home
  • english
  • polski
  • Espanol
  • japanisch
  • Francaise
  • russisch
  • rumnänisch
  • ungarisch
mob e.V. - Obdachlose machen mobil

Die Kehrseite

Oder: Das Leben ist wie ein (Bio-)Keks. Von Belinda

Vorbemerkung des Herausgebers:

Seit 2004 gibt es sie. Die Kehrseite. Ursprünglich ein von der jfsb-Stiftung des Landes Berlin gefördertes Jugendzeitungsprojekt, seit Ablauf der Förderung eine eigenständige Gruppe junger Menschen, die sich regelmässig in den Redaktionsräumen vom strassenfeger trifft und jeweils 2 strassenfeger-Seiten in eigener redaktioneller Verantwortung gestaltet. Und es gibt die kleine Tradition, zu Anfang des Jahres für eine strassenfeger-Ausgabe komplett die Zuständigkeit zu übernehmen.

Anfang 2006 war es die Ausgabe 01/2006 schwarz-weiss,
Anfang 2007 wird es die Ausgabe 02/2007 Auf der Bühne sein.

Zur Kehrseite gehören gegenwärtig Aila, Belinda, Franziska, Mandy, Marcel, Sebastian und Uli.

Und zu erreichen ist die Kehrseite so:
kehrseite@strassenfeger-berlin.de
kehrseite-str@web.de


stefan, 01.01.2007

Das Leben ist wie ein (Bio-)Keks

An einem Dienstag im November war es wieder soweit: Die Mitglieder der Kehrseite trafen sich in den Räumlichkeiten der Redax und diesmal hatte Aila sich an die Tatsache erinnert, dass Kräutertee und Kaffee allein nicht ausreichen, um kehrseitige Synapsen zum Schwingen zu bringen – Kekse sind daher immer ein willkommenes Mitbringsel und werden meistens mit begeisterten „Keeeekseeee!“-Rufen in Empfang genommen.

Nur um Verwechslungen vorzubeugen: Auch wenn einige der Kehrseitler beim Anblick von Keksen in träumerische oder gar euphorische Stimmung versetzt werden, heißt das noch lange nicht, dass es sich bei uns um blau-wuschelige, nach Keksen süchtige Verkörperungen des Krümelmonsters handelt.

Unser Kekse-Ritual ging auch an besagtem Dienstag in eine weitere Runde. Allerdings waren es diesmal nicht nur schlichte, schnöde Kekse, nein, es waren Bio-Kekse! Mit einem fröhlichen „Und guckt mal, was da draufsteht!“ schwang Aila die Tüte durch die Luft, sodass die Worte „Schmecken wie selbst gebacken“ uns verführerisch entgegenfunkelten.

Kurz und gut: Der begrenzte Platz unserer kehrseitigen Doppelseite verlangte nach drastischen Kürzungsmaßnahmen unserer Artikel, hochgradige Konzentration war gefragt. Ich griff in die Bio-Kekstüte und beförderte ahnungslos den ersten, wohlgeformten Bio-Keks schwungvoll in meinen Rachen. Den zweiten knabberte ich noch stückweise auf, doch beim dritten formulierte mein Gaumen zaghaft eine Frage: Wie kann so etwas sein? Es steht doch BIO drauf, das kann doch gar nicht schlecht schmecken… Denn diese Bio-Kekse sind „wie selbstgebacken“, ökologisch verantwortungsbewusst hergestellt und überhaupt sowieso viel besser für die Gesundheit! Verstohlen lugte ich über den Computer hinüber: Marcel drehte, den Blick in die Ferne gerichtet, seinen Bio-Keks zwischen den Fingern, Sebastian las, die Biokekstüte in Reichweite, konzentriert unsere Artikel und Aila widmete sich, einen Biokeks kauend, dem Geschehen auf ihrem Bildschirm. Alles wie immer, nur ich schien mit diesen Biokeksen ein Problem zu haben…

Und während ich mich noch fragte, ob diese Bio-Kekse vielleicht ebenfalls auf die im Theater weilende Franziska oder auf unsere im sonnigen Barcelona studierende Uli einen wie auch immer gearteten Effekt haben würden, drifteten meine Gedanken in die unendlichen Weiten des süßen Philosophierens ab. Sie wanderten von der Frage nach der Selbstzensur (Ist es überhaupt kehrseitig-korrekt, etwas gegen Kekse, gar gegen Bio-Kekse zu haben?) hin zum Keks an sich und seiner Vergangenheit. Der Keks kam Mitte des 19. Jahrhunderts als „cake“ aus England in unsere Gefilde, schaffte sich dann über den Magen einen Weg ins Herz, sodass er schließlich 1905 im Duden als „Keek“ (Pl. „Keeks“) aufgenommen wurde. Mit der Zeit wurde dann aus „Keek“ „Kek“ (Pl. „Keks“), schließlich „Keks“ (Pl. „Kekse“). Vom faden Geschmack des vierten Biokekses beflügelt, überkam mich eine unglaubliche Erkenntnis: Das Leben ist wie ein Keks! Überraschend und herzhaft, hinterlässt es dennoch häufig seine (nicht immer appetitlichen) Spuren an uns (mensch denke nur an die vielen Krümel, die so manchem Krümelmonster im Fell hängen bleiben) und auch das Leben hält des Öfteren nicht, was es verspricht...

Doch unabhängig davon, ob ich das Leben als Kek, Keek oder cake betrachtete, der Geschmack dieser Biokekse besserte sich nicht im Geringsten. Zurück in den Äther des Redax-Raumes holte mich Mandy, die mit fröhlichem „Hallo!“ durch die Tür stürmte. Der obligatorische Schlachtruf „Keeeekseeee!“ ertönte und kurz darauf ein lautes, ehrliches, beinah fassungsloses: „Die schmecken nicht.“ Erleichtert legte Marcel endlich seinen Keks beiseite, Aila brachte resigniert lächelnd mit einem „Bäh“ alles auf den Punkt und ich notierte in meinem geistigen Termin-Planer, dass ich zur nächsten Sitzung wieder die Billigkekse gefertigt in stählerner Fabrikmassenproduktion mitbringen würde.

Belinda