Ausgabe_12_2011 > Seite 06
Atemberaubend zugeschnürt
Die britische Modemacherin Gemma Moss schneidert Korsetts und bringt Frauen diese Kunst in Workshops bei
Zwischen Dönerbuden, Spätkaufs und Wettbüros lässt ein kleiner Laden im Kreuzberger Wrangelkiez eine alte Tradition wieder aufleben. Im Nähcafé Linkle führt Gemma Moss Frauen in die Kunst des Korsettschneiderns ein. Ihre Vorbilder findet sie im Viktorianischen Zeitalter ebenso wie im dank Dita von Teese und anderen Künstlerinnen längst wieder modern gewordenen Burlesque- und Pin-up-Stil.

Ohne den amerikanischen Regisseur James Cameron wäre ihre Karriere wohl ganz anders verlaufen. Denn als die 13-jährige Gemma im Kino „Titanic“ mit Kate Winslet in den Kostümen sah, für die der Film später einen Oscar bekommen sollte, stand ihr Berufswunsch fest: Sie wollte selbst Korsetts schneidern.
In ihrer Heimatstadt Birmingham besuchte Gemma Moss die Universität und studierte Modedesign. Dort lernte sie zwar das Schneidern, nicht aber das Korsettmachen, und so arbeitete sie nebenbei als viktorianisches Zimmermädchen in einem Schloss. Sie bat die Kostümschneiderin, ihr das Handwerk beizubringen. „Von ihr lernte ich die Grundlagen, las dazu Bücher und schneiderte zu Hause. An den Wochenenden verbesserte sie dann meine Arbeiten“, erinnert sich Gemma.
Korsettkurse im Nähcafé
Nach ihrem Studium in Birmingham brauchte sie eine Auszeit und so bewarb sie sich als Au-pair-Mädchen. Im Rahmen eines dieser berüchtigten Programme, die mit Berlin werben und doch nur Brandenburg bieten, kam sie nach Deutschland. „Mir war das ganz recht, ich wollte nicht den Trubel der Hauptstadt“, sagt Gemma zufrieden. Nach ihrer Au-pair-Zeit suchte sie Arbeit als Schneiderin oder Designerin in Berlin und lernte die Niederländerin Linda Eilers kennen, die seit September 2006 das Nähcafé Linkle in Kreuzberg führt. Hier stehen etwa ein Dutzend Nähmaschinen, die jeder gegen Gebühr benutzen darf, und Linda ist behilflich, falls nötig. Linda bot Gemma an, in ihrem Laden Kurse zu geben. Die Nachfrage nach ihrer Arbeit war größer als sie dachte.
Gemma schätzt die Modeszene in Berlin und die Offenheit der Menschen. Für ihre Arbeit als Korsettmacherin interessiert man sich hier eher als in ihrer Heimat, obwohl Großbritannien auch eine große Gothic- und Fetischszene hat. In London selbst ist die Konkurrenz wiederum zu groß und die Mietpreise unerschwinglich. „In Berlin kommen meine Kundinnen aus allen möglichen Kreisen und nicht nur jene mit speziellen Interessen. Viele Frauen besuchen meine Kurse, um so etwas einmal zu schneidern oder um das Korsett nachher einfach nur zu besitzen. Wer ein Korsett schneidern kann, bekommt auch andere Sachen mit der Nähmaschine hin“, weiß sie.
Miss Moss maßgeschneiderte Dessous
Am Korsett fasziniert die 27-Jährige, dass es den weiblichen Körper formt, ihn gut aussehen lässt und dabei den Betrachter betört. Viele Menschen wissen gar nicht mehr, was ein Korsett eigentlich ist. „Sie halten die Korsage oder den Body, die in Sex-Shops verkauft werden, für ein Korsett. Dabei ist ein Korsett nicht nur etwas für die Optik, sondern ein Kleidungsstück, das tatsächlich Halt bietet, stützt und formt“, erklärt Gemma. Jedes einzelne muss deshalb maßgeschneidert und an den Körper angepasst werden, was teuer ist und so gar nicht in unsere Stangenwarenwelt passt.
Im 19. Jahrhundert trugen durchaus auch Männer Korsetts, um dem Körper eine anmutigere Form zu verleihen. Damals verwendete man zur Versteifung Barten von Walen, auch bekannt als Fischbein. Heute halten flexible Metallstangen die Elemente eines Korsetts formgebend zusammen. Der Stoff für ein Korsett muss sehr stabil sein und darf nicht nachgeben, daher empfiehlt sich Baumwolle. Fortgeschrittenere können auch mit PVC oder Leder arbeiten. Das erfordert jedoch Perfektion beim Nähen, denn die Einstichlöcher gehen nicht mehr zurück. Verziert wird das Ganze mit einem Oberstoff, der jedem Korsett noch eine persönliche Note gibt. Miss Moss nimmt dazu gerne Seide und bevorzugt die Stile aus der Viktorianischen und Edwardianischen Zeit. Wenn sie nicht gerade anderen Frauen in Kursen das Korsettmachen beibringt, näht sie im Auftrag für Kundinnen aus ganz Deutschland, arbeitet für Theater-, Film- und Fotoproduktionen oder organisiert Dessous- und Korsettparties.
Die Kurse dauern zirka 20 Stunden über mehrere Tage und kosten 180 Euro inklusive Materialien, bis auf den Oberstoff, den jede Teilnehmerin selbst auswählen und mitbringen sollte. Sie finden in Linda Eilers’ Nähcafe Linkle in der Wrangelstraße 80 statt.



