Ich bin schon länger
strassenfeger-Verkäufer. Vielleicht kennen einige der Stammleser mein Verkäuferporträt aus der Ausgabe „Landpartie Brandenburg“, die im November 2009 erschienen ist?
Im September 2008kehrte ich von einer Langzeittherapie aus der Klinik Schweriner See zurück. Ich bin Alkoholiker. Es lief alles ganz gut an: Ich wohnte für zwei Monate bei meiner Schwester und bin dann in meine eigene Wohnung gezogen. Eine Freundin meiner Schwester besitzt einen Laden für Kinderspielzeug und Kinderbekleidung, wo ich einen Ein-Euro-Job bekam. Im JobCenter Berlin-Neukölln fand ich einen Flyer vom „Bildungsmarkt Vulkan“. Dieser Bildungsmarkt bietet Umschulungen an; sie dauern 16 Monate und man braucht dafür einen Bildungsgutschein vom JobCenter. Die betriebliche Ausbildung hätte ich im Kinderladen machen können.
Meine Sachbearbeiterin vom JobCenterBerlin-Schöneberg/Tempelhof schickte mich zuerst zum sozialpsychologischen Dienst, wo ich aufgrund meiner langen Arbeitslosigkeit und der Suchterkrankung auf meine schulischen Leistungen und Fähigkeiten getestet wurde. Ich besitze einen erweiterten Hauptschulabschluss, aber ich habe eine Rechtschreibschwäche. Ich kann einwandfrei lesen, doch beim Schreiben mache ich viele Flüchtigkeitsfehler. Während des Tests schrieben wir auch ein Diktat. Was mir zum Verhängnis wurde. Nach dem sechsstündigen Test war ich positiv gestimmt, dass es mit dem Bildungsgutschein klappt. Was sich leider als Irrtum herausstellte!
In einem anschließenden Gespräch teilte mir ein Mitarbeiter mit, dass ich aufgrund meines Diktates durchgefallen bin! Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich bis zur Abschlussprüfung 16 Monate Zeit haben würde, etwas für meine Rechtschreibung zu tun. Doch das interessierte ihn nicht die Bohne!! Er meinte nur, ein Bildungsgutschein sei teuer, und er werde die Ergebnisse an das JobCenter in Berlin-Schöneberg/Tempelhof schicken, die dann alles Weitere entscheiden würden.
Nach einer Wochehatte ich einen Termin bei meiner Sachbearbeiterin. Sie besprach mit mir noch einmal die Testergebnisse und erklärte mir, dass sie nicht alleine entscheiden könne; es seien mehrere Leute beteiligt, eine solche Entscheidung zu treffen. Von ihrer Seite aus hätte ich die Umschulung machen können – ein schwacher Trost! Für mich brach wieder einmal eine Hoffnung zusammen. – Was ich damit sagen möchte: Ich finde es einfach schade, dass Leute wegen eines Fehlers im Leben oder suchtkranke Menschen, die wieder auf die Beine kommen wollen, von Bürokraten, die denken, dass sie alles aus der eigenen Tasche zahlen müssen, einfach keine Chance bekommen, ins Arbeitsleben zurückzufinden!
Nun mache ich also das Beste, was ich laut JobCenter kann: den
strassenfeger verkaufen!
Thorsten