Die Kunst des schönen Schreibens, die Kalligraphie, nimmt in der islamischen Kunst einen herausragenden Platz ein. Sie umfasst einen über 1000jährigen Schaffens- und Erfahrungsschatz.
Dass die Kalligraphie so eine bedeutende Rolle in der Kunst des Nahen und Mittleren Ostens spielt, wird von manchen Interpreten auf das Bilderverbot des Koran zurückgeführt. Dieses Verbot erstreckt sich aber ausschließlich auf Götzenbilder. Es gibt gerade in der persischen und indischen islamischen Kunst hervorragende Beispiele figürlicher Darstellungen von Menschen und Tieren, Engeln und Geistern, die das Bilderverbot in der islamischen Kunst in Frage stellen. Vielleicht sollte man überhaupt nicht von einer islamischen Kunst sprechen, denn der Koran und andere theologische Schriften des Islam geben kaum einen Hinweis auf das Wesen und die Gestaltungsprinzipien von Kunstwerken. Islamische Kunst ist ein Begriff, den die europäische Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts geprägt hat.
Das künstlerische Schaffen der arabischen Kalligraphen wurde angeregt von dem Bedürfnis, etwas zu verschönern und zu schmücken, das allgegenwärtig war und das wegen seiner Bedeutung vor allem anderen verdiente, durch Schönheit und Schmuck ausgezeichnet zu werden. Der Text des Koran, von Allah dem Propheten mit seinen Worten gegeben, entzog sich jeder Gestaltung und Veränderung durch den Gläubigen. Was konnte es da Edleres geben, als dieses göttliche Wort in einer besonders schönen Form zu tradieren. Die Schrift verlangte nach Verschönerung und Ausschmückung, Verzierung und Verfeinerung. Die Worte und deren Bedeutung waren quasi das Brot der heiligen Schriften, die schöne Schrift war der Duft dieser Gabe Allahs. Und dieser Duft konnte allen Gegenständen beigegeben werden, die Worte des Korans trugen: großen Gebäuden ebenso wie Dingen des Alltags, Teppichen ebenso wie Kleidungsstücken.
In der Verbindung von Schrift und Gegenstand begegnen sich Schrift und Ornament, das zweite typische Element arabischen Kunstschaffens. Da, wo sie nebeneinander zu finden sind, steht die Schrift für den absoluten Anspruch des Wortes, das Ornament in seiner Unendlichkeit der Wiederholung für das unbegrenzte und reine Versprechen der Religion. Da Schrift und Ornament nicht so beliebig verwandelt werden können wie Abbildungen von Menschen oder Tieren oder Landschaften. Kalligraphische Ausstellungen wirken deshalb für den europäischen Betrachter zuerst einmal langweilig wegen ihrer ewigen Wiederkehr des Gleichen, zumal die europäischen Betrachter meist den Inhalt der Texte nicht verstehen.
Für den islamischen Betrachter hingegen sind die in kalligraphische Form gefassten Texte vertraut, er erkennt sie wieder und wird von ihrer für sein Auge neuen Form bezaubert und zu künstlerischem Erleben inspiriert und in seinem religiösen Empfinden angerührt. Das ist vor allem immer dann die Absicht des Künstlers, wenn er religiöse Gebäude – Moscheen, Grabmäler – mit Kartuschen ausschmückt, die in kalligraphischer Form Koranverse beinhalten. Neben dieser plakativen Form der Kalligraphie hat die Mystik der schiitischen Muslime eine symbolische Schreibkunst entwickelt, in der die Buchstaben auf Bedeutungen verweisen, die jenseits des alltäglichen Sprachgebrauchs liegen. Die Basmalah (Im Namen Allahs, des Barmherzigen und Gnädigen Gottes) erscheint in der Gestalt eines Vogels, die Buchstaben der heiligen Namen Allah, Mohammed, Ali, Hassan und Hussein fügen sich zu Gesichtern.
Die arabische Kalligraphie hat eine lange Tradition. Als in Europa die Herrscher die beschwerliche Kunst des Lesens und Schreibens ihren geistlichen Dienern überließen, war die Fähigkeit des schönen Schreibens in der islamischen Welt schon ein unabdingbares Wesen der weltlichen Herrscher. Sie schrieben selbst und ließen schreiben und wussten die Qualität schöner Schrift zu beurteilen. Und auch heute noch legt eine Institution, ein Geschäft oder ein gebildeter Mensch im arabischen Kulturkreis Wert auf einen schön geschriebenen Namen.
Manfred Wolff