Das Berliner Bioklima – die roten Bereiche markieren die Zonen mit der stärksten Wärmebelastung in der Nacht. (Ausschnitt)
Quelle: Jörn Welsch III F 12 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
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Herkömmliche Klimamodelle funktionieren großräumig. Für sie ist Deutschland – und damit seine Städte – nur Wald und Heide. Dank des allgemeinen Klimawandels wächst nun aber auch das Interesse an den klimatischen Besonderheiten urbaner Räume. Jörn Welsch ist in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für diesen Bereich zuständig. Dem strassenfeger hat er erklärt, worum es dabei geht.strassenfeger: Was macht ein gutes Stadtklima aus?Jörg Welsch: Im Wesentlichen eine funktionierende Frischluftzufuhr, die für Zirkulation und Abkühlung sorgt. Das klingt in so einem kalten Winter nicht besonders aktuell, aber die problematische Zeit für das Stadtklima ist der Sommer und nicht der Winter.
sf: Was ist das Problem?J. W.: Die Hitze ist bioklimatisch für den Organismus älterer und schwacher Menschen eine ziemliche Belastung. Da ist Nachtabkühlung sehr wichtig, damit sich die Leute regenerieren und Reserven für die Wärmebelastungen des nächsten Tages aufbauen können. In sehr warmen Nächten ist ein gesunder und erholsamer Schlaf aber kaum noch möglich.
sf: Was bedeutet „bioklimatisch“?J. W.: Bioklima bezieht das Klima auf die Menschen. Dabei geht es nicht nur um die Temperatur, sondern auch um die Reaktion des Menschen darauf und um sein subjektives Empfinden. Das hängt auch noch von anderen Faktoren wie Wind, Luftfeuchtigkeit, Sonnen- und Wärmestrahlung ab. Als Testperson für das Bioklima dient der sogenannte „Klima-Michel“, ein fiktiver Durchschnittsbürger, 37 Jahre alt und 70kg schwer. Diese Einschränkung bedingt, dass empfindlichere Personengruppen wie alte Menschen und Kleinkinder bisher nur unzureichend berücksichtigt werden.
sf: Bioklimatisch dürfte aber auch der Winter ein Problem sein.J. W.: Das ist eher ein Versorgungsproblem, der Körper muss ausreichend gewärmt werden. Grundsätzlich bereitet die Kälte dem Organismus aber weit weniger Probleme als die Hitze.
sf: Ist es zutreffend, was im Magazin des Mietervereins zu lesen stand: dass das Berliner Zentrum mit 10,5 Grad Jahresdurchschnittstemperatur einer der wärmsten Orte Deutschlands ist?J. W.: Dieser Wert stammt vom stadtklimatisch besonders beeinflussten Alexanderplatz, pauschal für das Gebiet innerhalb des S-Bahnringes lässt sich das aber nicht sagen. Das Klima in einer Großstadt wie Berlin ist sehr heterogen und kleinteilig, wie man am Umweltatlas deutlich erkennen kann.
sf: Hat Berlin ein typisches Großstadtklima?J. W.: Obwohl Bodenerhebungen fehlen, um die Luft in Bewegung zu halten, hat Berlin im Vergleich zu anderen Metropolen günstige Voraussetzungen und nur in Teilen der Stadt besteht das Potenzial für stärkere bioklimatische Belastungen. Das hat geografische und historische Gründe: Insgesamt ist die Stadt nicht sehr dicht bebaut, die Bahntrassen und die vielen Wasserwege stellen ein gutes Luftleitsystem dar. Dank des Kalten(!) Krieges gibt es noch immer eine scharfe Stadtkante, über die frische Luft gut in die Stadt strömen kann, ohne sich, wie in vielen anderen Städten, in dichten Speckgürtelsiedlungen zu verfangen. Durch Verdunstung wird frische Luft aber auch in der Stadt selbst erzeugt, auf den Grünflächen, von den vielen Straßenbäumen und – den weitsichtigen Stadtplanern 19. und frühen 20. Jahrhunderts sei Dank! – in den großen Volksparks.
sf: Derzeit wird die Zukunft des Tempelhofer Flughafenfelds diskutiert. Ist die Erhaltung dieser Freifläche für Berlin „systemrelevant“?J. W.: Es würde nicht gleich das ganze Stadtklima umkippen deswegen. Aber für die dicht bebauten Wohngebiete in ihrer Nähe ist diese Fläche sehr wohl systemrelevant – man sagt nicht umsonst oft „Kühlschrank“ dazu.
sf: Wie wird sich die Klimaerwärmung auf das Stadtklima auswirken?J. W.: Berlin liegt ohnehin in einer sehr trockenen Gegend, die Sommer werden aber noch trockener und heißer werden. Hitzesommer wie der von 2003 werden keine Jahrhundertereignisse mehr sein, sondern vielleicht alle sechs oder sieben Jahre vorkommen. Im Gegenzug werden die Winter milder und feuchter und vermutlich wird es mehr Extremwetterereignisse geben. Aber Vorsicht, das sind Projektionen, die weit in die Zukunft reichen und sehr unsicher sind!
Das Gespräch führte Gregor StadloberInfo zum Bild:Das Berliner Bioklima – die roten Bereiche markieren die Zonen mit der stärksten Wärmebelastung in der Nacht.Weitere Informationen: Auf www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas finden sich zahlreiche Karten, die von der Lärmbelastung über die Luftgüte bis zur Bodenbeschaffenheit detailliert Auskunft über das Innenleben der Stadt geben.