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Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?

Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

In der Regel ist es schön, etwas zu haben. Und daher zu erwarten, dass Menschen sich schöne Dinge wünschen, die über das Lebensnotwendige hinausgehen. Doch irgendwo ist diese unsichtbare Grenze: Die Grenze, hinter der sich der akzeptierte Wunsch nach ‚mehr‘ verwandelt in ein mehrköpfiges Wesen, dass mit seinen vielen Mündern schreit: noch mehr, noch mehr. Das ist dann die Habgier. Doch wo fängt sie an und wo hört sie auf? Und wer zählt die Zahl der Köpfe und sagt uns, dass zwei Wünsche nach ‚mehr‘ ein Zeichen von Erfolgswillen und Zielstrebigkeit sind, vier Wünsche nach ‚mehr‘ jedoch das Zeichen nicht genug zu bekommen? Wer hält die Definitionsmacht über die Habgier in Händen?

Die ‚Habgier‘, so meint man zu wissen, ist eine der sieben Todsünden. Aber das ist doch vielleicht etwas übertrieben, oder nicht? Denn auch nach dem Katechismus der Katholischen Kirche muss man sich schon einiges leisten, um eine Todsünde zu begehen. Dazu gehören zum Beispiel unabdingbar ein Verstoß gegen die zehn Gebote, man muss die Sünde mit vollem Bewusstsein begehen, das heißt die Schwere der Sünde bereits vorher erkennen und man muss sie aus freiem Willen begehen, also sagen: Ja, ich will.

Der Zustand der Habgier jedoch ist – glaubt man den typischen Habgierigen unserer Zeit, also einem Teil des gehobenen Managements, der Politiker_innen oder Konsumopfer – ein ganz und gar unbewusster. Oder haben Sie schon mal jemanden sagen hören: Ja, Euer Ehren, ich gestehe, in vollem Bewusstsein habe ich mich dafür entschieden, habgierig zu sein. Wahrscheinlich nicht. Und zu Recht. Denn theologisch gesehen, gehört die Habgier nicht zu den Todsünden, zu denen im Grunde nur Mord (Verstoß gegen das 5. Gebot), Ehebruch (gegen das 6. Gebot) und der Abfall vom Glauben (gegen das 1. Gebot) gezählt werden.

Die Habgier gehört allerdings zu den sieben schlechten Charaktereigenschaften, aus denen die Todsünden und – als Steigerung der Todsünde – die himmelschreienden Sünden entstehen. Es sind diese: Hochmut (Eitelkeit, Stolz, Übermut), Habgier (Geiz), Ausschweifung (Genusssucht), Maßlosigkeit, Neid und Faulheit (Feigheit). Man sieht: Habgierig zu sein ist zunächst eine Eigenschaft, die drückt und zieht, ein unangenehmes Gefühl der Leere, das nur für den betroffenen Menschen von Relevanz ist. Zur Sünde wird sie erst, wenn man sich ihr überlässt und den Nächsten, z. B. einen abhängig Beschäftigten um der besseren Aktienentwicklung willen kündigt oder erst gar nicht angemessen bezahlt und so um Haus und Hof bringt (Verstoß gegen das 10. Gebot).

Nun sieht Gott aus theologischer Perspektive ja alles und so auch diese Sünde. Aber gerade bei dieser Sünde muss er gar nicht so genau hinschauen. Denn sie findet ihren Weg von ganz allein zu seinem Ohr.

Es handelt sich nämlich bei der beschriebenen Auswirkung der Habgier zwar nicht um eine Todsünde. Nein, noch viel schlimmer, es handelt sich sogar um eine der himmelschreienden Sünden. Kein Witz. Denn zu diesen, von denen es fünf gibt, zählt der Katechismus der Katholischen Kirche, der Lohn der den Arbeitern vorenthalten wird. So etwas schreit zum Himmel, genau wie die das Blut, das Kain beim Mord an seinem Bruder Abel vergoss, die Sünden von Sodom und Gomorra, die Klagen des in Ägypten unterdrückten Volkes und die Klagen von Witwen und Waisen. Interessant, nicht wahr? Ob das insbesondere unseren christdemokratischen Politiker_innen bekannt ist? Ob sie daran denken, wenn sie sich einmal wieder dem Lobbyismus der Wirtschaft beugen? Vielleicht nicht.

Aber so ist das mit der Habgier. Sie selbst erkennt man nicht, solange man sie pflegt. Nur ihre Auswirkungen könnte man erkennen, wenn man denn hinsehen würde. Aber solange die Habgier als die Sünde gilt und nicht ihr Effekt, werden sich jene, die sie in sich selbst nicht spüren, zurücklehnen und seufzen: Ich bin von jeder Sünde frei.

Ghattas

Ausgabe 24, November 2011


Inhaltsverzeichnis:


Seite 02

Edito

Liebe Leserinnen und Leser,

Seite 03

Spür keine Gier – und sei von Sünde frei?

Über Todsünden und himmelschreiende Sünden

Seite 04

Gewinnmaximierung ist wie Komasaufen

Ein fatal falsches Ziel menschlichen Wirtschaftens

Seite 05

Die Legende vom Gierbanker

Von Legenden und Folgen der Politik

Seite 06

Hohe Nebeneinkünfte für den Parlamentsschwänzer

Die unmäßige Gier des SPD-Bundestagsabgeordneten Peer Steinbrück

Seite 08

Alles Ego, oder was?

Der Mythos von der Geilheit des Geizes

Seite 09

„Auf dass alles, was ich berühre, zu Gold werde“

Das Thema der Gier in der Antike: die Sagen von Midas und Krösus

Seite 10

Darf’s noch etwas mehr sein?

Die Wirtschaft kann nicht bis ins Unendliche wachsen

Seite 11

Gier – Anatomie einer menschlichen Eigenschaft

Wie Gier entsteht

Seite 12

Der einen Freud ist der anderen Leid

Warum die Gier nach Rohstoffen uns alle betrifft

Seite 13

Zinsen – ein kapitaler kapitalistischer Denkfehler

Die soziale Schere ist die Folge

Seite 14

Wie viel Erde braucht der Mensch?

Was ist wirklich wichtig in Leben eines Menschen

Seite 15

Der Bund der Steuerzahler meldet sich zu Wort

39. Ausgabe des Schwarzbuchs „Die öffentliche Verschwendung 2011“

Seite 16

Polnische Saison an der Spree

So viel Polen in Berlin war noch nie! Unser Nachbarland nutzt seine gegenwärtige EU-Ratspräsidentschaft, um die nationale Kultur in einem bisher nie da gewesen Umfang zu zeigen

Seite 20

„Musik zu machen im direkten Austausch mit dem Publikum, das ist nicht zu toppen.“

Der Mannheimer Musiker Laith Al-Deen über Herkunft, Sprache und sein aktuelles Album

Seite 24

Kältehilfesaison 2011/12 ist gestartet

Grund zur Freude – Grund zur Sorge

Seite 25

Krakau lockt nicht nur Touristen an

Im Herbst und Winter ziehen Gestrandete und Bedürftige aus ganz Polen in die alte Königsstadt ein

Seite 26

Diskriminierung ohne Ende? (2)

Die 600jährige Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland ist die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung

Seite 28

„Hallo, ich bin Iker, ich komme aus Spanien, Barcelona.“

Der spanische Spielmacher bringt „Füchse Berlin“ zurück in der Erfolgsspur

Seite 29

Achtung! Hartz IV

Die „Härtefallregelung“ des § 21 Abs.6 Teil 2

Seite 30

Mittendrin

Seite 31

Leserbrief

Seite 31_b

Besuch vom Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP)