Mob e.V. – Obdachlose machen mobil

Wenn die Caymaninseln zustimmen und die Wall Street Ehrenmitglied der Ethik-Kommission wird

Ein Tag auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes

Die Spannung beginnt
schon im Eingangsbereich am Pressezentrum des Estrel-Hotels: Meine Tasche wird bis auf den Boden durchsucht, jedes Bonbonpapierchen vor dem Sicherheitsmann ausgebreitet. Mit einer anderen Sicherheitsangestellten diskutiert er, ob ein Regenschirm auch mit einem Sicherheitsband versehen werden muss. Schließlich wird der auch so bestückt, dann geht es, an vielen weiteren Türstehern vorbei, ins Redaktionszentrum von politikorange, dem Projekt für junge Medienmacher auf dem Bundeskongress des DGB.

Kurz vor 12 Uhr sind die politikorange-Mitglieder im Kongresssaal des Estrel-Hotels. Die Stimmen von Hunderten von Abgeordneten und Journalist_innen vermischen sich erst mit Peter Maffays, dann mit Herbert Grönemeyers Stimme aus der Lautsprecheranlage. Auf der Suche nach einem geeigneten Sitzplatz (mit guter Aussicht) ist bei diesem Andrang gar nicht zu denken. Immer mehr Menschen sammeln sich im Mittelgang des Kongresssaales, exakt dort, wo die Umstehenden ein paar Minuten zuvor verscheucht worden sind. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Menschentraube, die sich dort versammelt hat, bestens mit Kameras und Fotoapparaten ausgerüstet ist. Und da sitzt sie, lächelnd, neben DGB-Chef Michael Sommer, im grünen Jackett: Angela Merkel.

Wir werden zur Seite gedrängt,
wieder setzen sich die Sicherheitskräfte hier durch. Der Raum verdunkelt sich. Schnell flitzen die Reporter auf ihre Plätze; diejenigen, die etwas weniger Glück haben, nehmen im H-Block am Ende des Raumes Platz. Auf dem Bildschirm läuft jetzt ein alter Werbespot, der sich gegen rechte Gewalt wendet. Dann wird ein Teil der Bühne hell erleuchtet. Ein Frauenchor singt das Ärzte-Lied „Schrei nach Liebe.“ Junge Frauen, denn sicher ist keine älter als 30 Jahre, in schwarzen Kleidern. Das alles ist der Auftakt für die Eröffnungsveranstaltung. Motto: „Mut gegen rechts.“

Der Chor tritt ab, DGB-Vorsitzende Michael Sommer betritt das Rednerpult. „Ihr werdet in diesen vier Tagen Rechenschaft einfordern“, sagt Kollege Sommer. Dann malt er ein düsteres Bild, in dem Finanzhaie zuerst gegen Südeuropa spekulieren, bevor sie sich gegen Deutschland wenden. Angela Merkel fordert er auf, dem „Angriffskrieg der Hedgefonds dauerhaft den Garaus zu machen.“ Auch die freiwillige Selbstverpflichtung und die geplante Bankenabgabe prangert er als „keine vernünftigen Alternativen“ an, weil sie „Weichspüler für das schlechte politische Gewissen“ seien. Seine Stimme hat einen erstaunlich emotionslosen Klang. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass der Vorsitzende ein ruhiger Mensch ist. Vielleicht hängt es aber auch damit zusammen, dass die Rede und damit jedes noch so persönliche Wort und jeder Wortwitz schon vor Kongressbeginn in gedruckter Form für alle Journalist_innen zugänglich ausliegen?

Sommer fordert Angela Merkel
jetzt auf, die Finanzmärkte zu re-regulieren. „Aber warten Sie bitte nicht, bis auch die Caymaninseln zustimmen oder die Wall Street Ehrenmitglied der Ethik-Kommission wird.“ Lacher und Applaus, dann richtet sich die Schelte gegen Klaus Wowereit. „Lieber Klaus“, doch dann bleibt die Schelte aus. Stattdessen wird Klaus zugesichert, dass die Gewerkschaft an seiner Seite steht, bevor er ohne besonderen Elan auf die „völlig unsinnige Schuldenbremse“ im Grundgesetz eindrischt.

Mit Angela Merkel weht eine sanfte, grün gedresste Brise zum Rednerpult. Sie verteidigt die Schuldenbremse ebenso wie die Rente mit 67, verspricht aber, nicht auf die Caymaninseln zu warten, während sie die Faust ballt und die Finger streckt. Der Finanztransaktionssteuer hingegen, die sie schon in einigen Tagen verteidigen wird, erteilt sie hier zunächst eine Absage. Doch vielleicht deutet sich ihre Zusage aber an diesem Morgen auch schon an: „Natürlich kann ich für die Finanztransaktionssteuer sein! Mein Gott, das kost‘ mich gar nischt.“
Laura Fricke

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