (von ca. acht auf ca. 15 Prozent). Die Verschuldung trieb die Inflation an und sorgte, als die Notenbank „FED“ die Leitzinsen als Reaktion auf die Inflation anhob, für eine Rezession.

Jan Markowsky

*Heike Büchler, „Trojaner in Chicago“, in „Die Zeit“, 15.12.2006

Ausgabe 24, November 2011


Inhaltsverzeichnis:


Seite 02

Edito

Liebe Leserinnen und Leser,

Seite 03

Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?

Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

Seite 04

Gewinnmaximierung ist wie Komasaufen

Ein fatal falsches Ziel menschlichen Wirtschaftens

Seite 05

Die Legende vom Gierbanker

Von Legenden und Folgen der Politik

Seite 06

Hohe Nebeneinkünfte für den Parlamentsschwänzer

Die unmäßige Gier des SPD-Bundestagsabgeordneten Peer Steinbrück

Seite 08

Alles Ego, oder was?

Der Mythos von der Geilheit des Geizes

Seite 09

„Auf dass alles, was ich berühre, zu Gold werde“

Das Thema der Gier in der Antike: die Sagen von Midas und Krösus

Seite 10

Darf’s noch etwas mehr sein?

Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen

Seite 11

Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft

Wie Gier entsteht

Seite 12

Der einen Freud ist der anderen Leid

Warum die Gier nach Rohstoffen uns alle betrifft

Seite 13

Zinsen – ein kapitaler kapitalistischer Denkfehler

Die soziale Schere ist die Folge

Seite 14

Wie viel Erde braucht der Mensch?

Was ist wirklich wichtig in Leben eines Menschen

Seite 15

Der Bund der Steuerzahler meldet sich zu Wort

39. Ausgabe des Schwarzbuchs „Die öffentliche Verschwendung 2011“

Seite 16

Polnische Saison an der Spree

So viel Polen in Berlin war noch nie! Unser Nachbarland nutzt seine gegenwärtige EU-Ratspräsidentschaft, um die nationale Kultur in einem bisher nie da gewesen Umfang zu zeigen

Seite 20

„Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Der Mannheimer Musiker Laith Al-Deen über Herkunft, Sprache und sein aktuelles Album

Seite 24

Kältehilfesaison 2011/12 ist gestartet

Grund zur Freude – Grund zur Sorge

Seite 25

Krakau lockt nicht nur Touristen an

Im Herbst und Winter ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen in die alte Königsstadt ein

Seite 26

Diskriminierung ohne Ende? (2)

Die 600jährige Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland ist die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung

Seite 28

„Hallo, ich bin Iker, ich komme aus Spanien, Barcelona.“

Der spanische Spielmacher bringt „Füchse Berlin“ zurück in der Erfolgsspur

Seite 29

Achtung! Hartz IV

Die „Härtefallregelung“ des § 21 Abs.6 Teil 2

Seite 30

Mittendrin

Seite 31

Leserbrief

Seite 31_b

Besuch vom Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP)