Ich mache mich auf den Weg in den Prenzlauer Berg. Hier, in einem Wohnviertel mit Straßenbahn vor der Tür und Spielplatz vis-à-vis, treffe ich mich heute mit Andreas Krenzke, besser bekannt als „Spider“. Spider ist Schriftsteller und Vorleser. Das heißt, er liest seine Kurzgeschichten regelmäßig auf der Bühne vor. Ein hochgewachsener freundlich-zurückhaltender junger Mann mit Brille öffnet mir nach wiederholtem Klingeln die Tür. „Die Klingel funktioniert nicht immer.“ Zwischen herumliegendem Spielzeug setzen wir uns ins Wohnzimmer gleich neben das Aquarium, der Kaffee ist frisch aufgebrüht. So wohnt also so’n Poet, denke ich.
Spider lebt hiermit Freundin und zwei Kindern. Ich will wissen, ob er von seiner Schreibe leben kann. „Ich kann überleben. Ich freu mich, ich muss nich jeden Pfennig zweimal umdrehen. Ick kann meinen Kindern 'n Eis kofen, wennse 'n Eis wollen, und ich kann mir selbst auch 'n Eis kofen, wenn ich 'n Eis kofen will.“, sagt er, sympathisch berlinernd. In (Ost-)Berlin ist er auch geboren worden, „von meiner Mutter“. Vor neununddreißig Jahren. Das Geld kommt von Veranstaltungen, für die er als Vorleser gebucht wird, oft in der Kabarett-Comedy-Szene, in die er „so reingerutscht“ ist, in sogenannten Mixshows „zwischen Schwertschlucker und 'ner Zauberin eine lustige Geschichte vorlesen.“
Engagements im Quatsch-Comedy-Club, Auswärtsauftritte, Radio und Fernsehen sichern Miete und Überleben. Und das seit gut sechs Jahren ausschließlich. Viel macht er mit seinem Kollegen Jochen Falck, einem Jongleur. Die Auftritte verschafft ihm eine Agentur, „Ick bin ’n sehr fauler Typ und denn isses schon immer gut, wenn man jemanden hat, der sich kümmert und dafür eben 'ne Provision bekommt.“ Ein Steckenpferd sind für ihn die allwöchentlichen Treffen mit Kollegen auf der Lesebühne. Vor über zwölf Jahren gründete er mit anderen Schreibern eine solche – die „Surfpoeten“ – inspiriert von der Reformbühne Heim und Welt im Kaffee Burger, „Dit is cool, dit wollnwa auch machen.“
Heute ist er immer nochjeden Dienstag auf der „LSD“-Bühne im Schokoladen, lesen, Bier trinken, Freunde treffen.* „Wir lachen über Sachen, die eigentlich zum Heulen sind“, hat Michael Stein, ein verstorbener Kollege, mal gesagt. „Das ist unsere Taktik“, fügt Spider hinzu, „mir ist 'ne Punkband, wo alle rumspringen und Pogo tanzen, lieber als 'ne Liedermacherin, wo alle weinen sollen.“ Wir reden über Schreibblockaden, die Spider als Motivationsblockaden bezeichnen würde. „Ich glaube, da haben wir alle 'nen Hang zu. Das ist wie drei Wochen seine Wohnung nicht aufzuräumen, das ist auch ’ne Motivationsblockade.“ Jeden Dienstag, nachdem er die Kinder in den Kindergarten gebracht hat, setzt er sich hin und versucht zwei Geschichten zu schreiben, von der dann meist die Zweite die Bessere ist. Nicht alles ist gut, aber besser, man schreibt etwas Schlechtes als gar nichts. Eine Theorie besagt, dass man alle hunderttausend Wörter einen Qualitätssprung mache, wie bei Sportlern.
Beeindruckt ist er von Kollegen, die eben jene Regelmäßigkeit durchziehen, Woche für Woche zwei neue Texte parat zu haben. Ahne oder Ulli Hahnemann etwa, mussten sich noch nie wiederholen. Oder Wladimir Kaminer, der einem aufzeigt, „wie einfach man das machen kann.“ Inspirationen kommen ihm oft beim Fahrradfahren oder wenn er etwas richtig Absurdes in der Zeitung liest. „Oh, wie muss 'n dit im Kopp von so ’nem Menschen aussehen, der so'n bekloppten Leserbrief schreibt?“ Nachhaltig beeindruckt hat Spider, der zugibt, nicht besonders belesen zu sein, Jaroslav Ha¨ek, bekannt geworden durch seinen „Der brave Soldat Schwejk“. „Der hat in der Kneipe Geschichten gegen Schnaps getauscht und ist mit vierzig gestorben. Eintausendvierhundert Kurzgeschichten sind von ihm überliefert. Die meisten sind komisch. Der war 'n ziemlicher Anarchist, hat alles durch den Dreck gezogen, immer Ärger gehabt, hat sich mit allen angelegt, Schule, Armee, Arbeit, Parteien, hat alle Autoritäten angekackt, hat mir damals gezeigt, dass man die Schule hassen darf, dass man Angst haben darf vor der Armee.“
Die anarchistische Aderhat Spider mit seinem berühmten Kollegen gemein. Vor fünf Jahren rief er zusammen mit Tube, einem weiteren Protagonisten der hiesigen Lesebühnenszene, den „Internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen“ ins Leben. Seitdem zieht man jeden 2. Mai mit mal mehr, mal weniger Sympathisanten durch den Prenzlauer Berg und fordert mit Parolen wie „Wir haben Zeit!“ die Abschaffung des Zwangs zur Lohnarbeit. Die offensichtlich spaßige Natur dieser Veranstaltung birgt doch ein tief greifendes Verständnis für die Zusammenhänge unserer Gesellschaft. „Wenn sich da einer hinstellt und sagt, er will Bundeskanzler sein, dann muss er mir erstmal sagen, wie der das anstellen will, die „Vollbeschäftigung“, und was er bis dahin für die Millionen von Arbeitslosen machen will! Aber immer nur versprechen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, und dann nur die Arbeitslosen zu bekämpfen und zu schikanieren, das ist nicht die Lösung.“
„Auffällig ist, dass dieJobCenter bei total Vielen der Meinung sind, dass die Wahl des Zielberufs zweifelhaft ist. Deswegen sagen wir ja auch, es wäre besser, es gäbe gar keinen Zwang zur Lohnarbeit. Manche wollen gar nicht Postbote sein oder können nicht, und beide werden stigmatisiert und man versucht, sie gegeneinander auszuspielen. – Wir meinen ja nicht die, die sich um Arbeit bemühen, wir meinen die, die sich nur ausruhen wollen. Als ob jemand was von dieser Trennung hätte, das ist ja der Skandal!“ „Die kleenen Krauter, die immer damit rechnen müssen, arbeitslos zu werden, die sind am meisten am Hetzen. Arbeitslosigkeit ist die größte Schande. Wir denken: Wenn man keine Angst zu haben braucht, arbeitslos zu sein, und ohne Schikane ausreichend Geld bekommen würde, und wenn man gesellschaftlich nicht so unter Druck gesetzt würde, dann könnten sich die Arbeiter viel mehr rausnehmen bei der Auswahl ihrer Arbeitsbedingungen und bei den Lohnforderungen. – Und die, die eine neue Gesellschaftsordnung wollen, Kommunisten, Sozialisten, was ist denn dann? Dann gibt es immer noch den Zwang zur Lohnarbeit. In der DDR wollten se doch auch, dass se alle in die Fabrik latschen.“
Einige bizarre Erfahrungen machte Spider mit dem Arbeitsamt, „als damals die Kinder kamen“ und die Jungfamilie kurzzeitig auf Zahlungen angewiesen war. Er kann sich gut vorstellen, dass es deprimierend sein muss, auf Hartz IV angewiesen zu sein. Er erzählt von einem Kollegen, der keine zwanzig Bewerbungen mehr schreiben wollte. Er wollte sich um seine Familie kümmern wollte, weil dort Krankheiten aufgetreten waren. Dem haben sie dann das Geld um zwanzig Prozent gekürzt. „Wenn Leuten, die in Not sind, auch noch das Geld zusammengestrichen wird, das ist doch Scheiße!“ „Deswegen bin ich natürlich froh, dass ich momentan diese Scheiße nich mitmachen muss und vom Schreiben und Lesen lebe!“
Lutz* LSD = Liebe statt Drogenhttp://www.andreaskrenzke.de
Geschichtenbände: „Imbiss wie damals“ und „Im Arbeitslosenpark“, erschienen im Verlag Voland & Quist.http://www.geissel-der-menschheit.de