Ausgabe_24_2011 > Seite 03
Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?
Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

In der Regel ist es schön, etwas zu haben. Und daher zu erwarten, dass Menschen sich schöne Dinge wünschen, die über das Lebensnotwendige hinausgehen. Doch irgendwo ist diese unsichtbare Grenze: Die Grenze, hinter der sich der akzeptierte Wunsch nach ‚mehr‘ verwandelt in ein mehrköpfiges Wesen, dass mit seinen vielen Mündern schreit: noch mehr, noch mehr. Das ist dann die Habgier. Doch wo fängt sie an und wo hört sie auf? Und wer zählt die Zahl der Köpfe und sagt uns, dass zwei Wünsche nach ‚mehr‘ ein Zeichen von Erfolgswillen und Zielstrebigkeit sind, vier Wünsche nach ‚mehr‘ jedoch das Zeichen nicht genug zu bekommen? Wer hält die Definitionsmacht über die Habgier in Händen?
Die ‚Habgier‘, so meint man zu wissen, ist eine der sieben Todsünden. Aber das ist doch vielleicht etwas übertrieben, oder nicht? Denn auch nach dem Katechismus der Katholischen Kirche muss man sich schon einiges leisten, um eine Todsünde zu begehen. Dazu gehören zum Beispiel unabdingbar ein Verstoß gegen die zehn Gebote, man muss die Sünde mit vollem Bewusstsein begehen, das heißt die Schwere der Sünde bereits vorher erkennen und man muss sie aus freiem Willen begehen, also sagen: Ja, ich will.
Der Zustand der Habgier jedoch ist – glaubt man den typischen Habgierigen unserer Zeit, also einem Teil des gehobenen Managements, der Politiker_innen oder Konsumopfer – ein ganz und gar unbewusster. Oder haben Sie schon mal jemanden sagen hören: Ja, Euer Ehren, ich gestehe, in vollem Bewusstsein habe ich mich dafür entschieden, habgierig zu sein. Wahrscheinlich nicht. Und zu Recht. Denn theologisch gesehen, gehört die Habgier nicht zu den Todsünden, zu denen im Grunde nur Mord (Verstoß gegen das 5. Gebot), Ehebruch (gegen das 6. Gebot) und der Abfall vom Glauben (gegen das 1. Gebot) gezählt werden.
Die Habgier gehört allerdings zu den sieben schlechten Charaktereigenschaften, aus denen die Todsünden und – als Steigerung der Todsünde – die himmelschreienden Sünden entstehen. Es sind diese: Hochmut (Eitelkeit, Stolz, Übermut), Habgier (Geiz), Ausschweifung (Genusssucht), Maßlosigkeit, Neid und Faulheit (Feigheit). Man sieht: Habgierig zu sein ist zunächst eine Eigenschaft, die drückt und zieht, ein unangenehmes Gefühl der Leere, das nur für den betroffenen Menschen von Relevanz ist. Zur Sünde wird sie erst, wenn man sich ihr überlässt und den Nächsten, z. B. einen abhängig Beschäftigten um der besseren Aktienentwicklung willen kündigt oder erst gar nicht angemessen bezahlt und so um Haus und Hof bringt (Verstoß gegen das 10. Gebot).
Nun sieht Gott aus theologischer Perspektive ja alles und so auch diese Sünde. Aber gerade bei dieser Sünde muss er gar nicht so genau hinschauen. Denn sie findet ihren Weg von ganz allein zu seinem Ohr.
Es handelt sich nämlich bei der beschriebenen Auswirkung der Habgier zwar nicht um eine Todsünde. Nein, noch viel schlimmer, es handelt sich sogar um eine der himmelschreienden Sünden. Kein Witz. Denn zu diesen, von denen es fünf gibt, zählt der Katechismus der Katholischen Kirche, der Lohn der den Arbeitern vorenthalten wird. So etwas schreit zum Himmel, genau wie die das Blut, das Kain beim Mord an seinem Bruder Abel vergoss, die Sünden von Sodom und Gomorra, die Klagen des in Ägypten unterdrückten Volkes und die Klagen von Witwen und Waisen. Interessant, nicht wahr? Ob das insbesondere unseren christdemokratischen Politiker_innen bekannt ist? Ob sie daran denken, wenn sie sich einmal wieder dem Lobbyismus der Wirtschaft beugen? Vielleicht nicht.
Aber so ist das mit der Habgier. Sie selbst erkennt man nicht, solange man sie pflegt. Nur ihre Auswirkungen könnte man erkennen, wenn man denn hinsehen würde. Aber solange die Habgier als die Sünde gilt und nicht ihr Effekt, werden sich jene, die sie in sich selbst nicht spüren, zurücklehnen und seufzen: Ich bin von jeder Sünde frei.




