Eberhard Klöppel, Bildreporter der „Neuen Berliner Illustrierten“ (NBI) von 1976 bis 1991, fotografierte in den achtziger Jahren in mehreren Bilderserien den Abriss des Gaswerks mit seinen riesigen Gasometern an der Danziger Straße (von 1950 bis 1995 Dimitroffstraße) und die Entstehung des Bauensembles „Ernst-Thälmann-Park“. Unter dem Titel „Berlin – Ecke Greifswalder. Fotografien 1978-1987“ sind jetzt Klöppels Bilddokumente zur Umgestaltung des innerstädtischen Areals in einem beeindruckenden Fotoband im Lehmstedt Verlag erschienen.
Das im Mai 1981 stillgelegte Gaswerkan der Danziger Straße verkokte über 100 Jahre Kohle und produzierte Stadtgas für die Hauptstadt. Es war das älteste und am längsten aktive Berliner Gaswerk. Der ab 1982 eingeleitete Abriss des Relikts aus der Zeit der industriellen Revolution entlastete die Luft im Osten Berlins maßgeblich. Als 1984 der Letzte von drei Gasometern – praktisch Wahrzeichen des Bezirks – unter dem Vorwand statischer Probleme gesprengt wurde, gab es jedoch Proteste der Bevölkerung, die sich gegen die politisch gewollte Schleifung dieses Denkmals richteten. Der für DDR-Zeiten starke zivile Widerstand sprach sich für eine kulturelle Nutzung aus, wurde aber ignoriert. Ein neu errichtetes Planetarium an der Prenzlauer Allee sollte die Gemüter beruhigen. Auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerkes entstanden neben dem Ernst-Thälmann-Park inklusive dem monumentalen Ernst-Thälmann-Denkmal von Lew Kerbel (1917-2003) auch Hunderte neuer Plattenbauwohnungen. Offizielle Einweihung war am 15. April 1986.
Den gesamten Umnutzungsprozess des Areals zwischen Danziger Straße, Prenzlauer Allee, Greifswalder Straße und S-Bahn Ring hat Eberhard Klöppel über Jahre mit seiner Kamera abgelichtet und dokumentiert. Angefangen mit wunderbaren Fotos alter Industriearchitektur, über Sozialdokumentationen, die den Alltag und die Realität der Arbeitswelt im Gaswerk ungeschönt abbilden, bis hin zu den Fotostrecken zur Entstehung des Ernst-Thälmann-Parks und seinen Bewohnern.
Zwei Fotowelten existiertenin der DDR nebeneinander – einerseits die inszenierten Aufnahmen von stolzen Erbauern des Sozialismus, andererseits die sachlich dokumentierten Bilder vom Leben der DDR fern der Produktionserfolge und Jubelmärsche. Obgleich Eberhard Klöppel für die offiziellen Medien der DDR arbeitete, zeigt sich in seinen Schwarz-Weiß-Bildern vom alten Gaswerk und den dort arbeitenden Menschen auch der Verfall des Sozialismus, die Tristesse hinter den Kulissen und zugleich eine unspektakuläre Schönheit, ein sensibles Menschenbild. Darüber hinaus gibt Klöppel mit differenziertem Blick in mehreren Fotoserien einen Einblick in das Leben im neu erbauten Wohngebiet Ernst-Thälmann-Park mit seinen Geschäften und Freizeitangeboten. Seine Aufnahmen von den Bewohnern der sechs- bis fünfzehngeschossigen Plattenbauten präsentieren Porträts, die in den Gesichtern der Menschen zu lesen verstehen. Ob Anwohner beim Straßenfest, Schüler bei der Einschulung, Bewerberinnen für die Misswahl im Kulturhaus Wabe, skurrile Karnevalisten oder Punks im Jugendklub: Hier gelingen dem Beobachter Klöppel Studien über die Selbstpräsentation von Menschen in unterschiedlichen Situationen, die sehr genau eine unwiederholbare Atmosphäre einer vergangenen Zeit einfangen.
ChristophEberhard Klöppel, Berlin – Ecke Greifswalder. Fotografien 1978-1987, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2010. 24,90 Euro.