1825, bereits im Alter von 16 Jahren, revolutionierte der französische Teenager Louis Braille die Welt – mit sechs Punkten. Er entwickelte die Blindenschrift, die seither das Leben blinder und sehbehinderter Menschen erheblich erleichtert. Heute kennt jeder diese Schrift, auch wenn die Wenigsten ihr System verstehen. Die Blindenschrift ermöglicht es, dass heute erfahrene Braille-Leser etwa 100 Wörter pro Minute lesen können, sehende Menschen schaffen zwischen 250 und 300 Wörtern.Auch Judiths Leben gestaltet sich durch die Brailleschrift leichter.* Sie ist geburtsblind, kam jedoch gesund zur Welt. Als Frühchen musste sie in den Brutkasten und bekam zu viel Sauerstoff, was dazu führte, dass sich die Netzhaut auflöste. Judith hat also eigentlich gesunde Augen, aber keine Netzhaut. Wie es ist, zu sehen, weiß sie daher nicht. Wie gut lässt sich der Alltag mit der Brailleschrift meistern? Wie schwer ist das Erlernen dieser Schrift? Darüber sprach Jana Illhardt für den strassenfeger mit der heute 28-Jährigen.strassenfeger: Wie funktioniert die Brailleschrift?Judith: Ich habe die Brailleschrift bereits einige Male vermittelt und sage immer, man soll sie sich vorstellen wie die Sechs auf dem Würfel. In zwei Reihen sind jeweils drei Punkte untereinander. Man kann es auch mit einer 6er-Packung Eier gut erklären. Die Punktschrift besteht aus diesen sechs Punkten, also den Punkten 1, 2, 3 auf der einen und 4, 5, 6 auf der anderen Hälfte. Die Kombinationen der Punkte ergeben die Buchstaben. Das A besteht beispielsweise aus Punkt 1. Das B ist Punkt 1,2. Das C ist Punkt 1,4. 2,3,4,5 wäre das T. So kann man viele Kombinationen bilden.
st: Gibt es für Sie einen großen Markt an Büchern, Zeitschriften und Zeitungen?J: Aktuelle Bücher werden nur vervielfältigt, wenn sie guten Anklang finden. Dann bemühen sich die Büchereien sogar, die Bücher zeitgleich zu produzieren. Diejenigen Bücher, die nicht in den Bestsellerlisten stehen, werden gar nicht oder erst später in Punktschrift produziert. Ich beziehe meine Bücher aus der Deutschen Zentralbücherei für Blinde. Dort kann man auch viele Zeitschriften erwerben. Ich greife auch auf Hörbücher zurück, nehme jedoch gern ein richtiges Buch in die Hand. Tagesaktuell lese ich über das Internet, weil das für mich am besten zugänglich ist.
st: Wie funktioniert das Lesen über den Computer?J: Ich schließe eine Braillezeile, ein Computerausgabegerät, angesteuert durch einen Screenreader, an. Die Braillezeile liest Zeichen eines ausgewählten Bildschirmbereichs aus und stellt sie in Brailleschrift dar. Ich habe bereits mein Abitur und meine Klausuren während des Studiums mit Braillezeile geschrieben. Bis zur 10. Klasse haben wir die Punktschrift richtig an einer Punktschriftmaschine geschrieben. Ab der Abiturstufe haben wir unsere Klausuren am Computer geschrieben. Ich mache mir vieles über den Computer zugänglich, weil es der einfachste Weg ist. Manche Dateien sind nicht „barrierefrei“. Wenn die Dateien aus einer Grafik entstanden sind, beispielsweise pdf-Dokumente, kann man sie als Blinder nicht lesen. Es gibt aber einige Seiten, auf denen man sofort tagesaktuelle Informationen bekommt, ohne dass es erst kompliziert umgesetzt werden muss.
Durch die Computertechnik kann man heute eng mit sehenden Menschen zusammenarbeiten, ohne dass diese, wie vor 20 Jahren, die Punktschrift lernen müssen. Das Erlernen der Blindenschrift ist heute für einen sehenden Menschen nicht mehr erforderlich, wenn er mit einem Blinden via Computer kommunizieren möchte.
st: Können Sie ein paar Dinge nennen, die den Alltag erleichtern?J: Ich habe einen kleineren Computer mit Terminkalender, Adressbuch, Textverarbeitung, den ich fast immer dabei habe. So kann ich mir unterwegs etwas aufschreiben. Das war vor 20 Jahren beinahe unmöglich. Damals war man auf die schwere mechanische Blindenschriftmaschine angewiesen. Sogar das Diktiergerät, das den Alltag leichter machte, braucht man jetzt nicht mehr. Auch die Handys sind mit Sprachausgabe ausgestattet. Das ist einfach toll. In manchen Bussen ist auf der Haltewunschtaste das F gedruckt. Medikamentenpackungen sind mit Blindenschrift versehen. Das erleichtert den Alltag, denn so muss ich nicht selbst alles kennzeichnen. Im Haushalt hat man Messbecher mit Punktschriftskala oder ein Farb-erkennungsgerät zum Wäschesortieren, das per Sprache funktioniert. Ansonsten beschrifte ich mir bestimmte Dinge, die für mich wichtig sind, selbst, wie CDs. Man kann den Alltag selbstständig meistern.
st: Wo liegen die größten Hürden?J: Was den Alltag erschwert, sind Touchscreens. Dahin geht die digitale Welt, aber für uns ist das ganz schlecht. Zwar kann ich als Blinde nicht verlangen, dass überall alles beschriftet ist, und wenn es beschriftet ist, muss man als Blinder auch wissen, wo das zu finden ist. Aber was vielleicht noch fehlt, sind mehr Wegbeschreibungen, die für Blinde ausgelegt sind. Ich kann einen Weg nicht auf der Karte erschließen, es sei denn, es gibt bereits eine Reliefkarte. Ein Sehender braucht die Wegbeschreibung nicht so detailliert. Es gibt Navigationssysteme für Blinde, die eine Distanz von zwei Metern haben. Das heißt, man ist genau an der Straße, wenn das Gerät es einem sagt. Ich bin aber noch kein Nutzer.
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die Menschen wissen müssen, dass wir uns auf der Straße orientieren können. Ich habe es bereits häufiger erlebt, dass die Leute beleidigt sind, wenn man mal die Hilfe ablehnt, weil man einfach allein klarkommt. Sie sollten das verstehen und wissen, dass sie dennoch gebraucht werden.
Ich freue mich sehr, dass sich der ABSV tatkräftig dafür einsetzt, dass die Orientierungsmöglichkeit für Blinde auf Bahnhöfen ausgebaut wird. Es gibt bereits bestimmte Bahnhöfe, auch in Berlin, wo man begonnen hat, Wegweiser in Blindenschrift zu installieren. Das hilft.
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Der strassenfeger sprach mit Frau Paloma Rändel, zuständig
für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins.
st: Wie entstand der ABSV?Rändel: Unter dem Motto „Blinde helfen Blinden“ wurde 1874 die älteste Selbsthilfeorganisation der Blinden und Sehbehinderten gegründet – damals noch unter dem Namen „Allgemeiner Blinden-Verein“. Vieles hat sich seitdem geändert, aber der Grundgedanke der Selbsthilfe ist geblieben. Auch im 21. Jahrhundert ist der direkte Austausch unter Betroffenen nach wie vor die Basis unserer Arbeit. Blinde und Sehbehinderte bewältigen gemeinsam ihre Behinderung und kämpfen im Verein für eine Verbesserung ihrer Situation.
st: Was ist das Ziel der Arbeit des ABSV?Rändel: Das Ziel besteht darin, den vielen Menschen, deren Augenlicht nachlässt oder die erblinden, zu helfen und ihnen Mut zu machen, ihre Sehbehinderung anzunehmen. Außerdem setzt sich der ABSV für eine gleichberechtigte Teilhabe der Betroffenen am gesellschaftlichen Leben und den Abbau von Barrieren in öffentlichen Einrichtungen und im Straßenverkehr ein.
st: Was genau tut der ABSV für Blinde und Sehbehinderte?Rändel: In der Auerbacher Straße 7 am Berliner S-Bahnhof Grunewald können sich Menschen mit nachlassendem Augenlicht von erfahrenen und teilweise selbst betroffenen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern kostenlos beraten lassen, u. a. zur Beantragung von Blindengeld oder des Schwerbehindertenausweises. Hier befindet sich auch eine Beratungs- und Verkaufsstelle für Blinde und Sehbehinderte mit Hilfsmitteln, die den Alltag erleichtern, wie sprechende Uhren, Großdruck-Bücher, Kalender und Uhren mit besonders großen Zahlen oder auch Telefone mit großen Tasten.
Menschen, die mit einer Sehbehinderung oder Blindheit konfrontiert werden, müssen viele gewohnte Abläufe neu lernen. Zur Erhöhung der Selbstständigkeit und Mobilität bietet der ABSV spezielle Trainings an. Eine Psychologin hilft bei psychischen Problemen.
Ganz wichtig ist der Kontakt untereinander. Besonders gefragt sind daher die vielfältigen Kultur- und Freizeitangebote des ABSV für blinde und sehbehinderte Menschen sowie die kostenlose Zusendung von Hörbüchern und Hörfilmen aus der Berliner Blindenhörbücherei. Für blinde und sehbehinderte Senioren bieten die Blindenwohnstätten Berlin, ebenfalls Einrichtungen des ABSV, seit 20 Jahren ein würdiges Zuhause.
st: Welchen (gesellschaftlichen) Problemen steht Ihre Vereinsarbeit gegenüber? Wie hat sich dies in der Geschichte des Vereins verändert?Rändel: Problematisch im Alltag ist, dass man vielen Blinden und Sehbehinderten ihre Sinneseinschränkung nicht ansieht. So passiert es nicht selten, dass Sehbehinderte, die sich erkundigen, welcher Bus vor ihnen steht, zur Antwort bekommen: „Können Sie nicht lesen, steht doch dran.“ Leider gibt es auch noch viele Vorurteile und Unkenntnisse bei Arbeitgebern, die sich beispielsweise häufig gar nicht vorstellen können, dass Blinde auch am Computer arbeiten können. Im Verlauf der 136 Jahre Vereinsgeschichte gibt es natürlich jede Menge technische Entwicklungen, von denen Blinde und Sehbehinderte profitieren: Es gibt moderne Hilfsmittel, mit denen Sehbehinderte ihren verbliebenen Sehrest optimal nutzen können, wie elektronische Lupen bzw. Bildschirmlesegeräte, oder Braillezeilen und Sprachausgaben, mit denen Blinde weitgehend selbstständig Informationen verarbeiten können. Mit den technischen Entwicklungen ist es jedoch nicht getan. Der ABSV wünscht sich von den Entscheidern in Wirtschaft und Politik sowie von allen sehenden Menschen Sensibilität, Verständnis und Courage, damit blinde und sehbehinderte Menschen nicht ausgegrenzt werden.
* Name geändert** Der ABSV, der Allgemeine Blinden- und Sehbehinder-tenverein Berlin, ist eine Berliner Selbsthilfeorganisation, die die ca. 20.000 sehbehinderten und 6.000 blinden Menschen in Berlin berät und deren Rechte vertritt. Auch Judith hat bereits von ihm profitiert.Unter www.absv.de kann man mit dem Programm „Dein Name in Blindenschrift“ den eigenen Namen in Brailleschrift schreiben.Wer den blinden und sehbehinderten Menschen in Berlin helfen möchte, kann das gerne mit einer Spende tun, denn der ABSV erhält keinerlei staatliche Unterstützung:Info:Interessierte können sich über die Entstehung der Blindenschrift und ihren Erfinder, Louis Braille, im Deutschen Blinden-Museum informieren.