Lange, lange ist es her, dass ich zuletzt einen Brief von Hand geschrieben hatte. Können Sie sich noch dran erinnern, wann Sie das zuletzt getan haben? Seitdem fast alle Menschen, die ich kenne, Internet haben, schreiben wir uns vorwiegend E-Mails oder - wenn es ganz eilig ist – eine SMS.Zu meiner Schulzeit lernten wir noch, wie ein handschriftlicher Brief gegliedert sein sollte, welche Anrede bei welcher Person verwendet wird und vor allem, dass die Handschrift sauber und leserlich zu sein hat. Zugleich sollte dieser vom Inhalt her nicht zu lange sein, dass er auf den Leser nicht erschlagend wirkt, aber zugleich vom Inhalt her klar verständlich sein. – Und heute?
Intimität der BriefeWir freuten uns immer über die Intimität und Individualität, die unsere Briefe hatten. So konnte man alles, was einem auf dem Herzen lag, seinen engsten Vertrauten schreiben. Mit der Maßgabe, dass es nur die Augen lesen, für die es bestimmt war. – So sehr wir früher auf einige Details beim Schreiben achten mussten, macht das heute für uns ein vorgefertigtes Computerprogramm. Und kommen wir mal doch einmal in die Verlegenheit, etwas von Hand zu schreiben, kommen wir schnell ins Trudeln, weil die einfachsten Dinge, die einen handschriftlichen Brief ausmachen, schon beim Schreiben des Briefkopfes zum regelrechten Gehirnjogging werden. Wie war das noch mit den Abständen zwischen Adressat und Absender? Und wie spricht mensch den künftigen Chef im Bewerbungsschreiben gleich wieder an? Mensch, was hat es uns die Computertechnologie leicht gemacht, unser Gehirn auf Sparmodus runterzufahren. Erschreckend, aber wahr.
FehlerfreiWie oft haben wir einen Brief an einen guten Freund neu zu schreiben begonnen, weil wir irgendeinen Rechtschreibfehler entdeckt hatten. Für einen Brief von der Länge einer A4-Seite waren schnell mal vier, fünf Stunden verbraucht. Der Brief an die Angebetete sollte schließlich perfekt sein und ein gutes Bild vermitteln. Weil der erste Eindruck immer der wichtigste ist, sollte jeder Brief möglichst fehlerfrei sein, und daher war häufiges Korrekturlesen vonnöten. All das nimmt uns heute die Software ab und erspart uns bis zu 75 Prozent der Zeit, die wir früher brauchten, und wir schonen auch noch die Umwelt.
Linienfrei von Hand schreibenSollten Sie mal wieder einen Brief von Hand schreiben, werden Sie merken, wie sehr Sie sich wieder auf das unlinierte Papier konzentrieren müssen, um die Zeilen nicht bergauf oder bergab wandern zu lassen. Wie ungewohnt es doch schon ist, einen Füller in der Hand zu halten und immer das Gefühl der Unsicherheit im Nacken zu spüren, dass es nicht so klappen könnte wie gewollt und Ihr Terminplaner Sie an die nächsten Termine erinnert, aber zugleich dieser Brief eine persönliche Note haben muss, um eine gewisse Ernsthaftigkeit in einer wichtigen Sache emotional zu unterstreichen.
Dadurch, dass ich mir oft noch handschriftliche Notizen mache, klappt es bei mir ganz gut, die Zeilen einigermaßen gerade zu halten. Aber einen handschriftlichen Brief möchte ich in der jetzigen Zeit nicht mehr schreiben müssen, weil auch ich zu verwöhnt bin von Computer und Internet.
Briefe aus der JVAAm besten trainiert mit den handschriftlichen Briefen sind unsere Verkäufer, die aus diversen Gründen in die Fänge der Justiz geraten sind und uns dann handschriftlich schreiben müssen. Der größte Teil ist immer wieder inhaftiert wegen Geldstrafen, die sie nicht bezahlen können – meist in Folge zu häufiger Schwarzfahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil mal wieder das Geld für die Fahrkarte fehlte. Nicht selten werden sie erwischt, wenn sie gerade auf dem Weg zu ihrem Betreuer oder Bewährungshelfer sind, um von diesem Geld zu bekommen, weil aufgrund von Suchterkrankungen einigen Menschen von den betreuenden Personen das Geld auf Raten zugeteilt wird. Aber nicht, dass diese ihre Probanden zu Hause besuchen, wie es angebracht wäre. Nein, sie senden ihnen in krakeliger Schrift eine Kurznachricht oder SMS (insofern Handy vorhanden), wann sie im Büro erscheinen dürfen, um die nächsten 20 Euro von ihrer Hartz-IV-Kohle abzuholen. Zumindest werden durch die vielen Inhaftierten Menschen die Handschrift und die handschriftlichen Briefe nie aussterben.
Gerald Denkler