Die Motivation zum Schreiben liegt bei jedem anders. Zuerst ist da die Notwendigkeit, etwas festzuhalten oder eine Distanz zu überwinden. Schreiben kann aber auch Distanz schaffen, kann zum Ventil für inneren Druck werden, kann eine Stellungnahme bedeuten, eine Flucht oder einen Aufschrei. Als Kommunikationsmittel dient es besonders da, wo wir die direkte Begegnung fürchten oder an ihr gehindert sind. „Wenn man einander schreibt, ist man wie durch ein Seil verbunden, hört man dann auf, ist das Seil zerrissen“ (Franz Kafka). Kafka fühlt sich verloren und befremdet angesichts undurchschaubarer Abhängigkeiten. Dafür erfindet er treffende Bilder wie „Die Verwandlung“ oder „Das Urteil“. Im Schreiben findet er zu sich selbst zurück.
Der Schriftsteller Sartrewächst in einer Welt auf, in der die Wörter gewogen werden. Früh beginnt er zu schreiben, um sich selbst ein Gewicht zu verleihen: „Der Lügner fand seine Wahrheiten im Erarbeiten seiner Lügen. Durch Schreiben wurde ich geboren.“ Später durchforscht Sartre im „Idiot der Familie“ in fünf dicken Bänden detailliert die Lebensumstände von Gustave Flaubert (Autor von „Madame Bovary“) und kommt zum Schluss, dieser lebe über das Schreiben, nachdem er sich immer grimmiger in seine Gehemmtheit eingeschlossen habe. Im Abseits einer Gesellschaft, die ihn nicht anerkennt, kommt es Flaubert darauf an, zu schildern, was ihn erbittert. Er rettet sich aus der Lächerlichkeit, indem er Züge der bürgerlichen Gesellschaft entblößt und seziert.
Rainer Maria Rilke glaubt, ein Kunstwerk würde erst gut, wenn es einer inneren Notwendigkeit folge. Im äußeren Leben ziemlich hilflos, wendet sich der Dichter nach innen, wo er Räume aufspürt, die noch nie benannt worden sind. Den Druck der Welt wehrt er ab, indem er unter die Oberfläche ihrer Erscheinungen taucht. Während die gesprochene Sprache ihn einengt und ihm den Blick verstellt, entscheidet sich Rilke für die Schrift: „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort. Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, sie wissen alles, was wird und war; kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott. Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. Die Dinge singen hör ich so gern. Ihr rührt sie an: Sie sind starr und stumm. Ihr bringt mir alle die Dinge um.“
Hauptberufliche Schriftstellerschreiben aus tief in ihrem Wesen verankerten Gründen. Für Saint-Exupéry (Autor des „kleinen Prinzen“) gehörten seine Werke und die Einsamkeit des Fliegens zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille. Heinrich Böll hat sich als Autor dagegen „nie als einen Einzelnen empfunden, sondern … gebunden an Zeit und Zeitgenossenschaft, an das von einer Generation Erlebte, Erfahrene, Gesehene und Gehörte.“ Er behauptet sogar: „Kunst ist eine der wenigen Möglichkeiten, Leben zu haben und Leben zu halten … Freilich gibt es Menschen, die ihr Leben routiniert leben; nur: Sie leben nicht mehr. Es gibt Künstler, Meister, die zu bloßen Routiniers geworden sind … Man hört nicht dadurch, dass man etwas Schlechtes macht, auf, ein Künstler zu sein, sondern in dem Augenblick, in dem man anfängt, alle Risiken zu scheuen.“ Der US-amerikanische Dichter Stanley Kunitz (1905-2006) beschreibt das Nicht-Schreiben als Methode, eigene Ideen und Entwicklungen offen zu lassen und nicht an die gestrenge Wirklichkeit der geschriebenen Sprache zu vergeben.
Ein Autor ist jeder, der einen Brief aufsetzt, Beschwerden und Erklärungen zu Papier bringt, einen Bericht oder eine Bewerbung formuliert. Dabei legen wir unsere Wörter einem Muster entsprechend zurecht, um Vorstellungen anderer zuvorzukommen oder ihren Erwartungen zu entsprechen. („Mit großem Interesse habe ich gelesen, dass Sie einen erfahrenen und engagierten Mitarbeiter suchen“). Die meisten unserer Botschaften verraten mehr von gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Vorbildern oder dem Status, dem wir anhängen, als von uns selbst. Damit ein Stil für uns spricht, bemühen wir uns von Zeit zu Zeit, besondere Wörter auftreten zu lassen – oder wir wagen uns, Wörter auf eine neue Art zu verbinden. Damit werden wir zu Künstlern, die ihren Zwiespalt, einen persönlichen Blickwinkel oder eine eigene Vision aus sich heraus in die Welt tragen, ohne selbst aus der Deckung zu gehen – und wir werden uns bewusster.
Baga Gam