Auf schimmligen Luftbroten schippere ich mit hormonverstärkten Mortadellen kartonagen-verweichlicht im Billigwasserwein zu hochgezüchteten Tomateninseln, die knietief im Billigangebot der erstklassig abgepackten haltbarkeitsverlängerten Dioxineier schlingern. Meine Sinneseindrücke reagieren immer über beim Anblick dieses dickleibigen Angebotes der Supermarktketten.
Für diese Realität braucht man eigentlich keine Drogen mehr, sie ist in sich ein einziger Rauschzustand. Mein Hirn schreit B-S-E und ich bin zufrieden, dass ich noch nicht so abgestumpft bin, um mich mit alledem abzufinden.
Hier hat ein Gott sein westliches Paradies errichtet, dachte ich, hier gibt es alles und nichts, hier werde ich reichlich verstopft. Meine verlorene Gesundheit bezahle ich sowieso nie mehr ab. Also lasse ich es bleiben und harre meines Todes im Schuhkarton. Vorher aber bediente ich mich wie immer bescheiden am Überfluss. Mit einer Würstchenpackung im Jackenärmel und zwei Bier in den Seitentaschen verließ ich diesen einfältigen Ort schnöden Konsums auf dem Weg zu meinem ganz privaten täglichen Oktoberfest bei mir daheim.
Wie arm fand ich die reichen Schnösel in ihrem Paradies der Hochnäsigkeiten. Ich fraß den verdorbenen Rest, den man mir ab und zu galagegönnt beim Obdachlosenverein zusteckte und jammerte einem fernen Gott, den es vielleicht nicht gab, mein Leid. Dafür bezahlte ich teuer in Kollekten, aber es hatte mir wohl auch keiner zugehört.
Mit ermordeten Tieren behangen grinsten betonierte Zahnreihen im Fernseher über meine Selbstaufgabe. Das Leben würde so schön sein, wenn man es bezahlen könnte. Selbst schuld, wer da nicht mitgrinsen durfte. Bornierte OP - Fratzen diktierten ihr Maß der Dinge, welches sich lediglich in nächtlichen Heimlichtuereien teilweise entblößte.
„Was ist ein Supermarkt?“
Eine Frage, die ihnen ein verachtendes Grölen in Monacos Discos von den aufgeblasenen Lippen riss. Soll damals der neueste Witz unter den neureichen Jet-Sets gewesen sein. Ich wollte und konnte darüber nicht lachen. Hier, kauf dir was Schönes, aber versauf es nicht – hingeworfen wie einem streunenden Köter, abgewandt ob des zerlumpten Jammers, das ich verbreitete. Eine kupferne Münze rollte vor meine schäbigen Schuhe, die gerade den Supermarkt verließen. Stolz stieg ich darüber hinweg. Lieber verhungern, als sich vor denen erniedrigen, dachte ich und schaute bei McDonalds hungrig durch die Scheiben. Ungesund, tröstete ich mich und meine Erinnerung kramte fettwanstige Stammkunden aus dem Kurzzeitgedächtnis, die allabendlich in Fernsehreportagen das Abhungern übten. Dafür wurden die auch noch bezahlt!
Ich würde es nie schaffen, für solch eine Reportage ausgewählt zu werden. Ich hatte zu wenig Geld, um damit Geld zu verdienen. Ich sollte etwas dagegen unternehmen.
Diese feisten glänzenden Müßiggänger müssten gezwungen werden, ihre fetten Oasen kaviargeschwängerter Schinkenspiegel aufzugeben und gleich anderen ein maßvolles naturnahes Leben zu leben.
In meinem Kopf schwang die Idee von der Gleichberechtigung des Geldes, dem es egal war, wer es in seinen Händen hielt, durch die Synapsen meines hungrigen revolutionären Hirns. Man sollte es beseelen aber die Sache sähe dann auch nicht anders aus, darüber war ich mir sofort im Klaren. Geld und Seele, das passte nicht zusammen. Gedanke verworfen. Geld könnte man ganz abschaffen und Ware mit Arbeit bezahlen oder umgekehrt. Aber da waren wir schon mal, und dann fällt dem einem wieder ein, Punkte zu vergeben, diese Punkte zu drucken und eine Punktbörse einzurichten, wo man aus einem Punkt zwei machen könnte, wenn man nur clever genug und rücksichtslos auf Menschenmasse verzichtete. Das wäre der Neubeginn dessen, was wir auch schon hatten. Außerdem, wie sollte aus einem Punkt ein zweiter entstehen, wenn der zweite nie erarbeitet wurde, und woher nahm man ihn dann?
Sollte man mit imaginären Punkten handeln? Das wäre doch Beschiss! Ich regte mich auf, nein, so funktionierte es nicht lange. Also, wie dann? Sollte den Menschen ein Chip eingepflanzt werden, der bewirkte, dass jeder mindestens die Hälfte des Tages auf seine Mitmenschen Rücksicht nahm, so eine Art Moralchip, der halbtags arbeitete? Mein Gott, das wäre so komisch, ich würde nur noch grinsend den Tag verbringen beim Beobachten, wie das wirkte! Ich hielt lieber die Klappe, die Leute auf der Straße glotzten schon so mitleidig. Selbstgespräche passten nicht in ihr gesundes Bild. Am Ende dachten die noch, ich wäre meschugge. Eigentlich könnte mir das egal sein, aber ein bisschen Stolz hatte ich noch.
Mittlerweile war ich wieder zu Hause. Ich stand vor dem Haus mit meiner kleinen Wohnung, die eher einem Kriegsbunker glich, den man einst mir zuliebe vergaß abzureißen. Das Amt hatte eben seine Vorschriften, und als armer Schlucker (der ich genaugenommen auch war) stand mir eben nicht mehr zu im Sozialstaat. Auch hatte mich die Straße lange genug gesehen... ich kannte mich in dieser chaotischen Stadt besser aus als so manch anderer, aber zum Stadtführer fehlten mir noch immer die Klamotten.
Vom Amt wurde mir ein entsprechender Bittbrief abgelehnt, mit dem Rat der überarbeiteten, gefrusteten Mitarbeiterin Frau Knoch, die ich nur allzu gut in Erinnerung behalten habe, weil ich ihr heimlich in den Kaffee spuckte, nachdem sie mich schnöde duzte, ich möge es doch erst einmal im Café des Obdachlosenvereins mit einer gemeinnützigen Arbeit versuchen. Dabei war ich schon damit beschäftigt, die Geschichte meiner Stadt zu studieren, um im Falle unbegrenzten Interesses meiner wohlwollend zahlenden Kundschaft, vernünftig Auskunft geben zu können.
Eine geschnorrte Flasche selbstgebrannten Fusels von meinem drogensüchtigen Nachbarn half mir, meinen Abgesang als Stadtführer zu vergessen. Wir machten eine lange Nacht mit viel Gelaber daraus, indem wir die gesamte Gesellschaft außerhalb unseres Hauses für diese Misere verantwortlich machten. Wir waren die zu Unrecht gequälten Besseren. Aus meinem sozialen Aufstieg wurde wieder mal nichts.
Vom Haus gegenüber grinste mich irgendein TV-Held in rosa Plüschhosen an. Ich grinste zurück und dachte: Wenn du wüsstest, wie blöd du darin aussiehst!
Im Hausflur stank es wieder nach frischem Urin. Ich versuchte so wenig wie möglich zu atmen, während ich umständlich am Briefkasten herumdokterte, weil das Schloss von Anfang an eine Macke hatte. Als mir die Tür auf die Füße fiel, gab der Kasten endlich seinen Inhalt frei. Ein Brief zwischen bunter eingeschweißter Werbeparadiese mit Tausenden Supersonderangeboten, die niemand brauchte, aber beim Betrachten eventuell der Bedürfnisbeschaffung der handelnden Preiskünstler entgegenkam, wie diese vermaledeite Briefkastentür, die ich nun umständlich , aber erfolgreich wieder einklemmte. Ein zusammengedrehtes Stück Papier in die Ritze gefummelt sollte verhindern, dass sie gleich wieder der Erdanziehung gehorchte.
Meine Schuhe ließ ich immer vor der Wohnungstür stehen; die waren so abgerissen, dass sie nicht mehr geklaut wurden, und trotz aller Armut, die mich bis in meinen letzten Winkel fast verzweifeln ließ, wollte ich es einigermaßen sauber in meinen spärlich eingerichteten Wänden haben. Dreck gab es damals auf der Straße im Überfluss. Auf dem Weg nach oben konnte man den getrost vor der Tür lassen.
Den ersten Schritt zur neuen Normalität verdankte ich der Hilfe von Günter, meinem Sozialarbeiter. Der verfolgte mich damals wochenlang penetrant, denn er musste Erfolge vorzeigen, damit er seinen Job behielt. Ich ließ mich irgendwann breitschlagen, und seitdem hatte ich wieder eine Wohnung, war aber einsamer als je zuvor. Das war der hohe Preis, den so einer wie ich wohl bezahlen musste, aber wenigstens hatte ich ihm damals den Arbeitsplatz gerettet. Darauf war ich sehr stolz, bis er eines Tages zu mir kam und fragte, ob er ein paar Tage bei mir übernachten könne. Dann erzählte er mir von den Kürzungen im Sozialbereich. Seine Frau verließ ihn kurz darauf und zog mit den drei Kindern zu ihrem Neuen. Armer Kerl! Jetzt arbeitete er ehrenamtlich beim Obdachlosenverein, wo er auch ein Zimmer bewohnte. Sein eigentliches Ziel, ein Altenheim für obdachlose Rentner zu bauen, war wegen seiner finanziellen Schieflage erst mal auf Eis gelegt. Er hoffte nun, mit Hilfe des Vereins so etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Ich sah ihn noch manchmal, wenn ich mir dort etwas zu essen holte. Er war in kurzer Zeit verdammt gealtert, aber ungebrochen aktiv.
Der Brief! Ich hielt ihn noch immer in meinen Händen. Bestimmt wieder irgend so einer, der Geld von mir wollte! Ich schmiss ihn zunächst auf den zerkratzten Küchentisch und öffnete die Bierflasche Nummer eins an diesem Tag. War es die Sucht oder immer noch die Angst, die mir solche Briefe einjagten, was meine Hände überreagieren ließ? Die Angst schien mir seit langem überwunden!
Um Zeit zu schinden, wechselte ich die Batterien meines kleinen Weltempfängers und stellte auf Klassikradio, das Einzige, was mir ein wenig Kultur in dieser tristen Umgebung vermittelte. Allerdings machten die jetzt auch schon Werbung für Klatschzeitungen. Das störte mich etwas, doch heutzutage wollte jeder überleben, irgendwie. Mein Verständnis war grenzenlos.
Mein Blick fiel zurück auf diesen verfluchten Brief. Es half ja doch nichts, mal sehen, wer mir heute wieder drohen wollte. Zu verlieren hatte ich schon lange nichts mehr. Als Absender schrieb mir ein Notariat aus den USA. Aus den USA?
Halt - seit wann hatte ich in Amerika Schulden? Mein Herz stand fast still.
Plötzlich bekam ich es richtig mit der Angst zu tun. Amerika – Schulden – Amerika... meine Gedanken ließen sich nicht mehr ordnen. So lange ich nur hier in Deutschland Schulden hatte, konnte ich noch lernen einigermaßen damit umzugehen, aber A-M-E-R -I-K-A?
Ich setzte mich auf den einzig verbliebenen Hocker in meinem bescheidenen Zimmer. Die beiden klapprigen Stühle vom Trödel sorgten schon vor Wochen für ein wenig Wärme in dem kleinen Holzofen neben meiner Schlafmatratze, die unter einer filzigen Decke die Spielereien ihrer Vorbesitzer verbarg. So musste der Hocker meinen bescheidenen Ansprüchen genügen. Die vor Jahrzehnten tapezierten Wände begannen sich plötzlich vor meinen Augen zu drehen. Die herunterhängenden Fetzen begannen zu lachen und ihre verblassten Rosenmuster schienen mich erwürgen zu wollen. Ich musste... , und ging erst mal aufs Klo; das gab mir Zeit, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass dieser Brief geöffnet werden wollte. Die Ruhe auf der Schüssel währte zu kurz. Auch wenn ich noch so gründlich meinen Hintern putzte, jetzt war es soweit. Nun wartete der Brief!
Schade, in der Adresse hatten sie sich nicht geirrt. Hans-Peter Wischnutzky, Bayerische Straße (geht niemanden etwas an), Berlin, das war ich. Ich konnte ihn noch so oft drehen wie ich wollte, hier hatte mir ein Notariat aus Texas, USA, einen Brief geschrieben. Meine Finger zitterten immer noch, es war wahrscheinlich doch die Angst, während in meinen Ohren der kaugummiartige Dialekt texanischer Behördensprecher dröhnte... rwaurwaurwau...
Zaghaft fummelte ich meinen runzligen Zeigefinger in die festverklebte Lasche, die an einer Ecke eine kleine Öffnung entstehen ließ. Der Anfang war gemacht, da schellte es an meiner Wohnungstür. Ein tiefer Seufzer entfuhr meinem angespannten Körper. Schon klopfte jemand wie wild.
„Ja, ich komme doch schon!“
Behäbig erhob ich mich von meinem Hocker und schlurfte dem Störer entgegen.
Mein Finger klemmte immer noch in diesem Brief, als ich die Tür öffnete.
„Immer mit der Ruhe, was ist denn los?“
Das Clownsgesicht meines Nachbarn Josch grinste mir lustig entgegen. „Haste mal ein bisschen Milch, mein Kaffe ist so schwarz und der Scheck vom Amt seit ein paar Tagen überfällig. Kriegste auch wieder, wenn ich Geld habe“, und bemerkte mit einem Blick auf meine Hand, die mit dem Brief eins geworden schien: “Liebesbrief, was?“
Damit hatte er endgültig meinen letzten Nerv getroffen. Missmutig ob der Störung brummelte ich etwas wie: “Nee, aber frag mal Oma Lehmann im Ersten, die hat immer was gebunkert“, und schloss langsam die Tür. Verständnislos hörte ich, wie Josch unflätige Bemerkungen in den Raum warf und die Treppe runter in den Ersten stapfte. Dann saß ich schon wieder auf meinem Hocker und musste diesen Brief öffnen! Nichts würde mich mehr davon abhalten - aus - Ende!
Entnervt riss ich den Umschlag auf.
Er war auf Englisch geschrieben! Ich verstand kein Wort! Was? Gertrude Wischnutzky! Die hieß ja so wie ich! Gertrude? Gertrude? Ich konnte mich an keine Gertrude erinnern. War wohl ein Zufall. Aber meine Schulden bei ihr schienen umso immenser gewählt! Beim Lesen des Betrages, den sie wahrscheinlich von mir forderte, entglitt mir der Brief aus den Händen und ich fand mich zusammen gekauert unter der Wolldecke meiner Matratze wieder.
Mein gesamter Körper flatterte. Langsam kroch ich nach ersten Angstminuten in völliger Umnachtung wieder hervor. Meine zweite und letzte Flasche Bier aus dem Supermarkt sprudelte ihren bitteren Inhalt rauschend in meine Gurgel, als wolle sie mich ertränken. Ich hielt das nicht mehr aus!
Erneut klingelte es an der Tür. Ich schrie nur: „Lass mich in Ruhe, Josch!!!“ und hörte nicht mehr, wie mein Nachbar mit einem „Was’n mit dem los“ die Wohnungstür gegenüber hinter sich verrammelte. Ich wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Nur noch meine Ruhe, meine Decke, meine kleine warme fleckige Matratze. Irgendwer hatte mal gesagt, Masturbieren baut Stress ab, aber selbst dazu konnte ich mich nicht mehr überwinden.
Ich schloss einfach nur meine Augen und ließ mich forttragen von dieser beschissenen Oberwelt, die es auf mich abgesehen zu haben schien. Wilde Träume mit dunkelblau uniformierten Polizisten aus Texas/Amerika und heiße Verfolgungsjagden ließen mich nach wenigen Stunden schweißgebadet aufwachen.
Meine Unterlage war auch nass. Ich hatte eingepinkelt. Das war mir mit meinen 46 Jahren noch nie passiert, egal wie besoffen ich schon gewesen war. Das hatte was zu bedeuten! Aber eines wurde mir klar, als ich mit dem Seifenlappen meine Verunreinigungen umständlich in der kleinen Badezelle beseitigte: Ich musste der Sache mit dem Schuldenberg auf den Grund gehen, ich musste mich ihr stellen.
Was hatte ich denn zu verlieren, außer der täglichen Lebensangst. Doch selbst in Erinnerungen kramend kam ich auf keine vernünftige Erklärung, wie dieser Betrag entstanden sein konnte. Na gut, wenn man die Mittelsmänner und Zinsen mit berechnete, die alle selbst an meinen Schulden noch mitverdienen wollten, aber so viel? Und dann auch noch in englisch, wo ich doch schon das deutsche Bürokratengefasel kaum verstand! Manchmal half eben ein klein wenig Schlaf, um wieder normal denken zu können. Zumindest wusste ich, was ich jetzt tun musste.
Beim Hinausgehen riss ich den Fetzen Papier von der Wand, der mir seit Wochen ein Dorn im Auge war. Der Josch von Gegenüber hatte mir mal im Drogenrausch ein verschnörkeltes Feel free drauf gemalt. Ich hatte genug davon und knüllte es wütend zusammen, bevor ich es in meine Jackentasche schob.
Beim Obdachlosenverein traf ich Günter. Er tat sehr beschäftigt. Respektvoll nahm ich im Vereinscafé Platz, aber angesichts m einer erdrückenden Schuldenlast wagte ich es nicht, mir einen Kaffee zu bestellen und begnügte mich mit dem auf der Toilette heimlich aufgefüllten Glas Wasser. An meinem Tisch saß außer mir nur Arno, ein sehbehinderter Rentner, der wegen seiner Krankheit nicht einmal mehr die Obdachlosenzeitungen verkaufen konnte, weil sie ihm im letzten Jahr von einem durchgedrehten Junkie komplett geklaut worden waren.
Immer, wenn ich Arno sah, beneidete ich ihn heimlich, denn er sprach durch sein Aussehen das mitleidige Herz vieler Passanten an und war einer der meistverdienenden Bettler im Kiez. Dafür verzichtete er auf Stütze und hatte den ganzen Ärger mit den Beamten nicht, die einen oftmals mit ihren Vorschriften fast in den Wahnsinn trieben. Es soll sogar vorgekommen sein, dass ihm in der U-Bahn täglich zur gleichen Zeit eine junge Mutter einen Fünfer zusteckte, munkelte man. Mir hätte das schon gereicht!
Hinter der Theke winkte mir die dicke Maja zu: “Kannst zu Günter kommen, soll ich dir sagen! Er w artet im Büro auf dich.“
Dann drehte sie sich wieder um, schmiss ihren langen Zopf zurück und verschwand. Sie hatte es seit geraumer Zeit nicht verwunden, dass ich mit Gudrun im Bett gewesen war . Ich glaube, sie hatte sich wirklich in mich verliebt.
Aber das gehörte heute zur Nebensache. Günter hatte Zeit für mich, endlich, und mein Herz klopfte mir bis in den Hals vor Aufregung.
„Setz dich, H.P., ich muss dir gleich sagen, dass ich in wenigen Minuten einen Termin habe, aber für dich komme ich gern etwas später. Wie geht’s denn so?“
Der glaubte, ich wolle nur quatschen, dachte ich, und schob ihm den Brief mit zittrigen Händen über den Schreibtisch.
„Was ist das?“
Günter sah mich fragend an. Ich zog die Schultern bis unter die Ohren und schaute wohl ziemlich bekloppt drein.
“Weiß nicht, ist auf Englisch. Dachte, du könntest mir das übersetzen. Aber nimm Rücksicht auf meinen Zustand, versuche es mir vorsichtig beizubringen und dann könntest du gleich mal prüfen, ob ich jetzt in den Knast muss.“
Günter schaute mich verständnislos an, während er den Brief aus dem Umschlag zog und auffaltete. Doch plötzlich wechselte seine ohnehin graue Gesichtsfarbe in ein papiernes Weiß über.
„Acht Millionen“, stöhnte er kaum vernehmbar und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Ich senkte verloren den Kopf und flüsterte: “Ich weiß, kann ich den Knast irgendwie umgehen?“
„Acht Millionen“, Günter schien mich gar nicht wahrgenommen zu haben. Ich verstand das gut, denn mir ging es ähnlich, als ich die Summe zum ersten Mal las.
„Acht Millionen!“
Günter schien durchzudrehen.
„Mann Alter, das sind meine Schulden! Brauchst dir keine Sorgen zu machen. Die haben mich am Arsch, nicht dich!“
Ich stand auf und ging zum Fenster, das einen Blick zum vollgestopften Hof freigab. Gelbe, grüne und blaue Müllsäcke verschmolzen auf einem grauen Quadrat zu einer inniglichen Gemeinschaft verschiedenster Objekte, neidlos warteten sie auf den Abtransport zum gegebenen Zeitpunkt, um dann in letzter Umarmung auf irgendeiner Müllhalde unter der Planierraupe zu verschmelzen. Da spielte es keine Rolle, ob in einem der Müllsäcke Geld schlummerte oder Dreck von der Straße. Welch wunderbare Vorstellung von einer heilen Symbiose, auch wenn es sich nur um Abfall handelte.
Ein gellender Schrei, der meinem Namen noch im entferntesten ähnelte riss mich aus meiner Träumerei.
„Hoaaannns!!!!! Du Vollidiot!!!! Du Glücksschwein! Du hast A-C-H-T – M-I-L-L-I-O-N-E-N –D-O-L-L-A-R geerbt!!!“
Das brachte sogar den immer gleichmäßig gefassten Günter aus der Ruhe. Vor Aufregung kickte er seinen Stuhl in die Ecke des Büros und klebte an mir, hüpfend, schreiend, völlig durchgeknallt. Ich dagegen glaubte, den hatte es endgültig erwischt und brüllte um Hilfe.
Nacheinander stürzten Maja und Arno in das Büro. Noch immer völlig aufgelöst ließ Günter mich aus seiner Umarmung frei. Nach Luft ringend nahm ich seinen Stuhl aus der Ecke und setzte mich erst einmal.
„ Das war knapp“, stöhnte ich und sah, wie Günter wedelnd mit meinem vermaledeiten Brief durchs Zimmer hüpfte. Maja und Arno standen mit ungläubigen Blicken in der Tür.
„Alles klar, Günter?“, fragte Maja, „komm mal wieder runter, dachte schon hier wäre Mord- und Totschlag! Hab keine Zeit für solche Spielereien! Im Café ist die Hölle los“, drehte sich um und verließ wütend den Raum. Arno schlurfte in seiner typisch gebeugten Haltung unwillig hinter ihr her.
Als Günter sich etwas beruhigt hatte, schloss er die Tür und setzte sich vor mich auf den Besucherstuhl. Er schaute mir tief in die Augen; fast schon zu leise murmelte er schwach: “Junge, du hast von deiner Großtante aus Texas Amerika acht Millionen Dollar geerbt. Du bist der alleinige in Frage kommende Nachfolger und hast Anspruch auf die gesamte Summe, da kein Testament existiert. Warum hast du nie gesagt, dass du so eine r eiche Tante hast?“
Ich starrte ihn ungläubig an.
„Ich?“
„Ja, du“
„Acht Millionen?“
„Acht Millionen.“
„Warum?“
„Weil deine Großtante gestorben ist.“
„Welche Großtante?“
„Die aus Amerika!“
„Kenne ich nicht!“
„Ist egal.“
„Die irren sich.“
„Nein.“
„Acht Millionen!“
„Genauer: Acht Millionen Zweihundertsiebenundvierzigtausend Dreihundertfünfundzwanzig! Die Bearbeitungsgebühren und Steuern sind davon schon abgezogen.“
„Das ist ohne die Acht schon zu viel!“
„Ja, Alter, du bist raus!“
„Aus dem Schlamassel...“, ergänzte ich und verlor zunächst die Gewalt über meine Augen, dann über den Stuhl.
Wie ich ins Café auf das Sofa gelangte, daran kann ich mich nicht erinnern. Die Gäste hatte man hinauskomplimentiert und auf eine Stunde später vertröstet.
Ganze drei Augenpaare waren das Erste, was ich hinter dem verschwommenen Mantel meiner überstandenen Ohnmacht wahrnahm. Die dicke Maja glotzte mich mit ihren verheulten grünen Augen an und hielt meine Hand fest. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich entzog ihr genervt meine Hand und brabbelte, dass es mir gut ginge. Spätestens jetzt wurde ihr wohl bewusst, was ihr mit mir entging, dachte ich. Frauen waren doch alle gleich! Aber daran wollte ich jetzt keinen Gedanken verschwenden.
Wenn ich heute an diesen Tag zurückdachte, wird mir schon etwas eigenartig. Es war der Augenblick in meinem bis dahin verpfuschten Leben, der alles auf den Kopf stellte. Die Tage, die darauf folgten überforderten mich in einer Art und Weise, wie ich es mir nie vorgestellt hätte.
Zu Hause nahm ich als erstes den zerknüllten Zettel aus meiner Jackentasche und strich ihn sorgfältig glatt. Dann hing ich ihn wieder an seinen alten Platz. Feel free hatte für mich eine neue Bedeutung erhalten.
Günter half mir, wo er konnte. Er war eben ein echter Sozialfutzi, wie er im Buche stand. Statt mein Angebot anzunehmen, in meine Wohnung zu ziehen, bearbeitete er mich so lange, bis ich sie Arno überließ. Auch das Geld, das ich ihm heimlich in einem Umschlag zusteckte, soll er dem Verein gespendet haben.
Verstehen konnte ich es nicht, aber ich zollte ihm heimlich Respekt.
Josch begegnete mir ab diesem Tag völlig befremdlich. Er putzte meine Schuhe vor der Tür, obwohl ich ihm zu verstehen gab, dieses sei nicht mehr nötig, da ich mir demnächst neue kaufen könnte, stellte mir einige Male seinen Selbstgebrannten vor dieselbe und heulte bei meiner Abschiedsparty stundenlang in meinem Arm. So war Josch.
Abgesehen davon gab es viel zu tun, was sich nicht immer als einfach herausstellte. Nachdem ich anfangs erfolglos versucht hatte, ein Konto für die Millionen zu eröffnen, ging ich mit meinem neuen Anwalt Wolfgang Ponds, den ich eigens für diese Erbschaftsangelegenheiten eingestellt hatte, zu einer Bank, wo mir daraufhin zum ersten Mal ein Vorgeschmack auf Künftiges serviert wurde.
Wolfgang war 33, frisch von der Uni und in meiner naiven hilfreichen Art, dachte ich, es wäre für ihn eine Starthilfe, wenn ich ihn mit meinen Angelegenheiten betrauen würde. Er hatte sich schon mehrere Male beim Obdachlosenverband für ein Praktikum beworben, aber die hatten das Geld und die Zeit nicht dafür; mir reichte es zu einem ersten vertrauensvollen Gespräch. Es hatte sofort gefunkt zwischen uns; Wolf wurde mein bester Freund. Außerdem, dachte ich, wäre es nobel von mir, dem frischgebackenen Millionär, anderen eine Chance zu geben und ich konnte das endlich. Beim Betreten der Bank kümmerte sich sofort ein Wachmann um mich, indem er mich am Jackenärmel festhielt und fragte, was ich hier zu suchen hätte. Mein Anwalt schritt sofort ein und nachdem er dem Wachonkel ein paar Takte ins Ohr geflüstert hatte, verbeugte dieser sich sogar vor mir und bat überhöflich um Entschuldigung. Ich grinste. Vorm Schalter bat Wolfgang darum, dass ich mich im Hintergrund halte, damit mir so etwas nicht noch einmal passiert. Ich hätte schon Lust drauf gehabt, dieses Spielchen weiter auszukosten, aber der Blick des Schalterangestellten an ihm vorbei, der mich zunächst übersah, auf Nachfrage erneut durch den Raum schweifte, bis er mich schließlich traf und zu einer ungläubig grinsenden Fratze erstarrte, bescherte mir eine viel größere Befriedigung. Ich antwortete ihm mit einem „Buh“ und widmete mich ab sofort der weiblichen Angestellten mit meinen gierigen Männeraugen. Für ein paar Unterschriften wurde ich irgendwann doch noch dazu gerufen, aber für die Verhandlungen bezüglich der notwendigen Anlagen und Spekulationen an der Börse und solchem Kram, von dem ich sowieso nichts verstand, autorisierte ich gleich meinen neuen Freund Wolf. Der sagte, das mache man so, also machten wir das so. Dem Bankangestellten schien das ganz recht zu sein.
Auf dem Heimweg kehrte ich in meiner Kirche ein. Hier hatte ich immer die Ruhe gefunden, die mir im täglichen Leben so oft fehlte. Hier roch es nach Geschichte, nach vergangenen Generationen. Ich liebte es, die Steine zu berühren und mir vorzustellen, dass in den Jahrhunderten vor mir schon andere dasselbe getan hatten. Wir vereinigten uns in diesem Ritual wieder. Wenn man sich genau darauf konzentrierte, erahnte man manchmal die Gefühle derer, die ihre unauslöschlichen Wünsche und Gedanken, Hoffnungen und Träume an diesem Ort hinterlassen hatten. Das gab mir Kraft.
Die Pfarrersfrau hüpfte am Alter her um und positionierte liebevoll neue Deckchen und Blumensträuße, die sie niedlich mit Kerzen umrahmte. Ich setzte mich in die erste Reihe in stiller Andacht und Beobachtung weiblicher Dekorationsriten. Diese Atmosphäre erinnerte mich aber auch an die zahlreichen Stunden, die meine Gebete verhallen ließen.
Bald jedoch störte mich die geschäftige Dame, indem sie mich in ihrem typisch betriebsamen Ton bat: “Setzen sie sich bitte in die hinteren Reihen. Sie sehen doch, dass ich hier etwas zu tun habe.“ Und mit einem Blick auf die Flasche in meiner Hand: „Ich hoffe, dass sie nicht nur in Ruhe ihr Bier trinken wollen. Sie befinden sich an einem geheiligten Ort, an dem so etwas nichts zu suchen hat. Seien sie froh, dass ich sie nicht gleich hinauswerfe. Also, wenn ich bitten darf!“
Ohne Widerrede gehorchte ich demütig, aber in Andacht verfiel ich nicht mehr. Das hatte mir diese Dame gründlich verdorben. Statt einer Münze stellte ich beim Hinausgehen meine leere Bierflasche auf den Spendenkasten. Immerhin konnte sie diese im Supermarkt noch für einige Pfandmünzen eintauschen. Wahrscheinlicher war aber, dass sie diese wegwerfen würde, weil sie meine Geste nicht verstand. Ich stellte mir vor, wie diese mobhaarige Tuchträgerin mit einem alten Putzlappen den von mir angenuckelten Hals der Flasche in einer rohrspatzigen Schimpfkanonade er griff und fluchbeladen hinter den heiligen Hallen in einer schwarzen Tonne versenkte. Mir war das ab heute egal.
Als mein Geld endlich auf meinem goldenen Visakonto glänzte, ließ ich mir ein paar Tausender auszahlen und kleidete mich komplett neu ein. Auch ein Friseur durfte sich an meinen langen dunkelbraunen Haaren austoben und verpasste mir einen modernen Kurzhaarschnitt. So durchgestylt hätte ich endlich Stadtführer werden können, und was für einer! Aber ich war Millionär.
Die Zehntausend, die ich Josch schenkte, halfen ihm über seinen scheinbaren Verlust nicht hinweg. Ich musste versprechen, ihn regelmäßig zu besuchen, was ich dann tat. Zumindest nahm ich es mir ernsthaft vor. Oma Lehmann fiel aus allen Wolken, als ich mit ihrem Umschlag vor der Tür stand. Ich glaube, sie begriff gar nicht, worum es ging und schenkte mir im Gegenzug eine Packung Butterkekse und eine Tafel Vollmilchschokolade. Die liebe Oma Lehmann, ich würde sie wirklich vermissen. Aber als Millionär konnte ich mir ein schöneres Zuhause leisten. Mein Fernseher, den ich ihr hinterließ, weil ihr altes Gerät schon seit langem nur noch in schwarz-grünen Tönen, statt in Farbe lief, ließ dieses Gefühl auch nicht verschwinden.
Den Beginn meines reichen Lebens musste ich nun noch dem Sozialamt mittels einer Änderung meiner persönlichen Verhältnisse mitteilen. Ich kann nicht behaupten, dass mir trotz dieser erfreulichen Situation der Gang zum Sozialamt leichter fiel. Frau Knoch paffte gerade im Nebenzimmer wie üblich mit ihrer blauen Kaffeetasse in der Hand. Graue Nebelschwaden waberten durch den Türrahmen ihrer Mitarbeiterin, in dem sie wie von Zauberhand gerufen, im folgenden Moment erschien. „Moment bitte!“, keifte sie beim Anblick meines Kopfes, den ich vorsichtig durch die Tür schob, nachdem auf mehrmaliges Klopfen keine Reaktion erfolgte. Ernüchtert schloss ich ihre Tür wieder und setzte ich mich auf einen der kalten Stühle des Ganges. Ich würde ihr heute mal so richtig die Meinung geigen, nahm ich mir vor. So behandelt man keinen Menschen!
Gelangweilt schaute ich mich im langen ungepflegten Gang um. Das war gewiss keine Umgebung für Kinder, trotzdem waren viele Mütter mit ihren Kleinen zur Sprechzeit erschienen. Die Kinder brüllten, krochen über den Boden, schliefen oder knabberten in ihren Kissen krümelige Zwiebäcke. Einige machten sich an den abbröckelnden Wänden zu schaffen, andere pulten an festgetretenen Kaugummis am Boden herum. Ich wollte auch Kinder, jetzt und hier, sofort.
Geschäftig eilte die Mitarbeiterin des Nachbarzimmers meiner Frau Knoch über den Flur. Sie grüßte mich freundlich und bemerkte mein neues Outfit: „Guten Tag, Herr Wischnutzky, sie haben sich aber schick gemacht. Gefällt mir.“
Dankbar lächelnd wünschte ich ihr auch noch einen schönen Tag und dachte, schade, dass sie nicht meine Sachbearbeiterin war. Heute hätte ich sie gefragt, ob sie mich heiraten und mit mir Kinder haben möchte.
„Wischnutzky!!!“
Donnernd rollte mein Name über den Flur. Erschrocken sprang ich auf, als mich diese kräftige verrauchte Stimme aus meinen schönen Träumen riss. Die Knoch würde nie lernen, dass ich auch Gefühle hatte. Aber jetzt kam mein Auftritt.
Fast schon zu demütig betrat ich ihr Büro. Sofort begannen wieder meine Magenschmerzen, die ich nur hier und bei jedem Besuch verspürte. Es blieb keine Zeit, meinem Bauch die aktuelle Situation zu erklären. Es war zudem diese gelblichgraue Atmosphäre und das Vorhandensein dieser frustbeladenen Frau, die selbst mit klaren Argumenten nichts und niemanden vom Gegenteil überzeugen konnten.
„Setz dich. Was gibt’s?“
„Ich wollte mich abmelden.“
„Hä?!“
„Ich möchte mich abmelden!“
„Haste Arbeit?“
„Nein.“
„Wieso dann?“
„Ich habe geerbt.“
„Geerbt, meinst wohl, du hast jemanden überfallen!“
„So etwas tue ich nicht. Ich habe tatsächlich geerbt.“
„Wie lange dauert es dann, bis wir dich hier wiedersehen?“
„Ich komme nie wieder.“
„...wer es glaubt...“
„Ich glaube es.“
„Da erben die Leute ein paar Kröten und spielen hier die großen Macker! Es ist immer dasselbe. Ich kenne euch doch alle. Erst habt ihr Geld, dann versauft ihr es, ein paar Tage später steht ihr wieder auf der Matte und nervt mit eurem Katzenjammer. Verantwortungslose Bagage! Wie viel ist es denn?!“
„Muss ich ihnen das sagen?“
Langsam nahmen ihre Fragen Verhörcharakter an.
„Natürlich, was denkst du denn, was du hier noch für Rechte hast. Zuerst kommt mal deine Pflicht! Du bist hier nicht beim Wunschkonzert. Also?“
„Acht Millionen Dollar.“
Frau Knoch sah wutentbrannt von ihrem Notizzettel hoch und prustete ihren Schluck Kaffee in mein Gesicht. Ich dachte: ‚Den Kaffee hätte sie gern behalten können!’ und wischte mir das Gesicht mit dem Handrücken ab.
„Bist wohl vollkommen übergeschnappt! Ich habe keine Zeit, mir deine dummen Sprüche...“, da lag bereits mein aktueller Kontoauszug vor ihr auf der Schreibunterlage. Die Knoch starrte darauf und statt sich mit mir zu freuen, begann sie erneut zu keifen: „Warum sagst du das nicht gleich! Moment, ich muss von nebenan ein Formular holen, um alles ordnungsgemäß zu bearbeiten!“
Dann schien sie sich zu beruhigen, während sie den Kontoauszug prüfte. Er hätte ja gefälscht sein können! Sie hielt ihn sogar gegen das Licht, als müsse sie die Echtheit eines nicht vorhandenen Wasserzeichens prüfen. Den folgenden Satz hauchte sie beinahe verzweifelt durch ihre fast versagenden Stimmbänder: „Bleiben Sie bitte sitzen, ich bin gleich wieder da.“
Sie verließ schweratmend das Büro durch die Verbindungstür zum Nebenraum.
Ich stand vorsichtig auf und... spuckte ihr heute zum Abschied noch einmal in den Kaffee.
Das war jetzt mein Abschiedsgruß, dachte ich grinsend und setzte mich wieder auf meinen Stuhl. Dann schaute ich mich ein letztes Mal im Büro um. Die vergilbten Plakate mit ehemals wuscheligen Kätzchen hatten ihren Zweck seit Jahren erfüllt. Dazwischen klatschte ein ausgeschnittenes Zeitungsbild vom Gemälde eines bekannten Malers, Monet, glaube ich. Das Einzige, was ein wenig Freude spendete, war ein Blumentopf mit frischerblühten Narzissen auf der Fensterbank. Der Schreibtisch war ungeordnet und vermüllt . Dazwischen klebte die blaue Tasse mit meinem Spuckkaffee. Doch es wollte sich immer noch keine Genugtuung einstellen.
Irgendwie bemächtigte sich meiner sogar ein Anflug schlechten Gewissens. Ich bereute es bereits. Die Knoch war zwar herzlos, aber dennoch ein Mensch mit bestimmt einigen Problemen im Leben, sonst wäre sie nicht so verbittert. Was wusste ich schon von ihr? Nichts! Ich überlegte, ihr ein wenig Geld dazulassen, verwarf diese Idee jedoch sofort wieder. Das würde ihr hartes Herz auch nicht mehr erweichen. Außerdem war ich nicht für das gesamte menschliche Leid verantwortlich. Ich musste etwas anderes tun. Deshalb stand ich auf und goss ihren Kaffee in einem Schwung in den Plastiktopf eines halbvertrockneten Gummibaums. Das war das Mindeste, was ich in diesem Moment für sie tun konnte. Es schien mir auch genug.
Seit diesem Tag veränderte sich mein Leben radikal. Mein Appartement im ersten Hotel am Platz lag neben dem meines besten Freund es Wolf, das ich auf sein Anraten gleich mitgebucht hatte. So war er stets in meiner Nähe, um mich in die noble Welt der Reichen einzuführen. Es erwies sich als genialer Einfall, denn ich hatte anfangs große Schwierigkeiten, mich an die erforderlichen Etikette zu gewöhnen, die ein solches Leben mit sich brachten.
Wie ein Pretty Man lernte ich, das nötige Besteck für den richtigen Gang zu benutzen, Wein auszuwählen und was sonst noch alles dazugehörte, um mich im jetzigen Umfeld nicht ganz zu blamieren. Wolf erwies sich als Kenner des üppigen Lebens und schleifte mich durch die angesagtesten Discotheken, in denen ich zunehmend auch Damenbekanntschaften machte.
Das Leben war schön und ich genoss es in vollen Zügen. Wie viele Menschen ich jetzt kennen lernte: Künstler, Schriftsteller, Politiker, Bauunternehmer! Alle interessierten sich für mich, aber ich überließ es Wolf, Geschäfte zu machen So genoss ich die ersten Wochen und Monate wie in einem Traum.
Mit meinem Freund verlebte ich eine wundervolle Zeit, wir gingen essen, kleideten uns ein, besuchten Theater, Empfänge und Konzerte. Später ließ ich ihm den notwendigen Freiraum, den er brauchte, um mein Geld sicher anzulegen und zu vermehren. Ich lernte, dass es viel Arbeit kostete, so viel Geld zu verwalten. Völlig entnervt von den unzähligen Entscheidungen und dem dazugehörigen Bürokram bis hin zu Steuerfragen, überließ ich Wolf vertrauensvoll sämtliche Vollmachten. Er erledigte diese Sachen auch zu meiner vollsten Zufriedenheit. Anfangs schaute ich ihm noch über die Schulter, um vielleicht doch etwas zu lernen, aber ab dem Zeitpunkt, wo Babette in mein Leben trat, hatte Wolf freie Hand in allen Dingen. Ich war froh, diesen Freund gefunden zu haben.
Mit Babette reiste ich erstmals nach Holland, wo ich mir neue Zähne verpflanzen ließ, die alten waren durch meinen bisherigen Lebenswandel sehr in Mitleidenschaft gezogen worden; allein wenn ich mich daran zurückerinnerte, wie oft Bierflaschen mit ihrer Hilfe geöffnet worden waren, graust es mir heute noch.
Danach stand ich stundenlang vor dem Spiegel und bewunderte die kunstvolle Perfektion meines Zahnarztes. Meine Freundin fand mich richtig sexy. Sie liebte es, wenn ich Löwe spielte, indem ich sie mit gebleckten Zähnen durch unser Hotelzimmer jagte, um uns danach erschöpft auf dem Eisbärenfell vor dem marmornen Kamin ihren Spielchen hinzugeben.
Babette war einzigartig. Sie war 27, gelernte Friseurin, blondiert mit einer knackigen, ein wenig zu mageren Modelfigur, die makelfrei zu sein schien, außer der kleinen Blinddarmnarbe, die sie noch korrigieren lassen wollte. Es störte mich überhaupt nicht, dass sie beim Busen etwas nachgeholfen hatte und ihre Lippen zu prall gespritzt waren, was ihr das Reden etwas erschwerte. Daran gewöhnte ich mich schnell. Sie gefiel mir, wie sie war. Nachdem sie die letzten dreieinhalb Jahre als Gespielin eines reisenden Geschäftsmannes nur funktioniert hatte, konnte man kaum übersehen, wie froh sie war, mich getroffen zu haben. Bei mir, sagte sie, war alles anders. Sie hatte sich sofort in mich verliebt, nachdem Wolf sie mir auf dem Empfang eines ihm bekannten Börsenmaklers vorstellte. Ich wäre nicht so abgehoben, meinte sie, bei mir könne man ganz natürlich sein, nur das Biertrinken könne sie nicht leiden, ich hätte danach immer so einen billigen Mundgeruch. Ich ließ es von diesem Tag an sein.
Für Babette tat ich alles. Ich las ihr jeden Wunsch von den runden Lippen ab, kaufte ganze Blumenläden leer , und brach den Kontakt zu sämtlichen alten Bekannten ab. Über neue Freunde konnte ich mich ohnehin nicht beklagen, denn mit meiner Erbschaft galt ich bald als bunter Vogel der noblen Gesellschaft, den man kennen lernen wollte. Ich tanzte auf vielen Bällen, machte Urlaub in Monaco, war verliebt in meine Babsi und manchmal in eine andere, von der sie nichts wissen durfte, versuchte mich erfolglos als Maler, nahm eine Single auf und besuchte Talkshows als Promigast. Kurz, ich war endlich wer, ein viel beschäftigter Mann der Gesellschaft. Ich wurde beachtet, ich wurde bewundert. Etwas anderes nahm ich nicht mehr wahr.
Eines Tages konfrontierte die Presse meine Freundin mit einer angeblichen Geliebten. Babette war am Boden zerstört. Sie tobte, sie fluchte, sie schrie, sie flehte. Es hat mich viel Reden gekostet, sie wieder davon zu überzeugen, dass an dem Gerücht nichts dran war. Schließlich glaubte sie mir und wir liebten uns wild wie in den ersten Tagen vor meinem Kamin. Doch Babette wurde immer niedergeschlagener. Was ich auch tat, nichts war genug. Irgendwie schien sie es noch immer nicht verwunden zu haben, was sie durch die Zeitung über mich erfahren hatte, dachte ich, und ließ mich nicht mehr aus den Augen.
Eines Tages bat ich Wolf zu mir und fragte ihn um seinen Rat. Er meinte, ein Psychiater könne ihr sicher helfen.
„Du musst überlegen, was dir im Leben wichtig ist, H.P.“, Wolf rutschte auf dem Barhocker meiner kürzlich erneuerten Einrichtung herum, „ Babsi hält dich von deinen Plänen doch nur ab. Sieh dich um, Frauen kannst du überall haben, lass dein altes Denken sein. Du brauchst nicht mehr um etwas betteln. Du kannst dir alles kaufen. Die Weiber liegen reihenweise vor deinen Füßen. Sie wissen eben, was sie wollen, denn dein Geld erfüllt ihre heißesten Wünsche. Du könntest dir einen ganzen Harem halten, überlege es dir. Schieß Babsi ab, ihre Probleme sind nicht deine. Die weiß sich schon zu helfen, das hat sie immer gewusst.“
In einem Zug leerte er sein Sherryglas und stierte nach der Flasche.
„Bedien dich ruhig“, murmelte ich mit einer eindeutigen Kopfbewegung.
„Warum nimmst du dir nicht auch einen?“, grinste Wolf mit glasigen Augen in meine Richtung. Das war zuviel für meine Nerven.
„Ich möchte die Tage klar genießen, besoffen war ich oft genug im Leben. Was bist du überhaupt für ein Freund, mir so etwas vorzuschlagen, obwohl du weißt, dass ich dem Zeug abgeschworen habe, weil ich auf dem besten Weg war, Alkoholiker zu werden!“, wies ich ihn zurecht.
„War nicht so gemeint, H.P., ich wollte dich nur aufmuntern. Und was Babs betrifft, denk noch mal drüber nach. Ich glaube nicht, dass sie dein Bild in der Öffentlichkeit bereichert, im Gegenteil. Und wenn du sie gar nicht gehen lassen kannst, miete ihr eine Wohnung, wo du sie besuchen kannst, wann immer du es willst, aber entferne sie aus dieser Umgebung, sie tut uns nicht gut. Am Ende tut sie sich was an und dann wirst du sehen, wie sich die Presse wieder auf dich stürzt und versucht, dich fertig zu machen. In dieser Gesellschaft musst du auf dich aufpassen und dein Umfeld sorgfältig organisieren. Nur so lässt man dich in Ruhe!“
Wolf meinte es wirklich gut mit mir . Das wusste ich. Trotzdem hatte alles, was er mir sagte einen bitteren Beigeschmack, auf den ich nicht besonders erpicht war.
„Was ist mit meinen Bedürfnissen, mit meiner Vorstellung vom Leben und leben lassen?“, fragte ich unsicher.
„Schieb es dir sonst wohin. Lebe heimlich wie du es möchtest, aber halte dich in der Öffentlichkeit an die Regeln, die dir dieses Leben vorschreiben, sonst hast du verloren.“
„Soll ich mir eine Maske aufsetzen, damit keiner sieht, wie und wer ich wirklich bin?“
Entrüstet lief ich im Zimmer auf und ab.
„Dann kann ich mich gleich aus dem Fenster stürzen, wozu lebe ich dann, verflucht noch mal!“
Ich regte mich schrecklich über seine dummen Sprüche auf.
„Komm runter, alter Freund, so läuft es eben im Leben, entweder du ordnest dich dem Maskentheater unter oder aber du bist angreifbar, weil jeder deine sogenannten Schwachstellen kennt. Da musst du dich entscheiden!“
Wolf schien in seinem zynischen Gesichtsausdruck zu erstarren, während er den letzten Tropfen Sherry aus der Flasche nuckelte.
„Und das mit deiner Babsi ist nicht böse gemeint, ich rate dir nur als Freund. Und außerdem habe ich den Eindruck, dass sie dein Geld ohnehin mehr liebt, als dich. Lass dir das mal durch den Kopf gehen.“
Damit stand er auf und faselte so was wie: “Dann gehe ich mal. Bis Morgen“, und verschwand torkelnd aus meinem Zimmer.
Mein Dickkopf konnte ihm kein Recht geben, ich vertraute zwar seinen Fähigkeiten als Finanzmanager, aber nicht seiner Lebenseinstellung.
Deshalb suchte ich mir Rat bei anderen Bekannten, die mir erklärten, dass Depressionen eine Art Modeerscheinung unter den Reichen und Schönen seien und mit der Hilfe eines guten Psychiaters bald überstanden wären. Im Vertrauen darauf, startete ich erneut mit meinem ausschweifenden Leben. Babsi sollte nicht merken, dass ich mir Sorgen machte. Für sie sollte alles beim Alten bleiben.
Das Gespräch mit Wolf hatte ich bald vergessen. Ich sah ihn auch immer seltener. Er hatte durch mich Eingang in die noble Welt erhalten und blühte auf. Mir gefiel das. Ich war stolz , dass ich einem Menschen seinen Weg ebnen konnte. Babette war viel mit ihm unterwegs. Sie ließ mich wissen, dass sie sich jetzt für Steuerrecht interessierte und überlege, eine Fortbildung in dieser Richtung zu beginnen. Mit Wolf wolle sie die praktischen Dinge erlernen. Ich freute mich über ihr Engagement. Vielleicht half es ihr auch, die Depressionen zu überwinden, wenn sie eine Aufgabe hatte. Wolf schien uns dabei helfen zu wollen. Zufrieden zog ich mich etwas zurück und dankte ihm heimlich für sein Engagement.
Eines Abends erfuhr ich dann, welche praktischen Dinge meine schöne Blondine wirklich meinte. Bei einem Glas Rotwein und einem Buch meiner neuen Bibliothek saß ich ausnahmsweise abends allein in meinem Appartement und erfreute mich der seltenen Anwesenheit Wolfs, dessen Geräusche ich aus dem Nachbarzimmer durch die Wand vernahm. Er hatte eindeutig endlich mal eine Gespielin auf seinem Zimmer.
Zwischendurch hatte ich schon befürchtet, er wäre zu überarbeitet oder, was schlimmer gewesen wäre, schwul, obwohl ich dagegen eigentlich nichts einwenden würde, wenn er mich da raus gelassen hätte. Aber in den Kreisen, in denen wir verkehrten, galt es nicht unbedingt als förderlich. Die Presse hätte sich gleich auf uns gestürzt und wir wären in die Situation gekommen, uns vor aller Welt zu rechtfertigen, warum wir nichts miteinander hatten. So war es besser, dass er mir heute seine Heterosexualität bewies. Es ging ganz schön zur Sache dort nebenan. Zuerst schien er sie mit lautem Gebrüll durch die Zimmer zu jagen, dann polterte es und seine Schöne juchzte, oktavenverloren in lustvollem Schreien...
Plötzlich wurde mir schlecht.
Meine Gesichtszüge erstarrten zu pappigem Brei. Mein Puls raste, mein Magen würgte den rosaroten Hummer vom Abendessen durch den warmen Champagnerstrudel. Ich kannte diese Stimme!
Mit einem Ruck stand ich von meinem weinroten Samtsessel auf, legte mein Buch aufgeschlagen auf die Lehne und begab mich mit versteifenden Gliedern zum Appartement meines Freundes. Nicht allein meine Knie zitterten, nein, mein gesamter Körper bebte. Mit einem Schlag stieß ich seine Tür auf.
Was ich sah, war eindeutig. Zwei erschrockene Augenpaare starrten mir entgegen. Babette saß rittlings auf ihm, Wolf lag mit Seidentüchern gefesselt unter ihren weiblichen Rundungen. Es dauerte nicht lange, bis er schrie: „Bind mich los, verdammt noch mal, verflixtes Luder! H.P., es ist anders als es aussieht, dieses Flittchen hat mich im Schlaf überrascht. Ich habe damit nichts zu tun! Hilf mir doch!“
In stiller Verneinung senkte ich den Blick, drehte ich mich um, knallte die Tür mit einem filmreifen Schwung, der in einem lauten Knall mündete, zu und schlurfte gebrochen in meine vier Wände zurück. Von innen verschloss ich die Tür, der Vernunft gehorchend, denn heute Abend wollte ich niemanden mehr sehen. Es reichte.
Die folgenden Nachtstunden füllten sich mit unendlichen Grübeleien an deren Ende ich eine Entscheidung traf.
Als die aufgehende Aprilsonne in dünnen Fäden den flauschigen Flokati meines Schlafzimmers kitzelte, packte ich leise und bedächtig meine Koffer. Ich nahm nur das Nötigste mit. Den Rest brauchte ich nicht mehr. Sollten die Hotelangestellten sich darüber einigen. Ein letztes Mal legte ich meine Lieblingsplatte auf... Nessum dorma. Der Tenor kroch in jeden Winkel des Raumes, der Chor lief ihm flehend hinterher und am Ende schloss ich die Tür.
Ohne einen letzten Blick zurück verließ ich dieses gekünstelte Sündenbabel. An der Rezeption bat ich um eine letzte Abrechnung für unsere Appartements. Dort berichtete man mir, dass Wolf heute Nacht bereits alles bis auf den heutigen Tag erledigt hatte und mit einer Dame abgereist war. Natürlich wussten sie, dass es Babette gewesen war, die sich in seiner Begleitung befand. Aber die Höflichkeit der Stunde gebot es ihnen, mir dieses zu verschweigen.
Mitleidig fragte der Empfangschef nach meinem Wohlergehen, worauf ich artig antwortete, es wäre mir schon mal besser gegangen.
„Ihre Koffer liefern wir ihnen gern nach“, schlug er vor und streckte mir seine offene Hand entgegen. Ich legte ihm einen Geldschein hinein und bedankte mich.
So verließ ich den Ort meiner vergangenen durchgefeierten Monate, um mich endlich wichtigeren Dingen zu widmen, als bisher. Zwar wusste ich noch nicht, wie genau es weitergehen sollte, lediglich die goldene Bankkarte in meinem grünen Krokodillederportemonnaie beruhigte mich ein wenig. Ich lächelte verwundet.
Was wusste ich denn noch vom wirklichen Leben? Ich wollte es wieder zurück.
Und wenn mir in der vergangenen Nacht etwas klar geworden war, dann, dass ich alles falsch gemacht hatte und sich alles ändern musste.
Günter erkannte mich sofort wieder.
„Siehst gut aus, H.P.“, war das erste, was er scheinbar nur nebenbei bemerkte.
Er schien schwer beschäftigt, was sich bei näherem Zusehen jedoch als
Überspielen der reichlich peinlichen Situation erwies. Anstatt dass es mir peinlich war, machte er den Eindruck, als würde es an ihm liegen, dass ich mich so lange Zeit nicht gemeldet hatte. „Tut mir leid, ich bin ein Arschloch gewesen. Ich hatte versprochen, euch zu besuchen, aber da war so viel Neues, so viel, was ich nachholen wollte...“, stammelte ich ziemlich unbeholfen.
Günter schaute plötzlich hoch und tief in meine braunen Augen stierend fragte er: „Bist du geheilt? Hast du ein schönes Jahr gehabt? Hast du uns gleich vergessen oder erst später?“
„Ich habe euch gar nicht vergessen!“, versuchte ich mich aufbrausend zu rechtfertigen. „Ich habe viel erlebt, wenig Zeit gehabt; so ein Leben, wie ich jetzt führe, ist ganz schön anstrengend. Außerdem habe ich eine Freundin...“, ich stockte, „...gehabt“, fügte ich ziemlich unsicher hinzu.
Entschuldigend ersuchte ich um sein Verständnis für mein jetziges Leben. Unsicher schweiften meine Blicke durch das Café, das damals mein Zufluchtsort vor der bösen Welt da draußen gewesen war. Das Sofa, auf dem ich aus meiner Ohnmacht aufgewacht war, die Tische und ihre zusammengewürfelten Stühle, alles war unverändert. Es war nur noch niemand hier, Günter hatte wohl gerade erst geöffnet.
„Noch keiner da, was?“, versuchte ich erneut ein Gespräch mit ihm zu beginnen.
Doch er konzentrierte sich schon wieder auf das Polieren der Gläser. Ich muss die Atmosphäre auflockern, dachte ich und mit einem kumpelhaften Lächeln motzte ich: “Mann Alter, ich würde euch niemals vergessen, all die Sachen, die wir miteinander erlebt haben. Ich habe so oft daran gedacht!“
Das war zwar eine Notlüge, aber irgendwie wollte ich die verfahrene Kiste hier wieder auf eine erträgliche Ebene ziehen. „Ach, übrigens, kennst du den: Was ist ein Supermarkt?“
Breit grinste ich ihn an und hatte wohl gewonnen, denn er schaute von seiner Arbeit auf.
„Ein Supermarkt?“, Günter schien amüsiert, das Eis war gebrochen.
„Ein Supermarkt, Alter, das ist ein Ort, wo du dir noch vor einem Jahr Würstchen und Bier für dein ganz persönliches Oktoberfest zu Hause klauen musstest. Ohne den hättest du den heutigen Tag nicht erleben dürfen. Die Verkäuferinnen haben immer gewusst, dass du klaust, und nur, weil du nie mehr genommen hast, als du zum bescheidensten Überleben brauchtest, haben sie dich aus Mitleid gewähren lassen, du Idiot! Hast du in so kurzer Zeit vergessen, wo du herkommst? Es fällt dir ja verdammt leicht, deine Ideale über Bord zu schmeißen! Ich kenne dich nicht wieder!“
Wütend schmiss er sein Handtuch in die Ecke und verließ schnaubend das Café durch die Küche. Da stand ich nun, von aller Welt verlassen und spielte verlegen mit meinen Fingern. Günter hatte Recht. Ich hatte alles vergessen: wo ich herkam, wer ich war, was ich wollte. Eigentlich wusste ich gar nichts mehr von mir. Ich hatte mich schlichtweg selbst vergessen! Nachdenklich und ernüchtert war ich im Begriff, das Café zu verlassen, um über seine Worte nachzudenken, da rief mir Günter durch die Küchentür hinterher: “Zu deiner alten Wohnung brauchst du gar nicht zu gehen!“ Fragend schaute ich zurück. Da kam mein alter Freund schon auf mich zu.
„Damit du nicht allzu geschockt bist oder irgendwelchen Gerüchten glaubst, will ich dich vorwarnen. Dein ehemaliger Nachbar, der Josch hat sich den goldenen Schuss gesetzt, Geld hattest du ihm genug da gelassen! Er hat es nicht verwunden, dass du gegangen bist. Für ihn warst du mehr als nur ein Nachbar gewesen. Du hattest versprochen, ihn zu besuchen und er hat verdammt lange auf dich gewartet. Arno meinte, er wäre am Ende zutiefst vereinsamt und ging kaum noch vor die Tür. Oma Lehmann brachte ihm ab und zu etwas zum Essen. Mit Arno kam er nicht so gut zurecht, der war ihm zu ruhig! Außerdem wollte der nichts mit Drogen zu tun haben. Arno ist eben eine absolut ehrliche Haut, der klaut niemals und mit Alkohol hat er auch nichts am Hut.“
Das traf mich wie ein Schlag. Der Josch war tot, meinetwegen hatte er sich das Leben genommen? Mir wurde schlecht. Mein Magen rumorte und Tränen suchten in den Falten meines Gesichtes nach Halt. Tatsächlich, ich weinte.
„Aber ich habe ihn so oft angebrüllt! Wie konnte er das denn vermissen!“
Günter schüttelte den Kopf: „Na wenigstens hat ihn noch jemand angebrüllt, und selbst das hat er vermisst...“
„Und Oma Lehmann?“, schluchzte ich hoffnungslos.
„Die ist mit ihrer Schwester seit ein paar Monaten in Frankreich bei einem alten Freund aus ihrer Jugendzeit. Die hat auch was Sinnvolles mit deinem Geld unternommen.“
Daraufhin wendete er sich von mir ab und verschwand.
Gedankenverloren streifte ich kurz danach ziellos durch die Straßen. Dieses auch was Sinnvolles ging mir nicht aus dem Sinn. Ich fühlte mich schuldig, verlassen und verletzt. Was war denn Schlimmes daran, dass ich mein Leben genießen wollte, jetzt, wo ich es konnte? Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, konnte ich diesen Genuss momentan nicht definieren. Der hatte mich komplett verlassen. Ich wollte mich ausruhen, nach denken, allein sein. Ich brauchte einige Tage, bevor ich den Mut fasste, das zu tun, was jetzt notwendig war.
Ich durfte nicht in Selbstmitleid versinken, dazu hatte ich nicht das Recht. Wichtig erschien mir ein klärendes Gespräch mit meinem Freund, der zu Recht enttäuscht von mir war.
Nach einer Woche fasste ich mir ein Herz und besuchte ihn erneut. Wie erwartet hatte er schon längst mit mir gerechnet. Wie gut er mich kannte!
Wir redeten lange in seinem Büro. Dann gingen wir gemeinsam zu meiner Bank.
Beinahe zu spät, wie sich herausstellte, denn fast zwei Drittel meiner Erbschaft waren unauffindbar verschwunden, der Rest bereits auf dem Weg auf ein ausländisches Konto. Glücklicherweise konnte es noch aufgehalten wer den, so dass die Transaktion nicht zustande kam. Die Errichtung eines neuen Kontos verhinderte erneute derartige Versuche, mir den Rest meiner Erbschaft zu entziehen.
Günter meinte, es wäre besser, wenn ich mir die Mühe machte, mein Geld selbst zu verwalten, aber er würde mir auf jeden Fall beratend zur Seite stehen. Das sah ich ebenso. Wolf hatte mich betrogen, mir die Freundin ausgespannt und war verschwunden. Ich musste lernen, für mich selbst verantwortlich zu sein.
Nach Wochen der Planung begannen wir zudem mit der Verwirklichung von Günters altem Traum - ein Haus für sozial bedürftige Rentner. Ich wuchs teilweise sogar über mich hinaus, als es darum ging, den Alten ein würdiges Zuhause zu schaffen, in dem sie sich nicht nur als der abgeschobene überfällige Rest empfanden. Wir kauften ein altes Fabrikgebäude und mit der Hilfe obdachloser Handwerker, die wir im gesamten Stadtgebiet organisierten, werkelten wir monatelang an unserem Projekt. Über das Sozialamt recherchierten wir Bedürftige, die bei uns einziehen wollten, und als Oma Lehmann aus Frankreich zurückkam war sie derart von dieser Idee begeistert, dass sie sofort begann, Deckchen für die Tische im Aufenthaltsraum zu häkeln. Es war mehr als nur eine Geste, und ich fühlte mich bestätigt auf diesem Weg.
Günter wurde dabei wieder ein wirklicher Freund. Ich bewunderte ihn von Tag zu Tag mehr. Der hatte, was mir so lange Zeit gefehlt hatte: Unternehmungsgeist, Ideen und Wagemut. Zudem versuchte er sparsam mit unserem Budget umzugehen, obwohl ich ihn mehrmals darauf hinwies, dass es eigentlich nicht nötig war . Dann pflegte er mir zu antworten: „Einen Sinn in meinem Leben erkenne ich nur dann, wenn ich mich selbst wiedererkenne in dem, was ich mit eigenen Händen geschaffen habe. Das kann ich nirgends kaufen.“
Alles in allem war dieses Altenhaus ein wirklich wunderbares Projekt, das nach seiner Fertigstellung in Günters Verantwortung überging. Ich werde nie die strahlenden Augen all derer vergessen, die, als sie das Gebäude zum ersten Mal betraten, um sich ihre Zimmer selbst auszusuchen, trotz unendlicher Neugier, leise, fast festlich die Eingangshalle betraten und flüsternd die neuen Räumlichkeiten eroberten. Arno war einer der Ersten, die durch das blumenbekränzte Eingansportal schritten.
Mir entging auch Günters aufgeregtes, aber glückliches Lächeln nicht. Er hatte ein völlig neues Konzept des Zusammenwohnens durchgesetzt. Die Verantwortung für das Miteinander übernahm jeder Einzelne im Rahmen seiner körperlichen Verfassung. Hier half jeder jedem, hier hatte ein kleines Paradies seinen Platz. Wir nannten es heimlich Kommune II. Nach Beendigung der Bauarbeiten zog ich mich zurück, denn weitere, wichtige Projekte, warteten auf Verwirklichung.
Nach dem Vorfall im Hotel hatte ich nichts mehr von Wolf und Babette gehört.
Ein knappes Jahr war seitdem wieder vergangen. Der Winter lag in seinen letzten Zügen, Schneereste bedeckten nur noch wenige Flecken in den Parks. Auf den Straßen war nichts mehr davon zu erahnen. Der Verkehr bereitete sich auf den nahenden Frühling vor und Motorräder eroberten zunehmend mit hallendem Geknatter die Stadt. Die ersten Krokusse entfalteten ihre frischen Farben inmitten des strahlenden Weiß’ der letzten Schneeglöckchen. Forsythienknospen drohten zu zerspringen, und lugten sommergelb durch die Ritzen der sich spaltenden Knospen; jeder Tag wuchs unentwegt dem Neubeginn entgegen. Wärmende Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg in die Häuser, wo sie mit wollüstigen Freuden empfangen wurden und die Gemüter der Menschen aufschlossen.
Ein seltsames Gefühl nach weiblicher Nähe konnte auch ich nicht leugnen, aber die Arbeit an meinen Projekten hielt mich von der ernsthaften Suche nach einer Gefährtin ab. Günter meinte, wenn die Zeit reif wäre, würde sie von ganz allein auf mich zukommen. Ich dürfte dann allerdings nicht vorbeischauen. Daraufhin lachte er, klopfte mir auf die Schulter und lud mich zu einem Kaffee ein.
Als ich abends nach Hause kam, wurde ich bereits erwartet. Ein Polizeibeamter empfing mich an der Eingangstür. „Sind Sie der Herr Hans-Peter Wischnutzky?“
Erschrocken stammelte ich ein braves: „Ja“.
„Dann möchte ich Sie bitten, mit auf die Wache zu kommen. Haben Sie mal keine Angst, Sie haben nichts verbrochen. Wir bräuchten aber ihre Mithilfe in einem brisanten Fall.“
Mir fiel ein Felsbrocken vom Herzen. Oma Lehmann schlappte uns im Hausflur entgegen.
„Haben Sie ihn endlich erwischt?“
Ihre lustigen Augen verrieten, dass sie längst Bescheid wusste.
„Wird Zeit, dass das mal geklärt wird!“
Zärtlich tätschelte sie mir mit ihren runzligen Fingern die Hand.
„Ich bin so froh, dass Sie die beiden gefasst haben. Du hast es verdient, dein Geld wieder zu bekommen, mein Lieber.“
Jetzt wusste ich, was los war. Wolf und Babsi waren der Staatsmacht ins Netz gegangen.
„Geh nur, Bub, ich heb dir was zum Essen auf.“
Mit diesen Worten verließ sie mich und den staunenden Polizisten und schlurfte in ihre Wohnung zurück.
„Sie haben aber eine liebe Nachbarin. Na, dann kommen Sie mal, Herr Wischnutzky.“
Erwartungsvoll folgte ich ihm.
Meiner Bitte, allein mit den beiden Delinquenten sprechen zu dürfen, wurde mir nach der dreistündigen Aufnahme meiner Aussageprozedur gestattet. Der Beamte tippte jedes Wort von mir umständlich mit zwei Fingern in einen alten Computer. Das dauerte ewig lange. Aber am Ende durfte ich die zweiseitigen Ausführungen endlich gegenzeichnen.
Dann sah ich sie wieder!
Babette erkannte ich beinahe nicht. Sie hatte sich wieder liften lassen. Ihre Gesichtszüge ließen ihre Beseeltheit kaum noch erahnen. Sie glich eher einer einbalsamierten Leiche, als meiner ehemaligen Geliebten. Wo war nur ihre zarte Weichheit geblieben? Zudem sammelte sich schwarzbraune Schminke unter ihren verheulten Augen, um in kleinen Rinnsälen über den sonnenstudiogebräunten Wangen zu verlaufen, die wie süßer Senf in den Ecken ihrer Partywürstchenlippen mündeten. Ich dachte nur, hoffentlich redet sie nicht, und stellte mir vor, wie ihre Lippen platzten, nachdem die Wangen wie Bäuche nach der Schwangerschaft in roten Rissen erblühten. Bitte schweig! Tu mir das nicht an!
„Du musst uns helfen, Hans-Peter, bitte.“
Nuschelnd presste das Wesen diese paar Worte hervor; es flehte mich an! Ich verstand die Welt nicht mehr. Eine Entschuldigung hätte mir in dieser Situation zwar auch nicht besser getan, wäre zunächst allerdings angebrachter gewesen.
Wolf war da schon geschickter.
„Hans, es tut mir leid, ich weiß nicht, was mit mir los war, ich glaube die Aussicht auf so viel Geld hat mir die Augen verklebt. Du musst uns helfen. Du bist der Einzige, der uns hier rausholen kann. Bitte.“
Wolf begann nun auch noch zu heulen.
Das war zuviel für mich. Ich stand auf und ging zum Fenster. Die beiden saßen dort hinter dem Tisch wie zwei unglückliche Tröpfe, denen man ihr Spielzeug weggenommen hatte. Sie begriffen gar nicht, was sie getan hatten. Ich hatte kein Mitleid mit ihnen.
„Selbst wenn ich euch noch helfen könnte, ich würde es mir zehnmal überlegen.“
Ich setzte mich halbseitig auf die Fensterbank und schaute auf die Straße. Es war bereits dunkel. Eine Straßenbahn fuhr an der gegenüberliegenden Haltestelle gerade wieder los und nahm die puppenhaft wirkenden Fahrgäste mit sich. Ich drehte mich um und sah Wolf tief in die Augen. Er wich meinem Blick aus. Das sagte mir alles.
„Ich bin enttäuscht von dir, Wolf. Ich hatte dir vertraut. Es hätte alles so schön sein können, aber du hast den Hals nicht voll genug bekommen. Warum hast du dich so verändert ? Für Geld hast du unsere Freundschaft verraten. Du bist nicht besser, als alle die, die tagtäglich ihre Mitmenschen zur Schlachtbank treiben, um ungestört ihre eigenen Kühe zu melken. Ich bin glücklicherweise wieder aufgewacht. Dieses Leben, das du für uns ausgesucht hattest, ist nicht mein Leben. Meine Entscheidung für das, was ich jetzt tue, habe ich noch keinen Moment bereut.“
Wolf sah verlegen zu Boden.
„Hast du mir gar nichts dazu zu sagen? Behaupte bloß nicht, es würde dir Leid tun. Mich um meine Hilfe zu bitten, nachdem ihr euren eigenen Karren in den Dreck gefahren habt, das passt zu euch. Was habt ihr euch nur dabei gedacht, noch andere derart zu betrügen wie mich? Habt ihr euch schon gekannt und alles geplant, als du mich kennen lerntest, Wolf? War ich nur einer von vielen auf eurer Liste?“
Betroffen schaute Wolf zu Babette hinüber. Das erklärte mehr, als er hätte sagen können.
„Ich hab genug. Ihr müsst euch ab jetzt vor anderen verantworten. Da kann und will ich euch nicht helfen. Mit euch bin ich fertig. Ich verspreche euch, dass ich nie wieder einen Gedanken an euch verschwenden werde. Das war’s.“
Damit erhob ich mich vom Fenstersims und verließ den Raum. Babette jaulte mir ein : “Das kannst du mir nicht antun, H.P.!“ hinterher.
Kopfschüttelnd schloss ich die Tür und überließ sie ab jetzt ihrem selbstgewählten Schicksal. Der Polizist, der mich zu den beiden vernommen hatte, meinte, es gäbe möglicherweise keine Chance mehr, an mein verlorenes Vermögen zu kommen, da der Herr Ponds angab, alles an der Börse verspekuliert zu haben. Das war dann auch der Grund, warum die beiden sich ein neues Opfer gesucht hätten.
Ihr Pech war es, dass sich die Frau, auf die Wolf sich konzentrierte, eine verdeckte Ermittlerin der Polizei war, die den beiden seit geraumer Zeit auf der Spur war.
Einige Wochen später erfuhr ich über die Presse, dass beide für einen langen Zeitraum hinter Gitter mussten. Ich habe schon vergessen für wie lange, denn ich dachte nie wieder an sie.
Der Kriegsbunker, in den ich wieder eingezogen war, nachdem Arno in Günters Wohnprojekt übergesiedelt war, hat sich heute sehr verändert. Ich habe das Haus von der Wohnungsverwaltung gekauft und saniert. Oma Lehmann wohnt immer noch im ersten Stock, mietfrei selbstverständlich, wie ihre 82-jährige Schwester, die jetzt meine Nachbarin ist. Sie besuchen hin und wieder ihren französischen Jugendfreund. Wer von beiden vor einigen Jahrzehnten mehr in ihn verliebt war, vermag ich nicht einzuschätzen...
Meine kleine Wohnung reicht mir und mein alter Hocker steht als Erinnerung an vergangene Zeiten in einer Ecke des sparsam eingerichteten Zimmers. Im Erdgeschoss befindet sich mein Büro. Ich habe die Prüfungen zum Stadtführer bestanden und arbeite selbstständig in meinem Wunschberuf. Der Zettel mit dem Feel free vom Josch habe ich entsorgt. Er war Ausdruck seiner krankhaften Egozentrik mit einem Schuss Selbstaufgabe. Seinen Selbstmord konnte ich ihm verzeihen, nur nicht, dass er mich dafür verantwortlich machen wollte. Letztendlich ist er an seinen Drogen zugrunde gegangen, die ihm die Sicht auf die Realität verwischten.
Ich war sein Freund gewesen, aber nicht sein Eigentum.
Niemand gehörte niemandem. Soziale Bindungen sind auf freiwilliger Basis und man sollte diejenigen ziehen lassen, die das wollen. Man kann nicht immer andere für seine eigene Misere verantwortlich machen. Anderen zu helfen, wenn man die Möglichkeit dazu hat, das empfinde ich als meine gesellschaftliche Pflicht. Aufgeben muss ich mich dafür nicht. Mein eigenes Glück ist die Basis für ein wenig mehr Zufriedenheit anderer, die nicht so viel Glück haben wie ich. So sehe ich es heute. Ein wenig dazu beigetragen haben die unzähligen Gespräche mit Günter... und das, was ich in dem Jahr mit Wolf und Babette erlebte. Es ist nicht einfach, immer einen Mittelweg zu finden, aber das Leben ist die unendliche Suche nach dem persönlichen Mittelweg, eine kreative Gratwanderung, die viel Feingefühl und Sensibilität erfordert.
Gestern traf ich Maja auf der Straße. Sie schob ihr Fahrrad mit Einkaufstüten beladen an mir vorbei.
„Maja?“
Ich war mir nicht sicher, aber sie schien es zu sein.
Die Frau hielt inne und leuchtete mich mit ihren grünen Augen an.
„H.P.?????“
Verwundert blieb sie ungläubig stehen.
„Du hast dich aber verändert!“, staunte ich nicht schlecht. Maja war ein wenig schlanker geworden, aber ihre weiblichen Rundungen waren geblieben. Eingehüllt in ihrer warmen Aura, sendete allein ihre Anwesenheit Liebespfeile auf mich ab, die mich heute völlig unerwartet, aber heftig trafen. Ich wunderte mich über mich selbst. Lehnte ich früher weibliche Rundungen ab, weil ich dachte, solche Modelgerippe wären der wahre Schmuck für meinen eigenen schwachstelligen Körper, so klopfte mein Herz in diesem Moment übernormal heftig beim Anblick dieser ehemaligen Bekannten. Was war plötzlich los mit mir? Die Zeiten, in denen das Schönheitsideal in der Werbung suggerierte, makellos sein zu müssen, schienen für mich wohl auch endgültig vorbei zu sein. Dieser Vollkommenheitsanspruch war derart überreizt, dass ich ihn selbst darüber vergaß.
„Wie geht es dir? Günter meinte, du würdest jetzt in einem Kindergarten arbeiten. Gefällt es dir dort?“
„Ja, schon, aber der wird Ende des Jahres geschlossen, wegen fehlender Rentabilität, wurde uns gesagt. Ich glaube aber, es gibt ernsthafte Kaufinteressenten. So was erfreut eben immer die Stadtkasse. Aber sag mal, was verschlägt dich in die alte Heimat?“
„Ich wohne wieder hier.“
„???“
„In meiner alten Wohnung. Ich habe das Haus gekauft und versuche mich als Stadtführer, war immer mein Traum und geht auch ganz gut. Das gelangweilte Reichsein ist nicht mein Ding gewesen. Willst du mich mal besuchen kommen, dann können wir mal so richtig ausgiebig über alte Zeiten reden?“
„Mir wäre es lieber, wenn du zu mir kommen könntest. Ich wohne immer noch in der gleiche Wohnung wie damals. Ich pflege meine Oma bei mir zu Hause und kann nicht so oft fort. Wäre es dir übermorgen um 15 Uhr recht? Ich mache uns einen Kuchen, und Kaffee kannst du ja mitbringen. Einverstanden?“
„In Ordnung, Maja. Ich freue mich. Und ich hoffe, du hast mir wegen damals verziehen...“
Maja lächelte.
„Keine Angst, ich bin froh, erst einmal für mich, die Oma und meine drei Töchter da sein zu dürfen. Auf Beziehungssuche bin ich schon lange nicht mehr. Also dann, bis übermorgen.“
„Bis übermorgen!“, versprach ich und dachte: , Das wollen wir doch mal sehen, so schnell wirst du mich nicht wieder los. Jetzt werde ich um dich kämpfen. Wo hatte ich damals nur meine Augen?’
Günter schmunzelte diebisch, als ich ihm heute davon erzählte.
Ich gebärdete mich wohl auch wie ein Teenager, derart hatte mir Maja meinen alten Kopf verdreht. In der vergangenen Nacht träumte ich sogar von weiblichen Rundungen und warmen Händen, die mich in sich aufsogen, um mit mir zu verschmelzen. Ich war völlig durcheinander, aufgeregt und sehnsüchtig. Es war lange her, dass ich so viele Schmetterlinge auf einmal in meinem Bauch spürte.
Erstaunt stellte ich fest, dass ich in Maja eine wunderschöne Frau sah, ein wenig rundlich schon, aber sehr liebenswert mit ihren sprühenden grünen Augen. Ich spürte es förmlich warm werden, als ich neben ihr stand. Unser gestriges Treffen hatte mir den Verstand geraubt. Es lag mir schwer im Magen, dass sie meinte, sie wäre nicht mehr auf Beziehungssuche.
Günter verstand das, wie er alles verstand und versuchte es mir zu erklären.
„Stell dir doch mal eine Blüte vor, die sich bei Sonnenschein öffnet und in ihrer gesamten Pracht entfaltet“, erklärte er mir Majas Situation.
„Dann stell dir vor, es kommt jemand, der diese Blüte wegen ihrer Schönheit pflückt, an den Hut steckt und abends vertrocknet entsorgt. Wie oft, meinst du wohl, wird sich eine Blüte öffnen, auf die Gefahr hin, vernichtet zu werden?“
Das verstand ich nicht.
„Kommt drauf an, mal weniger, mal mehr. Aber Blüten sind zum Blühen da.“
Noch wusste ich nicht so recht, worauf Günter hinaus wollte.
„Gut, dann stell dir vor , du wärst diese Blüte. Wie oft würdest du es ausprobieren?“
Nachdenklich entgegnete ich: „Zwei-, dreimal, dann würde ich vorsichtiger werden, vielleicht erst einmal zurückhaltend durch die Ritzen lugen, ob jemand da ist, der mich nur bewundern oder einer, der mich köpfen will.“
Günter nickte zustimmend.
„Siehst du, das ist es, was ich meine. Hab Geduld, beweise, dass du sie bewundern möchtest, lass ihr Zeit, Vertrauen zu gewinnen und brich sie nicht. Ich kenne Maja schon sehr lange und weiß, dass sie nicht mehr bereit ist, sich in ein Abenteuer zu stürzen.“
„Das will ich auch nicht.“
„Dann beweise ihr, dass du es ehrlich meinst. Sie hat es nicht verdient, dass man sie nur benutzt. Ich weiß, du wirst am anderen Ende eine Frau vorfinden, die mehr ist, als du zu hoffen wagst. Dass sie bei uns im Obdachloseverband gejobbt hat, werten viele Leute als Versagen. Ich kenne ihre wirklichen Motive. Aber die Menschen haben nun mal ihre Raster. Wer da durchfällt, ist scheinbar weniger wert als andere. Ich denke, es ist eine wichtige Aufgabe, sich von dieser Denkweise zu befreien. Es gibt nicht immer und für alle eine Schublade, in die sie sich pressen lassen.“
Eben klingelte mein Telefon. Ob es bei morgen bliebe, wollte Maja wissen. Ich bejahte. Dann redeten wir noch ein wenig über belanglose Dinge. Vor Aufregung fiel mir nicht Besseres ein.
Morgen gehe ich zu ihr. Sie will mir ein paar Gedichte vorlesen, die sie geschrieben hat. Ich bin froh, dass sie mir nichts mehr nachträgt. Mir scheint, sie ist eine wirklich tiefsinnige und lebenskluge Frau. Vielleicht kann man da noch was machen mit dem Kindergarten. Kindererziehung ist immer rentabel! Schon überlege ich, das Haus zu kaufen und mit ihr gemeinsam ein neues Projekt zu starten, da stoppt mich Günter.
„Regel doch zuerst einmal euer kleines privates Glück. Es wird dir niemand verübeln, wenn du auch an dich denkst. Bis der Kindergarten geschlossen wird, hast du noch ein wenig Zeit. Sei selbst zufrieden und glücklich, dann wirst du merken, wie einfach es ist, anderen zu helfen.“
Da ich keinen Kaffee zu Hause habe gehe ich los, um welchen zu besorgen. Ich habe es mir wieder angewöhnt, im Supermarkt einzukaufen. Die Brünette an der Kasse mit ihren rehbraunen Augen staunte nicht schlecht, als sie mich das erste Mal wieder sah. Heute wundert sich niemand mehr darüber, dass ich auch bezahle.
„Heute nur Kaffee?“, freundlich lächelt sie mich an und ich bemerke ihre neue Haarspange, die sich wild durch ihr lockiges Haar wuselt.
„Heute nur Kaffee“, antworte ich mit einem Lächeln und denke schon wieder an Maja, deren Haare oft in einem dicken langen Zopf münden. Mir fällt ein, dass ich sie noch nie anders gesehen habe. Beim Hinausgehen helfe ich der alten Dame wieder auf, die am Ausgang über eine leere Bierflasche gestürzt war. Sie bedankt sich herzlich bei mir und brabbelt: „Schön, dass es noch solche Menschen gibt, wie sie.“
Mit spitzbübischem Augenzwinkern und einem kurzen Blick auf die
Kaffeepackung in meiner Hand flüstert sie hinzu: „Der Frühling hat schon so manchen glücklich gemacht. Viel Glück!“
Dann verschwindet sie ums Häusereck.
Eklis Abuk
Kontakt: eklisabuk@web.deNachwort der Autorin:
Über einen Bekannten lernte ich 2002 den Obdachlosenverein und das Café Bankrott im Rahmen einer Theateraufführung ("Jagdszenen in Niederbayern") kennen. Mich beeindruckten die vielzähligen Geschichten, die in dieser Umgebung kursierten, Geschichten aus dem Leben, die nirgends notiert einen Anspruch hatten, unbekannt vergessen zu werden. Das inspirierte mich, diesen Menschen ein (wenn auch kleines) Denkmal zu setzen, indem ich versuchte mit meinen erzählerischen Mitteln die Atmosphäre derer aufzufangen, die ein großer Schatz einer Gesellschaft sind, weil sie fernab von schädlicher Egozentrik dem wahren Leben noch näher sind, als diejenigen, die vor plagender Langeweile und Sättigungsgefühl Marsmissisonen planen, anstatt die Welt nebenan immer wieder neu zu entdecken. Vor allem berührte mich das Schicksal des weißhaarigen Mannes, der zu dieser Zeit im Keller des Trödelpoints in der Prenzlauer Allee hunderte Bilder malte, die seiner zumeist authistischen Welt entsprangen, Hans der Maler. Er war eine Zeitlang ein guter Freund meines damals zweijährigen Sohnes, welcher es mit seiner kindlichen Einfachheit vermochte, diesem Mann ein guter Freund zu sein. Auch die vielen Helfer und Helferinnen, die es den Schwächsten unserer anscheinend modernen Gesellschaft immerhin noch ermöglichen, sich als Menschen zu fühlen sei in diesem Zusammenhang gedacht. Sie alle inspirierten und inspirieren mich in meinen literarischen Unternehmungen. Danke.Weiterhin erschienen von mir ist ein moderner Schelmenroman "Gläserne Welt oder zwischen Nudelsuppe und Hängematte" im Selbstverlag, erhältlich über o.g. E-mail-Adresse, wie auch "Traumdeutung", die Geschichte einer 30-jährigen Singlefrau in Berlin, beim B&S Verlag Rostock, sowie "Salziger Wind", zwei romantische Begebenheiten auf Usedom, erscheint im März/April (ebenfalls auch über meine E-mail) . Momentan schreibe ich an einem Roman, der eine neue Weltsicht einer Dreizehnjährigen ("Land der Silberblicke") zum Inhalt hat, die sich in der zweidimensionalen Welt (der Medien) verirrt hat und nach dem Sinn ihres Lebens sucht... Soviel in eigener Sache. Nunmehr allerdings hoffe ich, mit meinem Geschreibsel ein wenig zu ihrem ganz persönlichen "Oktoberfest" daheim beitragen zu können. Ihre Eklis Abuk