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„Die große Menge wird mich nie begreifen, die Pfeifen.“

Die Leichtigkeit der Lyrik des Robert Gernhardt. Schreiben kann ja so einfach sein.

1937 im heutigen Tallinn geboren, dauerte es neun Jahre, bis er mit seiner Familie in Göttingen ankam, um dort den Rest seiner Kindheit sesshaft zu sein. 1956 Studium in Stuttgart und Berlin, ab 1964 lebte er als freiberuflicher Maler, Zeichner, Karikaturist und Schriftsteller, nicht ganz unproduktiv, in Frankfurt am Main. Er wurde Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“, die natürlich dringend eines Publikationsorgans bedurfte. Aus der Zeitschrift „Pardon“ wurde etwas später das Satiremagazin „Titanic“. Unabhängig davon entstanden seit Beginn der 80er Jahre mehrere Gedichtbände. „Wörtersee“ war der Erste (1981).*

Komm, erstes Wort

Komm, erstes Wort, / langersehntes, / Geschenk du der
Götter, die / den Dichter beschenken mit / herrlichen alten Weinen / wie dem von Castiglioncelli / und mit / herrlichen ersten Worten / wie / „Komm, erstes Wort.“

Bereits in den 60er und 70er Jahren entstanden die Nonsensverse, die er im Laufe der Jahre zu seiner einzigartigen Lyrik weiterentwickelte:
Die Basis sprach zum Überbau: / „Du bist ja heut schon wieder blau!“ / Da sprach der Überbau zur Basis: / „Was is?“

Zu seinen bekanntesten humoristischen Formen zählen die im Lauf der Jahre entstandenen Trinkerlieder:
Flascherl Wein, Flascherl Wein / wirst gar bald geleeret sein / denn ich brauche pro Gedicht / Grad ein Flascherl und mehr nicht.

Ein Uhr und noch nichts geschafft / Zwei Uhr und noch nichts gerafft / Drei Uhr und noch nichts gemacht / Vier Uhr und noch nichts gedacht / Fünf Uhr und noch nichts getan – / Und um sechs fängt doch schon das Trinken an!

Viele weitere Textformen fügen sich an, darunter auch die Rätselgedichte:
„Da ist ein Baum, / ist immer grün, / wächst nicht in der Savanne. / Wächst da, wo Deutschlands Blumen blühn, / und winters auf ihm Kerzen glühn – wie heißt der Baum?“ /
„Marianne?“


Im Jahr 2004 entstanden seine 10 Thesen zum komischen Gedicht**:

I. Es gibt ernste und komische Gedichte.
 II. Das komische Gedicht zielt auf das Lachen ab.
(Die Scheidung der Gedichte in solche, die von den Leiden und Freuden des einsamen Ich handeln, und solche, die es auf ein zuhörendes Du, wenn nicht sogar mitmachendes Wir abgesehen haben. Da es sich am besten in Gesellschaft lacht, ist unschwer zu erraten, welchem Strang das komische Gedicht angehört.)
III. Das komische Gedicht erschöpft sich nicht im Lachen. (Anders als der Witz, der schnurstracks auf eine Pointe zumarschiert, deren Wirkung sich in einmaligem Gelächter entlädt, ist beim komischen Gedicht bereits der Weg das Ziel.)
IV. Das komische Gedicht braucht die Regel.
V. Das komische Gedicht bedarf der Inspiration.
VI. Es gibt komische Gedichte, aber keine komischen Dichter.
VII. Das komische Gedicht ist zeitverfallen.
VIII. Das komische Gedicht ist haltbar.
(Die meisten Verfasser komischer Gedichte waren und sind ernsthaft darum bemüht, lachend die Wahrheit zu sagen. „Weil, so schließt er messerscharf, / nicht sein kann, was nicht sein darf“.)
IX. Das komische Gedicht ist der Königsweg zum Lachen. (Obwohl der Mensch gerne lacht, fällt es ihm, auf sich gestellt, schwer, zum Lachen zu finden. Also muß er zum Lachen gebracht werden, und dabei haben sich kurze Mitteilungsformen als besonders effektive Transportmittel erwiesen: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“)
X. Das komische Gedicht markiert einen deutschen Sonderweg zur Hochkomik.
(Jeder Generation des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts erwuchs hierzulande ein Dichter, dessen komische Kraft ihn dazu drängte, die sich ständig erneuernden Anlässe zum Belachen und Verlachen aus neuen Blickwinkeln zu erfassen und mit neuen Redeweisen festzuhalten.)

Beispielgebend für diesen deutschen Sonderweg sind die Dichter-Dorlamm-Gedichte. In „Dorlamm meint“ liest sich dieser Blickwinkel so:
Dichter Dorlamm läßt nur äußerst selten / andre Meinungen als seine gelten. / Meinung, sagt er, kommt nun mal von mein, / deine Meinung kann nicht meine sein. / Meine Meinung - ja, das läßt sich hören! / Deine Deinung könnte da nur stören. / Und ihr andern schweigt! Du meine Güte! / Eure Eurung steckt euch an die Hüte! / Laßt uns schweigen, Freunde! Senkt das Banner! / Dorlamm irrt. Doch formulieren kann er.
Dinah

* Robert Gernhardt: Wörtersee. S. Fischer. 8,95 Euro.
** Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2004, Nr. 36 / Seite 33
(stark gekürzt, Anm. d. Autorin)


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